Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

„Es gibt ein Rennen darum, welche Universität die Welt unterrichten wird“

Mit Google.org versucht der Konzern mithilfe seiner Kerntechnologien positive Entwicklungen zu ermöglichen. Megan Smith, Leiterin der Initiative, sprach mit Inanna Fronius und Alexandra Schade über die Zukunft des Lernens und Fachkräfte in Entwicklungsländern.

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The European: Sie haben gesagt, dass wir uns auf das Zeitalter des Wissens zubewegen und irgendwann jeder Zugang zu Wissen haben wird. Aber ist dieser Optimismus eigentlich gerechtfertigt? Afrika ist als gesamter Kontinent ja ziemlich von Internet abgeschnitten.
Smith: Die Anwendungen von Google gehen praktisch um die ganze Welt. Aber sicherlich gibt es in Teilen Afrikas oder Zentralasiens keinen Zugang. Interessant ist, dass es an vielen Orten Einschränkungen durch Telekommunikationsfirmen gibt, und so eine Art Blase geschaffen wurde. Aus dem Grund kann man auch Leute mit mehreren Handys sehen. Wenn ein Gebiet aber erst einmal dereguliert wurde, gibt es normalerweise 40, 50 oder 60 Prozent Durchdringung mit Handys – sogar in kleinen Dörfern. Eigentlich ist es wirklich interessant, dass, was die Medien und das Fernsehen betrifft, es circa 60 Prozent Zugang gibt und nur 30 Prozent Zugang zu Elektrizität. Also kaufen die Menschen Generatoren und Solarmodule und tun alles, was sie können, um Zugang zu bekommen. Es ist spannend, dass außerdem innerhalb der letzten zwei Jahre mehrere wichtige Kabel an der Ostküste Afrikas verlegt wurden, die jetzt in das Land hineinreichen und mehr Vernetzung ermöglichen.

The European: Allerdings ist dieser Vorgang relativ teuer. Können sich die Menschen das überhaupt leisten?
Smith: Es ist eine so großartige wirtschaftliche Herausforderung, welche sich aber von selbst lösen wird. Die Menschen legen mehr und mehr Kabel und beginnen, dafür Geld zu bekommen. Viele kleine Geldbeträge summieren sich. Deswegen ist der aufkommende Markt eine riesige Gelegenheit – egal ob für Energiefirmen oder Telekommunikationsfirmen – in diesen Markt hineinzukommen. Wenn diese Infrastruktur da ist, schaffen die talentierten Unternehmer aus diesen Ländern Anwendungen, und Google hat Büros in Kenia, Ghana, Nigeria, Ägypten, Südafrika und anderen Ländern eröffnet, wo wir hart daran arbeiten, dort Suchmaschinen, Youtube und Maps zugänglich zu machen. Es gibt kleine, mittlere und große Unternehmen auf der ganzen Welt, deswegen machen wir die normale Arbeit und erkunden zusätzlich Innovationen und Erfindungen, die vielleicht eher textbasiert sind. Außerdem gibt es unglaubliche Unternehmer und Existenzgründerprogramme: Zum Beispiel NaiLab in Nairobi, welches ein neues Inkubatorprogramm ist, von einer großartigen sozialen Innovationsgruppe gegründet wurde und in demselben Haus sitzt, in dem ich helfe. Ein weiteres Programm, an dem wir beteiligt sind, heißt Umbono. Es gibt auch eins in Herat, Afghanistan, dessen Gründungsteam aus 20 fähigen Informatikern bestand. Sie kamen zusammen, haben dort Frauen kennengelernt und schließlich vier neue Firmen gegründet.

„Wir werden mehr Chancengleichheit haben“

The European: Sie meinen also, dass das Talent da ist. Aber wie können Investoren angeworben werden, wenn in Afrika manchmal keine richtige Infrastruktur vorhanden ist?
Smith: Das findet bereits statt. Es gibt Investoren aus Afrika, die in ihr eigenes Land und Talent investieren, wenn sie eigentlich in andere Orte hätten investieren können, aber da eben kein Talent vorhanden war, auf das aufgebaut hätte werden können. Außerdem investieren auch andere Menschen an diesen Orten. Die Chancen sind riesig, denn es gibt 900 Millionen Menschen in Afrika, 30 Millionen in Afghanistan und wenn der Grundstein erst einmal gelegt ist, dann sind alle Arten von Anwendungen möglich. Also kommen viele verschiedene Technologiefirmen in diese Gebiete, genauso wie talentierte Unternehmer. Eines der interessantesten Dinge, die ich beim Gespräch mit den Google Africa-Teams erfuhr, ist, dass viele Menschen ihre Freunde während der Finanzkrise nach Hause kommen sahen – das waren zum Beispiel begabte Personen, die in Großbritannien, Frankreich oder den USA studiert hatten. Für diese Absolventen schränkte die Finanzkrise die Jobmöglichkeiten ein, und als sie wieder zurückkehrten, gründeten sie ihre eigenen Unternehmen. Meiner Meinung nach werden wir über kurz oder lang mehr Chancengleichheit haben. Das passiert nicht innerhalb des nächsten Jahres, aber in fünf oder zehn Jahren werden wir ein anderes Bild von diesen Orten haben. Ich denke auch, dass diese Entwicklung zum Frieden beiträgt, da wirtschaftliche Chancen die Bevölkerung nicht in eine negative Richtung tendieren lassen – und das ist wirklich außergewöhnlich.

