Der Terrorismus wird es nicht soweit bringen, dass wir unsere Werte selber in Frage stellen. Gerhard Schröder

Ein Keim der Hoffnung

In Israel sollte eine Mauer gegen Selbstmordattentäter gebaut werden. Dass sie unvollendet blieb, liegt an einer Gruppe Hobbits.

Überall nur „kölsche Tön“. Herrlich. Vertraute Töne mitten im Heiligen Land und das aus einem palästinensischen Mund: Einen Hauch von rheinischem Akzent hat er, der Partner der Stiftung, der uns mit spürbarer Freude und unübersehbarem Stolz durch mehr als 3000 Jahre Kulturlandschaft führt. Kein Wunder, so etwas passiert eben, wenn man sein Master-Studium der Umweltwissenschaften („ja sujet kann man wirklisch studiere“) ausgerechnet in Köln absolviert.

Mohammed Obidallah ist der bemerkenswerte Mann, der uns einen wirklich spannenden Samstagvormittag in der achten Woche unserer „Reise nach Jerusalem“ bereitet. Er arbeitet in Battir, keine sechs Kilometer von Jerusalem entfernt, gleich in der Nähe des biblischen Zoos. Fast in Sichtweite der Stadt und leider doch Welten von Israel entfernt, weil jenseits der Waffenstillstandslinie gelegen und eigentlich auch jenseits der Sperranlagen. Eigentlich! Die Vernunft hat bislang noch gesiegt, aber dieses „noch“ ist außerordentlich fragil und – schön-schauriges Wortspiel – keinesfalls in Stein gemeißelt oder besser gesagt in Beton gegossen.

Wo die Woche acht Tage hat

Im Januar war es eigentlich schon so weit und die Bagger standen mehr oder weniger bereit: Eine der letzten Lücken der Mauer, die mehr als 700 Kilometer lang ist, sollte an dieser Stelle entlang der Bahnlinie Jerusalem-Tel Aviv geschlossen werden, um Israelis vor Selbstmordattentätern zu schützen. Wenn der Bau an dieser Stelle wie geplant durchgezogen würde, dann würde das nicht nur die üblichen schwerwiegenden Folgen haben, die diese Anlage bei allem Verständnis für das israelische Sicherheitsbedürfnis mit sich bringt, nämlich dass sich das Leben der Menschen hinter der Anlage massiv erschwert, dass sich die täglichen Wege verlängern, dass sich das über Jahrzehnte gewohnte Leben verändert, dass die wirtschaftliche Lebensgrundlage beeinträchtigt wird und dass die Menschen Besitz und Zugangsrechte verlieren.

Nein, in diesem Fall – und das macht die politische Brisanz des Themas aus – würde überdies ein kleines technisches, kulturelles und soziales Weltwunder unwiederbringlich zerstört, das nicht ohne Grund seit diesem Sommer auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste steht und zugleich auf der Liste der akut bedrohten Welterbestätten.

Weltwunder – klingt übertrieben? Ist es aber nicht, denn wenn es um dieses Fleckchen Erde geht, purzeln in den Reiseführern und einschlägigen Internetseiten nur so die Superlative: das grüne Herz, der Garten Eden, Obst- und Gemüsekorb Jerusalems, weltbeste Auberginenproduktion, einzigartiges Kulturdenkmal, Paradiesgärtchen und so weiter und so fort. Für unsere Kinder im Übrigen die wahre pure Freude: Wenn schon unbedingt „Besichtigungen“ am Wochenende, dann wenigstens mal ein Denkmal, das nicht mausetot und laaangweilig, sondern intakt und im wahrsten Sinne des Wortes quicklebendig ist. Eltern wissen: Wasser geht immer!

Das ist nämlich exakt das Geheimnis dieses Ortes: ein jahrtausendealtes und ausgeklügeltes Bewässerungssystem! Wasser, das aus insgesamt sieben Quellen hervorspringt, wird in Zisternen aufgefangen und dann über kleine Kanäle, Zwischenbecken und Auffangbehälter auf insgesamt über 320 Hektar bewirtschaftetes Land verteilt. Und wie alles wächst und gedeiht, kann man riechen und schmecken. Nun ist der Orient ja nicht gerade arm an interessanten Gerüchen, aber hier in Battir liegt ein besonderer Atem von Minze und Basilikum, Limonen und Zitronen in der Luft. Es ist wirklich so, als sei man inmitten einer kargen steinigen Landschaft plötzlich in eine Oase geraten.

