Glück und Schönheit sind zwei Paar Schuhe. Daniel Küblböck

Zurück zu den Graswurzeln

Die Volkspartei ist nicht zwangsläufig dem Untergang geweiht. Aber sie wird sich ändern und wieder von unten nach oben blicken müssen, um ihre Potenziale abzurufen.

Es ist eine Herkulesaufgabe geworden, ein gutes Wort für die Volksparteien einzulegen! Der Tenor der Politikjournalisten und –wissenschaftler steht dagegen. Tatsächlich weisen viele Daten auf Probleme hin: Rückgang der Mitglieder, der Stammwähler und der Wahlergebnisse, um nur die wichtigsten „Kronzeugen“ zu nennen. All das ist Wasser auf die Mühlen von Peter Lösche, dem Übervater aller Untergangspropheten, der die politischen „Dickschiffe“ für gesellschaftlich, politisch und historisch überholt und dem Untergang geweiht sieht. Es wäre zwar sträflich naiv, wenn wir glauben würden, wir könnten in die „goldenen Zeiten“ der Organisations- und Mitgliederstärke der 70er zurückfinden. Aber ist es nicht sinnvoller, darüber nachzudenken, wo heute die Potenziale liegen, als rituell mit dem Totenglöckchen zu wedeln?

Volksparteien bleiben wertvoll

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Debatte über die Volksparteien, dass die Analysen über ihr nahendes Ende ganze Bibliotheken füllen. Für die Publikationen, die aufzeigen, was an ihre Stelle treten könnte, welcher Weg zurück zu neuen Kräften führt, braucht man nicht mal ein halbes Regal. Wie aber soll in einer derart segmentierten Gesellschaft politischer Wille gebildet werden? Wer vollbringt den Spagat, für das Ganze zu stehen und zugleich das kulturelle, ökonomische, soziale und konfessionelle Interesse des Einzelnen im Blick zu haben? Occupy? Plebiszite? Nein, Volksparteien bleiben wertvoll, vorausgesetzt, sie begreifen die Zeichen der Zeit und die veränderten Erwartungen der Menschen: Nicht mehr Weltanschauungslieferanten wie in den 70ern – „Problemlösungsagenturen“ sind gefragt. Nicht die Quantität ihrer Mitglieder, die Qualität ihrer Leistungen steht im Vordergrund.

„Was nutzt es mir?“ ist eine legitime Frage des Wählers. Das Wirken der Volkspartei muss sich – bei Fragen der Bildung, des Zusammenhalts von Generationen und Gesellschaft, der öffentlichen Sicherheit oder der langfristigen Stabilisierung der Gemeinschaftswährung für den Bürger erkennbar auszahlen. Kraftvolle politische Führung ist dabei der Schlüssel. Aber er muss zu Hause in das Türschloss der Bürgerinnen und Bürger passen. Viele sehen sich selbst als die „kleinen Leute“. Das ist nicht nur materiell gemeint, sondern drückt das Gefühl aus, von „denen da oben“ nicht ernst genommen zu werden.

Dem Bürger zur Seite stehen

Die Volksparteien haben eine ungewisse Zukunft, wenn sie nicht diesen Eindruck der Selbstbezogenheit überwinden. Sie müssen zurück zu ihren Wurzeln und zwar zu ihren „Graswurzeln“, den Bürgerinnen und Bürgern im wahrsten Sinne des Wortes wieder nahekommen, das Gras in der Kommune vor Ort wachsen hören, zuhören, die Sorgen und Nöte der Menschen aufnehmen. Ein Unwort wie der „vorpolitische Raum“ (noch schöner sind nur die „Menschen da draußen“) gehört aus dem politischen Vokabular gestrichen.

Zuhören reicht aber nicht. Der Ideenreichtum der Menschen vor Ort muss sich in der Politik entfalten können. Eine Volkspartei muss zur Mitgestaltung einladen, selbst dann, wenn dieses Mitmachen in Zeiten gewandelter Werte sporadisch, interessen- oder nur themengeleitet sein sollte. Sie muss jenen, die Initiative ergreifen – man denke nur an die vielen Kindergärten, die Eltern selbstinitiativ errichten – als „Ermöglicher“ zur Seite stehen. Volkspartei ist die Partei, die den Bürgern Gelegenheit bietet, sich für die Lösung politischer Sachfragen – die großen Zukunftsfragen ebenso wie der Bahnhof und die Kita vor Ort – zu engagieren. Volkspartei der Zukunft wird sein, wer den Bürger wieder überzeugend „hereinzieht“ in die Politik. Der Versuch ist es wert!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nicolai Dose, Oliver D'Antonio, Christian Junge.

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