The European: Das Projekt “One Laptop per Child” hat viel Beachtung gefunden. Aber ist es nicht problematisch, dass nur eine begrenzte Anzahl von Kindern so etwas erhält? Wäre es nicht nützlicher, dieses Geld in die Erzeugung von Infrastruktur zu stecken, bevor man technische Geräte verteilt und den Umgang damit lehrt?
Smith: Man braucht von beidem ein bisschen; um etwas zu erfinden, ist Erneuern und Testen nötig. Deswegen sehe ich „One Laptop per Child“ als eine Art Vorlage – jetzt ist es einfach nur ein kleines Experiment. Eines Tages wird es vielleicht eine Formalität sein. Es geht darum, zu testen und zu sehen, wie es funktioniert – es wurden also viele dieser Laptops ausgegeben. Das heißt nicht, dass sie die richtige Lösung sind, aber es bedeutet, dass die große Vision ist, für jedes Kind ein eigenes Gerät zu haben – also ist das Projekt quasi ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es gibt diese Geschichte über ein kleines Mädchen in Südamerika, welches weit oben in den Bergen wohnt. Eine Woche nach Erhalt des Laptops hatte sie auf Youtube ein Video von einer Kuh hochgeladen, die gerade ein Kalb zur Welt bringt. Die Leute fragten sich, wie sie das Internet und das Hochladen verstanden hatte und wie sie bemerkt hat, dass eine Kamera dabei ist. Aber der technische Wandel kam nach ihrer Geburt und für sie war es einfach normal. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen den gleichen Namen wie eine Sängerin aus ihrem Dorf trug. Sie hat ihren Namen in das kleine Kästchen eingegeben und heraus kam der Name der Sängerin sowie ein Youtube-Video von ihr. Das Mädchen hat also die Technologie genutzt wie das ABC. Daher muss man meiner Meinung nach an allen Seiten arbeiten, um den Grundstein für Entwicklung zu legen. Dazu muss man den außergewöhnlichen Lehrern helfen. Ebenfalls muss man die Kinder beobachten und schauen, was funktioniert und was nicht.

„Es ist gut, Dinge freizugeben“

The European: Sie haben für die MIT Corporation gearbeitet, welche eine der wenigen Organisationen ist, die fast all ihre Arbeit veröffentlicht. In Deutschland ist das oftmals nicht so. Sollten sich mehr Institutionen öffnen?
Smith: Ich finde, dass es eine große Chance für solche Institutionen wäre, sich zu öffnen. Manche Menschen werden über Jahre hinweg zur Universität gehen. Andere aber werden an dem Ort lernen, wo sie sich gerade befinden und für diese würde die Öffnung von Institutionen Vorteile bringen. Also ist es fast wie ein Rennen darum, welche Universität es schafft, die Welt zu unterrichten. Somit ist es gut, Dinge freizugeben. Es tut nicht weh und hilft anderen. Es gibt ein interessantes Beispiel dafür. Wir haben mit Google ein Projekt – das Art Project – gestartet. Dazu sind wir in mehrere Museen gegangen und konnten dort „Street View“ entlang der Gänge machen, um diese unglaublichen Kunstwerke festzuhalten. Manche dachten, die Museen würden dadurch Geld verlieren, weil niemand mehr kommt. Aber stattdessen gingen die Besucherzahlen hoch und es war fast wie Marketing. So wurden die Besucherzahlen in allen Museen bedeutend gesteigert.

