Die SPD bräuchte mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke. Johannes Kahrs

Ich bin nicht Charlie Hebdo

Die Sinnlosigkeit der Tat in Paris macht mich fassungslos. Aber ich für meinen Teil kann und will mich nicht identifizieren mit dem Blatt.

Lesen Sie auch Meike Büttners Kolumne Ihr Heuchler, die sich mit den Reaktionen auf diesen Text beschäftigt.

Dass mich hier ja kein Mensch falsch versteht: Meine erste Reaktion, nachdem ich dumm genug gewesen war, mir ein Video des Anschlags auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ anzusehen, war ein tiefer Schock. Ich schaltete das Video aus und spürte die totale Leere in mir. Einige Minuten später raffte ich mich zum Kochen auf, wobei ich in heftige Tränen ausbrach. Mich packten so viele Gefühle gleichzeitig, dass ich sie gar nicht ordnen konnte. Die Sinnlosigkeit der Tat machte mich fassungslos, ohnmächtig und panisch.

Denn auch ich gehöre zu den Menschen, die mit ihrer Meinung Geld verdienen. Auch mein täglich Brot ist es, Werte zu vertreten, die naturgemäß nicht mit denen aller anderen übereinstimmen. Ergo könnte auch ich ein Opfer derer werden, die andere Ansichten haben als ich. In Worten werde ich das ständig. Nur ist bisher zum Glück noch keiner von Euch aufgetaucht und hat mich einfach abgeknallt und ich hoffe auch, dass Ihr weiterhin davon absehen könnt.

Dennoch komme ich nicht hinterher, wenn Massen von Menschen nun plötzlich erklären, sie seien Charlie Hebdo. Die hashtags #JeSuisCharlie und #CharlieHebdo trenden seit dem Vorfall bei Twitter und zahlreiche Menschen ändern ihre Profilbilder in dieses Statement. Eben habe ich es schon als Bild in einer Autorückscheibe gesehen. Alle sind nun Charlie Hebdo. Auch die SPD, die 2006 gegen die „Titanic“ klagte, weil Satire wohl doch nicht alles darf, ist jetzt Charlie.


Ich für meinen Teil kann und will mich nicht identifizieren mit dem Blatt. Zum einen lebe ich noch, zum anderen gefallen mir Blätter wie „Titanic“, „Charlie Hebdo“, „Mad“, „Raketa“ etc. einfach nicht. Tim Wolff, Chefredakteur der „Titanic“, mag recht haben, wenn er auf ntv.de schreibt:

Komik schafft Distanz zu bedrückenden Ereignissen, sie erlaubt, uneigentlich über eigentlich Unerträgliches zu sprechen – und so den Schrecken zu bekämpfen.

Aber das gibt ihr in meinen Augen nicht das Recht, gleich neue bedrückende Ereignisse zu erschaffen. Dass Witze auch lustig sein können, ohne Gefühle zu verletzen, beweisen in meinen Augen beispielsweise die Yesmen oder meinetwegen Cordula Stratmann, die sich in ihren Rollen lieber über sich selbst als über andere lustig macht.

Es gibt viele Arten von Humor, aber jener, der sich nur immer über vermeintliche Fehler anderer erhebt, bringt mich eben einfach nicht zum Lachen. „Charlie Hebdo“ hat zahlreiche rassistische Witze gerissen und nur allzu oft Hass als Spaß maskiert. Und wir wissen wohl alle noch vom Schulhof, dass ein Witz nicht immer nur zum Lachen gedacht ist. Oft genug ist es das Ziel eines solchen Witzes, Menschen zu verletzen. Damit kann ich mich schlicht nicht identifizieren.

Im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen bin ich übrigens auch nicht überzeugt, dass die Tat von al-Qaida verübt wurde. Wenn in Deutschland ein Asylheim brennt oder ein Mensch mit Migrationshintergrund auf offener Straße gejagt und verprügelt wird, sprechen Justiz und Medien immer wieder gerne von „vermeintlich politischen Hintergründen“, im Falle des Pariser Anschlags wird bereits Minuten nach der Tat diese Behauptung ausgesprochen. Nicht einmal als Verdacht markiert, sondern als schlichte Tatsache. Das Finden eines Personalausweises ist übrigens kein Beweis. Und ich will sicher nicht behaupten, dass diese Tat nicht von islamistischen Terroristen begangen wurde.

Ich finde es schlicht fragwürdig, dass es hierbei keiner weiteren Ermittlung bedarf, bevor diese These sich über die ganze Welt verteilt und völlig emotionalisiert wird. Ja, auch ich fühle heftige Emotionen bei einem Verbrechen dieser Art, auch mich packen Panik und Trauer angesichts dieser Gewalt, aber ich bin darum lange nicht bereit, mich eindeutig zu positionieren. Die Entindividualisierung ist immer auch ein Mittel des Fundamentalismus. Ich bin auf jeden Fall gegen jede Form der Gewalt, aber ich bin auch ebenso gegen das Abschaffen von Individuen. Ich bin Meike Büttner.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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