Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Kerstin Bund

Ihr Heuchler!

Kann es sein, dass Eure sogenannte Solidarität in Wahrheit einfach nur Euer Schiss vor dem Tod durch Terror vor der Haustür ist?

„Ihr Heuchler!“, war das Erste, was ich dachte, als ich die Flut an Kommentaren überflog, die mein letzter Text mir eingebracht hatte. Auch unzählige E-Mails erhielt ich von Euch, in denen Ihr mir klarmachen wolltet, wie dumm, unverschämt und herzlos ich sei. Nicht mein erster Shitstorm, ganz sicher aber der erste mit so viel Heuchelei.

Bestimmt können wir Satire nicht mit Cordula Stratmann vergleichen. Diesen Einwand kann ich gerne gelten lassen und gebe hiermit feierlich all denjenigen unter Euch recht, die ihn vorbrachten. Dass Ihr die Yesmen dabei überlesen wolltet: Geschenkt! Auch den Vorwurf des Rassismus kann ich gerne einschränken.

Man kann das dezidierter betrachten. Dass Rassismus hingegen unwillentlich von „Charlie Hebdo“ reproduziert wurde, ist durchaus auch eine legitime Haltung dazu. Denn beispielsweise das Bild von Justizministerin Christiane Taubira für sich genommen, eignet sich prima als Wanddekoration für x-beliebige Nazitreffs. Und wer es dort so hängen sieht, käme sicher schwerlich auf die Idee, dass es eine Kritik an einer anderen Abbildung sei. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Frankreich die Algerier über 200 Jahre wie Tiere behandelte. In diesem Kontext wird die „Sensibiliät“ vielleicht deutlicher, mit welcher die Unterdrückten auf derlei Bilder reagieren.

In Wahrheit nur Angst?

Aber Ihr habt alle das Recht, da anderer Meinung zu sein und das ließe sich sogar lange (und friedlich) diskutieren. Alle anderen Einwände weise ich weit von mir. Sehr weit! So weit weg wie, sagen wir doch passenderweise einfach mal Nigeria oder Syrien!

Denn wer der Meinung ist, der islamistische Terror sei so grausam, sollte unbedingt alles dafür tun, um die weltweiten Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. In Syrien, Nigeria und in anderen afrikanischen, asiatischen und arabischen Staaten sterben täglich Menschen durch diesen Terror. In unserer Mitte findet der Terror selten statt. Zuletzt geschah es in Norwegen. Dort starben 77 Menschen durch den christlichen Fundamentalisten Anders Behring Breivik. Oder wie wollen wir den Drohnenkrieg der USA bezeichnen, der sich über zahlreiche Länder ergießt? Und woher haben die Terroristen eigentlich ihre Waffen???

Was ist mit dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg mit 70 Mrd. Toten? Wer hat das angefangen? Muslime wurden über 200 Jahren kolonialisiert. Der arrogante Westen hat in der arabischen Welt so viel mehr Terror angerichtet als umgekehrt. Als zum Beispiel der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mosaddegh die Ölindustrie im Iran verstaatlichen wollte, haben USA und Großbritannien ihn weggeputscht. Schon mal was von der klangvollen Operation Ajax gehört? Deren Öl für unser Spüli! Sind wir schon so weichgespült? Was ist mit dem westlichen Terror? Sind wir auf diesem Auge vielleicht völlig blind?

Wenn Euch das alle so solidarisch macht, dann setzt Euch ein für diese Opfer. Mit Eurem eigenen Namen! Zeigt endlich Gesicht für diese Menschen. Niemand – wirklich NIEMAND – hat irgendwas davon, dass Ihr auf Facebook Euer Profilbild ändert! Oder war es vielleicht gar keine Solidarität, die Euch diesen Reflex erzeugte?! Darf ich vielleicht annehmen, dass es in Wahrheit nur Angst war? Jetzt, wo Ihr den Terror plötzlich vor der eigenen Tür erleben musstet? Ist Eure sogenannte Solidarität in Wahrheit einfach nur Euer Schiss vor dem Tod durch Terror gewesen? Oder vielleicht Gruppendynamik? Eine neue Möglichkeit der Indentitätsstiftung 2.0? Ein Trend, an dem endlich wieder Geld verdient werden kann? Wo ist der Leitgedanke hin, mit seinem eigenen Namen für etwas einzustehen? Hilft Euch diese Masse, damit Ihr nicht alleine zum Opfer von Gewalt werden müsst?

„Satire darf alles!“, wurde Tucholsky zitiert. Habt Ihr den wirklich mal gelesen? Derselbe Tucholsky schrieb zum Beispiel in einem Brief an Ossietzky: „Satire hat auch eine Grenze nach unten.“ Muslime sind in Frankreich eine Minderheit. Eine Redaktion, bestehend aus weißen männlichen Westeuropäern, hat diese Grenze also ganz sicher überschritten, wenn sie eine solche Minderheit immer wieder angreift und deren Gefühle verletzt. Und wer nun einwenden möchte, dass die Karikaturen sich nicht gegen die Muslime im eigenen Land richten, der darf gerne noch mal weiter oben anfangen. Die westliche Welt bildet seit Jahrhunderten pro-westliche Regierungen in den arabischen, asiatischen und afrikanischen Ländern. Wer sind die Unterdrückten und wer ihre Unterdrücker? Macht es Euch mal nicht zu leicht.

Ich bin entsetzt

Das nächste angebliche Zitat, was immer wieder gebracht wurde, sei von Voltaire und lautet: „Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.“ Dieses Zitat lässt sich in seinem Werk nirgends finden, weil es von einer seiner Biografinnen, Evelyn Beatrice Hall, stammt. Sie bezieht sich damit auf seinen Essay über Toleranz, wo er schrieb „Denkt für Euch selbst und lasst anderen das Privileg, es ebenso zu tun.“

Insofern: Danke, dass Ihr mich einfach selbst denken lasst, was ich eben dazu denken möchte, ohne dafür mit Euch einen Chor einstimmen zu müssen und noch eine kleine Frage dazu: Du würdest also wirklich dafür sterben, dass ich diesen Text hier schreiben durfte??? Meinst Du das nun als Witz oder als Satire?

Da ja viel zitiert wurde und ich annehmen darf, dass es Euch gefällt, Zitate von berühmten toten weißen Männern zu reproduzieren, schenke ich Euch hier noch eines von Adorno. In seinem berühmten Essay „Ist die Kunst heiter?“ schreibt er: „Was einmal Komik war, stumpft unwiederbringlich sich ab; die spätere ist verderbt zum schmatzend einverstandenen Behagen.“ Und er fügt noch hinzu: „Satire ist blind gegen die Kräfte, die im Zerfall freiwerden.“

Dem kann ich mich bedingungslos anschließen. Ihr müsst das natürlich nicht tun. Schließlich war da ja das mit der von Euch immer wieder erwähnten Meinungsfreiheit. Klingt dieser Text jetzt irgendwie beleidigt? Wenn Du das denkst, sage ich Dir: „Okay, ist Deine Meinung.“ Mein Gefühl ist allerdings ein anderes: Ich bin entsetzt. Entsetzt über so viel Heuchelei und Arroganz und die sprachliche Gewalt, mit der Ihr versucht, andere Meinungen niederzubrüllen. Meine Solidarität gilt allen Opfern jeglicher Gewalt auf der ganzen Welt!

Peace out!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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