The European: Denken Sie, dass das Internet Bildung demokratisiert?
Smith: Das ist definitiv so. Wir wissen noch nicht einmal genau, was passiert, aber wenn Menschen zusammenarbeiten, ist nicht der Inhalt, wie etwa das Video einer Vorlesung, wichtig, sondern die Interaktion mit anderen. Ein Schüler der High School erzählte über Biologieunterricht und davon, wie kompliziert er war. Anstatt jeden Schüler am Ende des Jahres den Unterrichtsstoff wiederholen zu lassen, wurde ein gemeinschaftliches Dokument erstellt und alle konnten Dinge hinzufügen, die sie vorher gelernt hatten. Das Ganze wurde 20 Seiten lang und das Lesen und Wiederholen fiel den Schülern leichter. Denn anstelle eines riesigen Berges an Informationen konnten die Schüler die interessantesten Informationen zusammentragen. Die Menschen werden Erstaunliches lehren und lernen, Leute unterschiedlichen Alters werden Dinge wissen, die man von ihnen nicht erwartet. Junge Kinder werden im Kindergarten Genetik lernen. Worüber auch immer man etwas lernen möchte und wofür man eine Leidenschaft hat, kann man jetzt tun.

„Das Klassenzimmer kann anders aussehen“

The European: Aber ist Zugänglichkeit auch eine Mitwirkungsmöglichkeit? Es muss jemanden geben, der mir erklärt, kritisch mit den von mir aufgerufenen Informationen umzugehen.
Smith: Ich denke, es gibt zahlreiche Wege. Was ich spannend finde, ist, dass der Lehrer davon wegbewegt werden kann, seine ganze Zeit mit dem Format der Vorlesung zuzubringen. Da gibt es zum Beispiel einen amerikanischen Lehrer mit der Seite khanacademy.org, welcher Vorlesungen aufnimmt. Und eine der Schulen in Kalifornien lässt die Schüler als Hausaufgabe Vorlesungen schauen und Aufgaben im Unterricht lösen. Die Lehrer befinden sich jetzt in diesem interaktiven Gruppenumfeld, worin sie mit den Kindern zusammen unter anderem Matheaufgaben lösen können. Später können sie sich die Vorlesung anschauen, sie können zurückgehen und sie noch mal anhören. Lehrer sind großartig und wir können uns alle an Lehrer erinnern, die uns inspiriert haben. Dabei ging es nicht so sehr um den Unterricht, sondern darum, wie sie waren. Das Klassenzimmer kann nun anders aussehen, wenn man diese Technologien nutzt. Schüler können ebenfalls voneinander lernen, unabhängig davon, ob sie sich im gleichen physischen Raum befinden oder auf der anderen Seite der Welt.

The European: Als Ingenieurin wissen Sie wahrscheinlich wie es ist, eine der wenigen Frauen in einer männlichen Domäne zu sein. In Deutschland führen wir im Moment eine große Debatte über Quoten für Frauen. Sind Sie dafür?
Smith: Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber es scheint zu funktionieren. In den USA haben wir eine ähnliche Debatte über Quoten und Mitarbeiter. Im Moment nimmt die Zustimmung für solche Quoten aber ab. Ich finde, Geschichte hat öfter zur Maskulinität geneigt. Ich habe heute darüber nachgedacht, dass in diesem tollen Museum hier fast alle Kunstwerke eben diese Maskulinität zelebrieren. Meine Freundin, die Schauspielerin Geena Davis, hat Fernsehsendungen für Kinder untersucht und festgestellt, dass es nicht so viele Mädchen- wie Jungencharaktere auf dem Bildschirm gibt. Wie erklärt sich das ein fünfjähriges Kind? Außerdem hat sie analysiert, in welchem Verhältnis Jobs zu Charakteren in Sendungen für Vorschüler stehen. Man hat auf einen Zehn-Jahres-Abschnitt geschaut und herausgefunden, dass 80 Prozent der animierten oder gespielten Charaktere männlich waren und nur 20 Prozent weiblich. Und von diesen 20 Prozent gab es keine weiblichen Charaktere, die einen Job im Bereich Betriebswirtschaft, Rechtswesen oder Wissenschaft hatten. Wenn ich darüber nachdenke, dass es sich hierbei um eine so allgegenwärtige Sache handelt, dann ist das zumindest ein Ursprung des Problems. Wenn in einem Cartoon der Bürgermeister immer ein Mann ist, dann wollen die Kinder auch keine Bürgermeisterinnen haben. Der Schlüssel liegt darin, über so etwas hinauszublicken. In meinem Kurs waren 20 Frauen von nur 150 an der Universität. Ich habe Frauen getroffen, die in ihren Sechzigern waren und vielleicht eine von acht Frauen an ihrer damaligen Universität. Sie haben viel dazu beigetragen, Mathe- und Naturwissenschaftslehrern zu helfen, und die besten drei oder vier Kinder – Jungen und Mädchen – für eine technische Karriere vorzuschlagen. Meiner Meinung nach liegt zum Teil bei uns die Verantwortung, zusammenzuarbeiten, um für mehr Frauen in diesen Positionen zu kämpfen.

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