Ein Dummkopf sollte nicht zu viel Raum einnehmen. Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Körperfülle an. Karl Kraus

Eine Frage der Gerechtigkeit

Was haben Prostitution, Armut und die NSA-Affäre gemeinsam? Alle drei sind Symptome ein- und derselben Krankheit.

Die Debatte um Prostitution erinnert mich an einen alten Witz. Kommt ein Mann zum Arzt, zeigt auf seine Milz und sagt: „Herr Doktor! Wenn ich hier drücke, tut es weh.“ Anschließend zeigt er auf seine Schulter: „Wenn ich hier drücke, tut es weh.“ Er fährt fort und weist nun auf sein Knie. „Hier ebenso.“ Er verfährt weiter so und deutet auf diverse Stellen seines Körpers, bis der Arzt ihn unterbricht und diagnostiziert: „Herr Patient, Sie haben einen gebrochenen Zeigefinger.“

Wenn wir auf die Prostitution zeigen, tut das weh. Denken wir über die enorme Armut in Europa nach, schmerzt es mindestens ebenso. Blicken wir auf die NSA-Affäre, krümmen wir uns vor Unbehagen. Was hier so wehtut sind aber keine Krankheiten, sondern die verschiedenen Symptome einer einzigen Krankheit: Wir kränkeln an der Ungleichheit.

Prostitution ist eine Folge der Ungleichheit

Für ein 2010 erschienenes Buch haben die Soziolog_innen Kate Pickett und Richard Wilkinson zehn Jahre lang internationale Wirtschaftsdaten studiert und mit umfassenden sozialen Erhebungen verglichen. Das Buch trägt den sperrigen Titel „Gleichheit ist Glück – Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind“ und weist eindrücklich nach, dass in Ländern mit größerer Einkommensgleichheit weniger gesellschaftliche Zerwürfnisse herrschen. Die Länder mit der größten Einkommensgleichheit sind Japan und einige skandinavische Länder und sie zeichnen sich aus durch weniger Kriminalität, weniger Drogendelikte, weniger Jugendschwangerschaften und mehr geistige und körperliche Gesundheit als die anderen Staaten.

Sogar das Vertrauen untereinander und die Bereitschaft, einander zu helfen, wächst dieser Auswertung nach mit der sozialen Gerechtigkeit. Wenn wir wirklich etwas gegen soziale Brennpunkte unternehmen wollen, kann es uns also gar nicht helfen, einzelne Milieus per Gesetz zu verbieten. Wir können die Milieus der Prostitution, der Bildungsferne, des Menschenhandels und anderer Problemfälle nicht verbannen. Sie sind Ausdruck einer strukturellen Schieflage, an die wir uns heran trauen müssen. Sie sind Folge der Ungleichheit.

Wir müssen uns einige Fragen stellen. Würde eine Frau sich auch prostituieren, wenn sie kein Geld dafür bekäme? Sagen wir, ganz naiv gedacht, wenn es gar kein Geld gäbe?

Aus dieser Antwort können wir sehr schlau werden. Lautet die Antwort nein, so könnten wir uns sicher sein, dass ihre Prostitution wohl doch keine allzu freiwillige Beschäftigung ist. Antwortet die Betroffene mit ja, so ergibt sich daraus, dass es dann vielleicht gar keine Prostitution ist und die Dame in diesem Moment vielleicht ihren Freier viel mehr „benutzt“, als dieser sie „benutzt“. Denn auch wenn sie „gekauft“ ist, so ist es ja sie, die entscheidet, dass sie offenbar die wertvollere in diesem Gespann ist und suggeriert, dass der Freier ihr mehr bieten muss als seiner selbst. Sie schafft sich damit einen Wert. In einem solchen Fall drängt sich die Frage auf, warum für angeblich einvernehmlichen Sex einer der Beteiligten bezahlen muss.

In einer Vision einer Gesellschaft, in der jede Existenz gesichert wäre und darüber hinaus alle die Chancen hätten, den selben Status zu erreichen, würde Prostitution sich vielleicht sogar von selbst auflösen, bzw. gegen einvernehmliche Verabredungen zum Sex mit Unbekannten ausgetauscht. Noch drastischer, zurück zu der naiven Version von einem Staat ohne Geld: In diesem gäbe es Prostitution tatsächlich nicht. Sex zwischen Unbekannten würde aber weiterhin existieren. Vielleicht sollten wir uns mal fragen, weshalb wir überhaupt unser ganzes Leben von wirtschaftlichen Entscheidungen abhängig machen müssen. Es ist im Grunde uninteressant, wie eine Prostituierte sich dann entscheiden würde, zu leben. Wie würden Sie sich entscheiden zu leben, wenn Sie nicht gezwungen wären, täglich für ihren Unterhalt zu arbeiten? Ich bin sicher, die meisten Menschen würden andere Leben führen als ihre gegenwärtigen.

Die Krankheit an der Europa momentan massiv leidet, nennt sich Ungleichheit. Und während in Griechenland, Portugal, Bulgarien und Spanien die Menschen zu Tausenden auf die Straße gehen, um gegen die wirtschaftliche Ausbeutung der Bevölkerung zu protestieren, wähnen sich die Deutschen noch auf der sicheren Seite. Wir betrachten uns als Kreditgeber für all diese Abtrünnigen, nicht merkend, dass wir diejenigen sind, die am Ende dieser Kette stehen. Denn die Rolle des Kreditgebers wird sich wandeln.

Das Finanz-System bröckelt weiterhin. Während die EU sich mit der Begleichung des Schadens befasst, indem sie Kredite vergibt, wird leider vergessen, gesetzliche Bestimmungen gegen einen erneuten Finanzcrash zu beschließen. Die verbrecherische Energie einiger Bankster wird also weiterhin über unser Schicksal entscheiden dürfen. Die Immunität der Banken bleibt ungebrochen, die Bevölkerung kommt für den Schaden auf. Folgen wir weiterhin diesem Pfad, so wird es schon ganz bald Deutschland sein, das diesen finanziellen Anforderungen nicht mehr wird nachkommen können. So wie bereits 16 Mio. Menschen in Deutschland, die arm oder „von Armut bedroht“ sind. Wir alle sind hier bedroht. Und zwar nicht von der Prostitution, sondern von der Ungleichheit der Macht. Macht ist es auch, die bei der Prostitution eine große Rolle spielt. Macht ist es, die über Armut entscheidet.

Schluss mit den Pauschalisierungen

Die Debatte der Freiwilligkeit verliert sich ohnehin unter diesen Fakten. Denn solange keine Statusgleichheit herrscht, ist nicht auszumachen, welche Motive einen zu einer „freiwilligen“ Entscheidung veranlassen. Man könnte glatt so weit gehen zu sagen, dass wir uns im Grunde alle prostituieren. Denn ich bin zum Beispiel freiwillig Autorin. Welche Texte ich hingegen an welcher Stelle veröffentliche, hat oft weitaus weniger mit Freiwilligkeit zu tun als viel mehr mit meiner finanziellen Sicherheit. Wir sollten nicht länger mit gebrochenem Zeigefinger auf ausgezogene Leute zeigen. Die Frage ist, wie wir die Armut besiegen und die Ungleichheit loswerden. Und wir sollten vor allem aufhören, unsere Argumente auf Pauschalisierungen aufzubauen. Denn zu allen in der Debatte verwendeten Behauptungen gibt es keine anerkannten Zahlen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christiane Howe, Eva Högl.

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