Dieses uralte von den Römern erbaute Bewässerungssystem ist nicht nur deshalb einzigartig, weil es technisch so gut funktioniert. Nein, selten war der Terminus „Kulturdenkmal“ so zutreffend, denn es geht hier nicht nur um mehr oder minder sinnvoll drapierte Steine, sondern auch um soziale Kultur: Seit vielen Jahrhunderten sind acht große und alteingesessene Familien jeweils an einem Tag in der Woche verantwortlich, den Fluss des Wassers in die Terrassen über das Kanalsystem zu gewährleisten und dürfen für sich selbst die Terrassen, für deren Bau, wie man schätzt, fünf Millionen Steine bewegt worden sind, feucht und fruchtbar halten. Der Mensch, der dem Menschen bekanntlich normalerweise „ein Wolf ist“, ist hier domestiziert und Egoismus durch ein eingeübtes faires System verhindert worden. Mohammed Obidallah grinst und sagt: „Na ja, in Battir hat die Woche eben acht Tage.“ Montag, Dienstag, ach was, hier tragen die Wochentage die Namen der Familien, die das Wasser kontrollieren!

Sommerfrische für Jerusalem

Battir ist noch aus einem anderen Grund ein kleines Wunder. Denn es ist zugleich ein Symbol dafür, dass ein gedeihliches Miteinander, ein Geben und Nehmen, auch in erbitterten Konflikten zwischen beiden Seiten möglich ist und man sich dann doch aufeinander verlassen kann. Da die Waffenstillstandslinie von 1949 mitten durch Battir ging, waren die Battiris von ihren Feldern abgeschnitten. Man schloss ein Abkommen, indem den Einwohnern das ungewöhnliche Recht gewährt wurde, ihre Felder auch jenseits der Waffenstillstandslinie, also jenseits der Bahnlinie auf israelischem Gebiet, zu hegen und zu pflegen. Im Gegenzug waren die Terrassenbauern von Battir bereit, Angriffe auf den Zug zu verhindern, der Jerusalem und Tel Aviv verbindet.

Kein Geringerer als der spätere Verteidigungsminister Mosche Dajan hat den Battiris damals dieses Versprechen gegeben und abgenommen, das dann sogar im Waffenstillstandsabkommen von 1949 seinen Niederschlag fand. Über sechs Jahrzehnte ist das außerordentlich gut gelungen. Kein einziger Stein ist in dieser Zeit auf den Zug geflogen. Kein Krieg, keine Besetzung des Westjordanlandes, keine Intifada, keine Gaza-Operation hat das je geändert. Im Gegenteil, die Battiris nutzten selbst den Zug und den damals noch bestehenden Bahnhof, um ihre begehrten Waren zu den Märkten zu bringen. Battir selbst war so etwas wie die „Sommerfrische“ für Jerusalem.

Die zweite Intifada hat auch hier alles verändert. Nicht nur, dass die Battiris nun nicht mehr den ungehinderten Zugang zu den Märkten Jerusalems haben. Seit 2005 besteht außerdem der Plan, die Sperrmauer mitten durch die Terrassen zu führen. Bereits kurz unterhalb der Häuser, die sich malerisch an den Hang gruppieren, stünde der Sicherheitszaun. Dagegen geht Battir seit dieser Zeit entschlossen vor. Zunächst mit einem Widerspruch beim israelischen Verteidigungsministerium bis hoch zum obersten Gericht, das, erstaunlich genug, dem Verteidigungsministerium aufgab, mögliche Alternativen aufzuzeigen. Bei diesem ungleichen Kampf haben sich die Menschen von Battir einen ebenso starken wie auch interessanten „Sekundanten“ an die Seite geholt.

