Es ist schon verrückt, was der Fußball aus mir macht. Oliver Kahn

Transparenz ist Terror

Das moderne Europa ist verwirrt. So kurz vor der Europawahl sind immer wieder zwei Forderungen zu vernehmen, die vorne und hinten nicht zusammenpassen.

„Ich kann nicht, wenn jemand zuschaut!“, wirbt die Piraten-Partei mit einem Manneken Pis auf dem Plakat. Die Grünen haben sich ebenfalls eine solche Anspielung auf den Überwachungsskandal für eines ihrer Plakate vorgenommen und zeigen einen amerikanischen Weißkopfseeadler mit Abhörgeräten in den Händen. Auf seiner Brust prangen die Buchstaben NSA. Die Forderung unter dem Bild: „Gegen unbegrenzte Abhörmöglichkeiten“.

Es sind vor allem die Oppositionsparteien, die diese Forderung momentan ständig und überall herausbrüllen. Wir wollen nicht überwacht werden. Das wollen wir einfach nicht. Stattdessen fordern dieselben Menschen aber oft das genaue Gegenteil dieser Position. Denn ein Wort, das in fortlaufenden Wirtschaftskrisen auch immer populärer wird, nennt sich Transparenz.

Vollkommene Durchsichtigkeit

Um auf die Paradoxie dieser Forderungen zu kommen, braucht man nicht einmal tief zu graben. Transparenz ist die vollkommene Durchsichtigkeit. Überwachung ist die Methode, mit der man sie erlangt. Transparenz für alles und jeden kann nur existieren, wenn alle Fakten zu jeder Zeit offen liegen. Und genau das wollen wir nicht. Jedenfalls nicht für uns selbst. Wir wollen es für die anderen.

Die Transparenz ist der Terror 2.0, mit dem moderne Gesellschaften sich heute herumschlagen müssen. Wir versuchen uns zu schützen vor der Offenlegung unseres Privatlebens, während wir gleichzeitig die Offenlegung der anderen Identitäten fordern.

Jeder macht sich gemein in diesem Spiel und keiner will sein Opfer sein. Wir wollen Kontrolle. Wir wollen wissen, was die anderen hinter unserem Rücken treiben und wir wollen die Kontrolle, selbst zu entscheiden, was die anderen alles über uns erfahren.

Bestimmt sind Sie auf Facebook, richtig?! Bestimmt geben Sie Tag für Tag ganz freiwillig dem Rest von uns preis, was wir über Sie wissen dürfen, oder etwa nicht?! Teilweise ist das sogar sehr viel, was wir über Sie erfahren dürfen. Da sind Sie vielleicht auch gar nicht so zimperlich und teilen bereitwillig auch Informationen über andere Menschen. Zum Beispiel, wo Sie jetzt gerade mit einer anderen Person zum Essen sind oder ein Bild von Ihrer Tochter, die gerade das erste Mal Brei gegessen hat. In diesem modernen Panoptikum fühlen Sie sich sogar wohl.

Vielleicht glauben Sie ja, Informationen auszutauschen oder Kommunikation zu betreiben. In Wahrheit werden Sie zu einer Marke. Und auf keinen Fall tun Sie irgendetwas anderes als die großen Unternehmen oder Parteien. Sie wollen alles über die anderen wissen und dabei selbst entscheiden, was wir über Sie wissen. Gleich einem Unternehmen, das eine Marke schafft, legen Sie sich Ihre Facebook-Identität zu, die Sie uns sympathisch machen soll. Sie selbst ordnen sich dabei ganz praktisch ein in Käufergruppen, auf die Kooperationen ihre Werbung zuschneiden können. Sie selbst machen sich durchsichtig, aber Sie glauben, darüber Kontrolle zu haben. Eine Kontrolle, die Sie den anderen nicht gönnen. Und mittels Transparenz würden Sie gerne erreichen, dass alle anderen genau diese Kontrolle verlieren.

Mehr Vertrauen und Souveränität

Was unserer Gesellschaft fehlt, ist aber weder Transparenz noch Überwachung. Beide Forderungen vereinen ein und dasselbe Problem. Was unserer Gesellschaft tatsächlich fehlt, ist Vertrauen und Souveränität. Politische Macht funktioniert nur mit dem Vertrauen derjenigen, die andere ermächtigt haben. Vertrauen ist das Gegenteil von Kontrolle.

In ihrem Essay „Macht und Gewalt“ erklärte Hannah Arendt 1970, dass Macht niemals eine Person innehaben kann, sondern immer nur eine Gruppe. Es sind Interessensgemeinschaften, die Menschen ermächtigen, im Namen der anderen zu sprechen und zu handeln. Macht kann eine einzelne Person demnach nie erlangen. Sie ist immer nur zu erreichen durch das Vertrauen derjenigen, deren Interessen man vertreten soll. Gewalt beginnt, wo diese Macht gebrochen wird. Nur ein Herrscher, dem niemand mehr vertraut, braucht Gewalt, um seine Position halten zu können. Die Anwesenheit von Gewalt ist also ein Merkmal der Abwesenheit politischer Macht.

Darum lag Peer Steinbrück auch gar nicht so falsch, als er zur Empörung aller sagte, dass die vollkommene Transparenz ein Merkmal totalitärer Regimes sei. Transparenz ist Terror. Für jeden Einzelnen. Und sollten wir sie jemals tatsächlich durchführen, so wird es unseren Staat in einen Verwaltungsapparat zurückwerfen, der von der Registrierung des Vergangenen lahmgelegt wird. Es wird uns für nichts mehr Zeit bleiben als für das Erfassen der Vergangenheit, um diese kontrollieren zu können. Vielleicht sollten wir es einfach mal wieder mit Vertrauen und Souveränität versuchen und Politik lieber visionär in Richtung Zukunft denken, anstatt uns mit unnützer Kontrolle aufzuhalten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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