Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte. Josef Ackermann

„Ein Novum unter den Innovationsinitiativen“

Der Berlin Innovation ConSensus – veranstaltet von der Deutschen Bank, Factory, Google und Shell – sucht Deutschlands größte Chancen, um das Klima für Innovationen zu verbessern. Die beiden Kuratoren der Innovationsinitiative, Max Senges und Sven Kielgas, verraten im Gespräch, wie der ConSensus funktioniert, was er bezweckt und wie er Innovationen in Deutschland fördern soll.

„Failure is simply the opportunity to begin again, this time more intelligently.“ Henry Ford

Was ist der Berlin Innovation ConSensus und was macht ihn besonders?
Max Senges: In Deutschland hat die Neigung zu einer destruktiv-pessimistischen Sicht der Dinge eine lange Tradition. Das Glas ist meist halb leer, nicht halb voll. So kreisten auch in den vergangenen Jahren, insbesondere nach dem Lehman-Schock von 2008, die öffentlichen Leitmotive um Begriffe wie Krise, Fortschrittsmüdigkeit, Zukunftsangst oder Orientierungslosigkeit.
Der Berlin Innovation ConSensus hat sich das Ziel gesetzt, genau dazu einen deutlichen Kontrapunkt zu setzen. Es wird um nicht weniger gehen als darum, die gehaltvollsten Chancenfelder und Fortschrittsoptionen unserer Zeit zu identifizieren und deren Innovatoren und Macher zu unterstützen, sie zu ergreifen und zu realisieren.

Sven Kielgas: Aus meiner Sicht stellt der Berlin Innovation ConSensus bereits in Struktur, Ablauf und Zielsetzung ein Novum unter den Innovationsinitiativen in und für Deutschland dar. Er ist weder Konferenzformat mit vorformulierten Beiträgen der üblichen Verdächtigen vom Podium herab – Politiker, Berater, Journalisten sind bei uns deshalb explizit nicht Teil der Akteure – noch x-ter Talentwettbewerb und auch kein unstrukturiertes Soul-Searching in den Weiten des Web.
Vielmehr stellt der ConSensus einen engagierten und sich über Monate entwickelnden Gesamtprozess dar, in dessen drei Phasen unterschiedliche Zusammenarbeits- und Partizipationsformate als Innovationshebel zum Einsatz kommen. Erlauben Sie, dass wir die drei Phasen kurz erläutern.

Max Senges: In einem breiten, aber thematisch sortierten Community Sourcing werden zunächst über zwei Monate hinweg die vielversprechendsten Chancenfelder und dafür beispielhafte Projekte in einem offenen Prozess identifiziert. Um möglichst viele Menschen aus möglichst unterschiedlichen Lebenslagen und mit möglichst unterschiedlicher Expertise dazu zu motivieren, spannende Chancen und Projekte beizutragen, haben wir eine Reihe von Experten-Communities als Botschafter-Partner gewonnen. Diese Organisationen – wie z.B. das bundesweite Netzwerk zur Förderung von naturwissenschaftlichen Studien „MINT Zukunft schaffen“, oder „Ashoka“, eine Community von gemeinwohl-orientierten Unternehmern, oder der Bundesverband Deutsche Startups – aktivieren ihre Mitglieder, sich beim Berlin Innovation ConSensus einzubringen, mindestens aber dessen Existenz in ihren Freundeskreisen bekanntzumachen. Zusammengenommen erreichen wir allein über die Botschafter-Partner fast eine halbe Million Menschen; da erscheint unser Ziel von ca. 250 „Nominierungen“ für die Top-Chancen und -Projekte durchaus realistisch.

Sven Kielgas: In der zweiten Phase, nämlich auf dem ZukunftsGipfel, kommt eine hochkarätige und äußerst heterogene Gruppe von 30 Vordenkern aus Großunternehmen, Mittelstands-Champions, Start-ups, Wissenschaft, Bildung und Kultur zusammen. Die Mitwirkenden diskutieren ergebnisoffen ein Wochenende lang die Erfolg versprechendsten Chancenfelder und Projekte unter professioneller Moderation in der inspirierenden Umgebung des nagelneuen Start-up-Campus „Factory“, mithin an einem historischen Ort des Wandels: dem ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße. Zum Schluss priorisieren diese Vordenker alle Optionen und finden (hoffentlich) auf Basis ihrer facettenreichen Urteilskraft abseits von Gefälligkeiten und Proporz dazu einen Konsens. Dieser wird dann am Sonntagabend der Öffentlichkeit und der Bundespolitik als ConSensus-Charta übergeben.

Max Senges: Wichtig scheint mir hier herauszustellen, dass es uns ein Anliegen war, den Ablauf und die Konstellation ganz gezielt darauf auszulegen, nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner als Konsens zu kommen. Es geht vielmehr darum, all jene „Opportunities“ zu beschreiben, die einige der besten Vordenker Deutschlands als die vielversprechendsten erkennen. Die Unterschiedlichkeit der mitwirkenden Experten sichert dabei einerseits, dass wir uns alle „Winkel und Nischen“ ansehen. Andererseits, dass die final ausgewählten Chancenfelder aus den verschiedensten Perspektiven geprüft wurden. Wichtig ist uns, dass die ConSensus-Charta kein Forderungskatalog ist, sondern den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren zur Orientierung dienen soll, wo sich ein Engagement besonders lohnt.