Jeder Dialog wird beäugt

Auch wenn es in Israel und dem Westjordanland nicht gerade eine brutale Unterversorgung gibt, was die Präsenz von NGOs und vergleichbaren Institutionen anbetrifft, die politischen Stiftungen gar nicht mal ausgenommen, gibt es einige, die an Einfluss und an Effektivität durchaus herausragen. Dazu gehören in Israel ganz gewiss die „Friends of the Earth – Middle East“, die sich unter anderem auch die Bewahrung von Battir auf die Fahnen geschrieben haben. Sie sind nicht nur deshalb erstaunlich, weil sich in ihren Reihen israelische, jordanische und palästinensische Umweltschützer und – Aktivisten aus Israel, Jordanien und Palästina zusammengeschlossen haben, sondern auch deshalb, weil sie den Kopf nicht in den Wolken, sondern die Beine auf dem Boden haben und sehr konkrete Projekte im Bereich Umweltschutz, Wasser- und Energieversorgung betreuen und voranbringen.

Um gleich ein betriebsinternes Geständnis abzulegen: Aus den „Friends of the Earth – Middle East“ sind bei uns bürointern kurzerhand die „Friends of the Middle Earth“ geworden, besser bekannt als – sehr liebevoll gemeint – die Hobbits. Und das passt zu unseren Partnern in diesem Fall wie der buchstäbliche Ring auf den Finger. Wer Tolkiens „Herr der Ringe“ kennt und liebt, weiß, dass die Hobbits mutige, zupackende Kerle sind, die mit ihren Füßen auf dem Boden stehen, den Frieden lieben und bringen wollen, die Grenzen überwinden und letztlich erfolgreich bleiben, gegen alle noch so widrigen Hindernisse und Widerstände. Davon gibt es allerdings reichlich. Die Erdenfreunde des Mittleren Ostens haben eigentlich mit zwei Fronten zu kämpfen: Der palästinensische Teil dieser machtvollen NGO ist mit der sogenannten Anti-Normalisierungsbewegung konfrontiert, die jede Dialogmaßnahme, jedes bilaterale oder gar trilaterale Projekt von Israelis und Palästinensern, ggf. auch Jordaniern, extrem misstrauisch beäugt, weil sie der Auffassung ist, dass das den Status quo zementiert.

Sie fordert einen Abbruch jeder Zusammenarbeit, solange die Besatzung nicht beendet und die Errichtung eines eigenen Staates der Palästinenser nicht erreicht sind. Der israelische Teil der NGO hat mit ähnlichen Problemen auf der israelischen Seite zu kämpfen. Eine NGO, die schon in sich auf den Dialog angelegt ist und damit auch die Palästinenser auf Augenhöhe sieht, wird zumindest mit Nationalisten so ihre Probleme haben. Kein ganz leichtes Umfeld also, aber welches Umfeld ist im Heiligen Land schon wirklich leicht?

Ein einmaliger Vorgang

Unsere „Hobbits“ haben in Sachen Battir einen klugen Schachzug vollzogen, der zugleich unter Beweis stellt, dass es in Israel viele Institutionen gibt, die sachorientierte Entscheidungen treffen.
Durch eine eigene Klage zwangen sie die israelische Naturschutzbehörde, Stellung zu nehmen. Und die sprang den Umweltschützern 2013 hörbar bei und betonte, dass es ein „öffentliches Interesse“ auch von israelischer Seite gäbe, diese besondere und wertvolle Gegend zu schützen und es notwendig sei, nach Alternativen zu suchen. Ein ziemlich einmaliger Vorgang, dass in Sicherheitsfragen eine Behörde öffentlich und offiziell einer anderen Behörde widerspricht. In der vergangenen Woche schließlich die vorerst erlösende Nachricht aus dem Kabinett, dass dem Verlauf der Mauer bis auf Weiteres nicht seine Zustimmung erteilt. Freilich erwartbar gegen die Stimme von Naftali Bennett!

Klar, die „Grüne Linie“ wird nun in Battir elektronisch überwacht, klar, ein Meilenstein ist das nicht, klar, die Freiheit ist für die Battiris noch immer eingeschränkt. Aber das, was das Heilige Land eben auch ausmacht und immer wieder den kleinen Keim der Hoffnung einpflanzt, das ist die Tatsache, dass neben Irrationalitäten immer wieder auch Vernunft und Sachlichkeit tritt. Hoffen wir, dass es diesem Pflänzchen wie den Super-Auberginen aus Battir geht: Immer genug Wasser und neue Nahrung für eine gute Zukunft an den Hängen Jerusalems.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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