Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erstmal reden. John F. Kennedy

Der Zuschauerdefekt

Je mehr Menschen Zeugen einer Gewalttat werden, desto weniger greifen ein und helfen. Dieses Verhaltensmuster ist auch Ausdruck der politischen Müdigkeit unserer Gesellschaft, in der wir zu unserer eigenen Gefahr werden. Es gilt, dieses Muster zu durchbrechen.

Gestern vor 51 Jahren wurde die Amerikanerin Kitty Genovese auf ihrem Nachhauseweg in New York brutal vergewaltigt, ausgeraubt und ermordet. Der Anschlag zog sich über eine halbe Stunde hin, fand an verschiedenen Orten statt und wurde von mindestens 38 Menschen beobachtet, von denen genau einer eingriff. Eine Person öffnete ihr Fenster und fragte, was da los sei, woraufhin Mörder Mosley die Flucht ergriff. Sonst tat niemand etwas. Die schwer Verwundete Genovese schleppte sich zu dem Apartmentkomplex, in welchem sie lebte und brach zusammen. Mosley folgte ihrer Blutspur und vergewaltigte sie erneut. Noch acht Mal stach er auf sie ein, raubte sie aus und verschwand. Wenig später entdeckte Karl Ross die bewusstlose Frau und rief die Polizei. Genovese starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Fall stiftete allerlei Unmut und Panik. Wie konnte es sein, dass so viele Menschen stumpf dabei zusahen, wenn einer von ihnen auf diese Weise attackiert wurde?

Zu Unrecht vertrauen wir auf das Kollektiv

Von diesem Fall her rührt der Begriff Genovese-Syndrom, auch bekannt als Bystander-Effect, zu Deutsch: Zuschauereffekt. Die wissenschaftliche Theorie besagt, dass umso mehr Menschen einen Gewaltakt beobachten, die Wahrscheinlichkeit immer geringer wird, dass einer von ihnen den Opfern zur Hilfe kommen wird. Das klingt absurd und kann einen Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Denn im Alltag fühlen wir uns geschützt durch unsere Gesellschaft. Die anderen Einkaufenden im Supermarkt würden mir helfen, wenn etwas geschähe. Darauf vertrauen wir ganz automatisch. Manchmal erleben wir das ja sogar. Wir sehen Menschen, die jemandem aufhelfen, der gestolpert ist. Menschen, die Taschentücher reichen oder sogar solche, die sich einmischen, wenn Unrecht geschieht. Doch in letzterem Fall nennen wir es dann auch Zivilcourage und sehen die Besonderheit darin. Nicht umsonst raten Antigewalttrainer*innen schon seit vielen Jahren einstimmig, bei Gefahr solle man niemals um Hilfe, sondern stets „FEUER!“ brüllen. Denn Feuer ist eine Gefahr, die jeden Einzelnen treffen könnte. Wer mir helfen soll, muss in die Gefahr involviert werden. Nur so können Zuschauende zu Helfenden werden.

Dabei würde es in vielen Fällen schon reichen, wenn nur eine einzige der beobachtenden Personen die Polizei rufen würde. Doch oft passiert auch das nicht. Denn wir vertrauen: IRGENDJEMAND wird das schon machen. Schließlich sind wir viele. Und genau dieses Vertrauen ist der Grund dafür, dass es eben genauso oft nicht funktioniert.

Verantwortungslosigkeit ist Unmündigkeit

Das grundsätzliche Problem in einem solchen Fall ist die Aufteilung der Verantwortung. Je mehr Menschen eine Gewalttat beobachten, in desto kleinere Anteile wird die Verantwortung der Zeugen zerteilt. Hier haben wir es mit einem großen Unvermögen unserer Gesellschaft zu tun. Denn ob es meine Verantwortung ist, steht für mich außer Frage, sobald ich zu denen gehöre, die bei einer Attacke gegen die eigene Person die Hilfe der anderen wünschen. Verantwortung ist eine Haltung, kein Ereignis. Eine Haltung, die uns offenbar fehlt und deren Abträglichkeit letztlich für unsere Unmündigkeit spricht. Denn nur die unmündigen Bürger*innen vertrauen darauf, dass andere an ihrer statt agieren.

Wir können nur sicher sein, dass jemand helfen wird, wenn wir zu diesem jemand werden. Es schadet nicht, wenn sich alle Zeugen gleichermaßen verantwortlich fühlen, zu handeln. Im Gegenteil. Nur so sind sie stärker als die Angreifenden. Die große politische Mündigkeit beginnt mit diesem kleinen Gedanken, mich immer und zu jeder Zeit für alles verantwortlich zu fühlen. Wer einem Mitmenschen in Gefahr nicht helfen will, wird zur Gefahr für uns alle. Wir sollten lernen, uns unserer Verantwortung zu stellen. In jeder noch so kleinen Situation unseres Alltags. Nur so können wir uns letztlich gemeinsam für das Wohl aller Menschen einsetzen, was am Ende unser eigenes Wohl garantiert.

„Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“ (George Bernard Shaw)

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Meike Büttner: Ihr Heuchler!

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