Aber nun zum vielleicht wichtigsten Aspekt: Wie stellen Sie sicher, dass die Ergebnisse auch ihre Wirkung entfalten?
Sven Kielgas: Für deren Dokumentation im Sinne der nachhaltigen Verfolgung werden die Chancenfelder in einem ausführlichen ConSensus-Bericht zunächst einmal detailliert beschrieben; vor allem aber sollen die im Rahmen des Prozesses identifizierten, übergreifenden Erfolgsmuster für Innovation in Deutschland herausgearbeitet werden. Das Ganze soll dann als gehaltvolle „Hirnnahrung“ einen fundierten Beitrag zur gesellschaftspolitischen Diskussion leisten, welche innovativen Pfade Deutschland zukünftig erkunden und erschließen wird. Für den Support der Leuchtturm-Projekte, die bereits Pionierarbeit in den ausgewählten Chancenfeldern leisten, dient die eigens dafür eingerichtete Online-Community-Sourcing-Plattform, über die sowohl Finanzierungen (über Crowd Funding) als auch Sach- und Dienstleistungen (z.B. Rechtsberatung, Medienleistungen) als fassbare Unterstützung für die Entrepreneure eingeworben werden können.

Lassen Sie mich noch mal auf das Ziel des Berlin Innovation ConSensus eingehen: Was ist der Unterschied zwischen einer Opportunity und einer Chance?
Max Senges: In der Forschung über Start-ups und Unternehmertum ist der Begriff „Entrepreneurial Opportunity“ klar definiert. Er bedeutet, dass ein Entrepreneur eine Möglichkeit erkennt, einen Mehrwert zu schaffen, wobei diese Möglichkeit keine sichere Sache darstellt, sondern scheitern kann, weil viele Risiken damit verbunden sind. Ein entscheidendes Charakteristikum ist außerdem, dass eine Opportunity nicht wie eine Chance mehr oder weniger „zufällig“ vor dem Entrepreneur auftaucht. Eine Opportunity ist meist eben nicht für jedermann sichtbar, oft ist ein mutiger Unternehmergeist nötig, um sich „seiner“ Opportunity zu verschreiben – und nur sie oder er sind dann auch bereit, sie tatsächlich herauszuarbeiten und zu verfolgen. Da es keine gute Übersetzung ins Deutsche gibt, nutzen Forscher und Praktiker den Anglizismus. Wir verwenden deshalb den nicht 100 Prozent passgenauen Begriff des Chancenfeldes.
Die Verbindung zwischen Innovation und Opportunity liegt übrigens in der Person des Entrepreneurs selbst. Peter Drucker beschreibt ihn in „Innovation and Entrepreneurship: Practice and Principles“ (1985, S. 28) wie folgt: „der Entrepreneur sucht immer nach der Veränderung, reagiert auf sie und verwertet die Opportunity in ihr“. In diesem Sinne setzen wir uns für mehr Unternehmergeist ein und suchen die spannendsten Opportunities für Deutschland. Gemäß Druckers Ansatz wollen wir systematisch Innovation fördern, das bedeutet „die zielgerichtete und organisierte Suche nach Veränderungen und die systematische Analyse der entstehenden Chancen für wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovation“ (ebd. S. 35).

Sven Kielgas: Wir sind davon überzeugt, dass wir die besten Opportunities identifizieren können, indem wir (1) in dem offenen Prozess (Juni-August) viele „wache Augen“ einladen, die aussichtsreichsten Chancenfelder und hierzu illustrierende Projekte vorzuschlagen, um dann (2) auf dem ZukunftsGipfel einen einzigartigen Expertenkreis aus Vordenkern zusammenzubringen, von denen jede, jeder Einzelne intensive Erfahrungen in den unterschiedlichsten Gesellschaftsrollen und Kontexten erworben hat. Unser Idealbild ist, dass sich dieser Kreis dann auf die zehn besten Opportunities einigt. Ohne politische Schlagseite, nur dem eigenen Gewissen und der Gesellschaft verpflichtet.
Anders als die typischen Ideen- und Talentwettbewerbe fokussiert sich der Berlin Innovation ConSensus eben nicht auf einzelne, oft willkürlich herausgehobene Projekte, sondern er versucht, Erfolgsmuster zu erkennen, die speziell für den deutschen Kontext funktionieren. Es geht also darum, Zusammenhänge und Hebeleffekte zwischen einzelnen Chancenfeldern – und über deren Grenzen hinaus – zu identifizieren, um am Ende übergreifende Opportunities vorschlagen zu können, die Förderinitiativen weitaus schneller voranbringen als ein „Zoo“ von unzusammenhängenden Einzelchancen und -projekten.

Können Sie uns hierzu ein, zwei Beispiele für Opportunities und Projekte geben, die Ihnen gut gefallen?

oder

Die Beispiele decken ja ein sehr breites Spektrum ab. Was bedeutet denn „Innovation“ im Kontext Ihrer Initiative?
Sven Kielgas: Für uns ist Innovation am besten als die gezielte Gestaltung einer erwünschten Zukunft zu verstehen. Das Konzept hat also weder eine wirtschaftliche noch eine technische Prägung. Genauso wie wir Entrepreneurship als „Weltanschauung“ verstehen, bei der Menschen alle denkbaren Opportunities schaffen, erkennen, abwägen und ergreifen; so ist Innovation für uns kein exklusiv wirtschaftlicher Begriff, ganz im Gegenteil. Wir sehen Innovation vor allem im gesamtgesellschaftlichen Kontext, also im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts hin zu mehr Lebensqualität.

Max Senges: Folgerichtig verstehen wir Technologie nicht als Selbstzweck. Einem humanistischen Ansatz folgend muss es immer darum gehen, einen Mehrwert im (Zwischen-)Menschlichen, also für mehr Menschlichkeit, zu schaffen.

Ok, jetzt habe ich verstanden, was Sie mit dem Berlin Innovation ConSensus suchen und wie der Priorisierungsprozess abläuft. Aber was haben die Beitragenden davon, und wie werden die ausgewählten Chancenfelder weiterentwickelt, bzw. wie werden die Projekte gefördert?
Sven Kielgas: Wir wünschen uns, wie eingangs gesagt, dass der Berlin Innovation ConSensus dazu beiträgt, dass unser Zeitgeist wieder stärker die Chancen für gesellschaftlichen Fortschritt ins Rampenlicht rückt; folglich ist das wichtigste Ergebnis dann erreicht, wenn Menschen überall in unserem Land durch ihre Teilhabe am Innovation ConSensus auf Chancenfelder und bahnbrechende Projekte aufmerksam werden und so jenes schlummernde Potenzial freisetzen, das Paradigmenwechsel hervorruft und als Inspiration für andere wirkt.
Aber ich möchte Ihre Frage auch ganz konkret beantworten. Einerseits werden die Beteiligten im Community Sourcing, die die spannendsten Beiträge liefern, am 1. September auf den Abschlussempfang des ZukunftsGipfels eingeladen.
Andererseits und noch entscheidender ist jedoch, welche Chancen sich für die Leuchtturm-Projekte ergeben, die beim ZukunftsGipfel ausgewählt werden. Diese bahnbrechenden Unterfangen und ihre Macher bekommen die Möglichkeit geboten, sich auf unserer Community-Sourcing-Plattform darzustellen und so durch die von Betterplace bereitgestellte Technologie nicht nur finanzielle Unterstützung (Crowd Funding) einzuwerben, sondern auch ganz gezielt – je nach Kontext und Entwicklungsphase, in der die jeweilige Initiative steht und welches Chancenfeld sie zu erschließen versucht – geldwerte Sach- und Dienstleistungen wie Rechtsberatung oder Medienplatzierungen zu erhalten. Das kann z.B. auch eine Promotion in Form von lokalen Kampagnen einschließen, die von Freiwilligen dezentral geplant und umgesetzt werden. Die Veranstalter übernehmen dabei eine elementare Rolle als Anbieter der Plattform, stehen aber im Prozess des Community Sourcing selbst eher im Hintergrund. Wie bei allen Crowd-Funding- oder ähnlichen Plattformen sind es die Entrepreneure selbst, die durch kluge Planung und Kommunikation über die Höhe des monetären Zuflusses und die Passgenauigkeit der eingeworbenen, nicht-monetären Beiträge entscheiden.

Max Senges: Für uns als Kuratoren ist die positive gesellschaftliche Schubkraft jedoch das übergreifende Ziel. Wir brauchen sicher Rollenbeispiele und mutige Innovatoren, die solche Herausforderungen annehmen; es ist aber der konstruktive, auf die Chancen unserer Zeit gerichtete, gesellschaftliche und politische Diskurs, den wir mit dem Berlin Innovation ConSensus befeuern wollen. Erst wenn sich die Menschen in unserem Land dafür interessieren, was nach der Krise kommt, und sich an den Erfolgsmustern der Leuchtturmprojekte orientieren, schaffen wir es, jene Ängste, die häufig der Unkenntnis geschuldet sind, ja oft im Kern eine Angst vor allem Neuen darstellen, aufzulösen. Wir hoffen, dass der Berlin Innovation ConSensus vielen jungen, aber auch älteren Deutschen zu mehr Orientierung auf die positiven Aspekte und Chancen unserer Zeit verhilft.

Vielen Dank für das Gespräch.
Max Senges: Sehr gerne, denn wir hoffen, Sie und Ihre Leser ein wenig angestachelt zu haben, Ihren Beitrag zum Berlin Innovation ConSensus zu leisten: Sei es, indem Sie die aus Ihrer Sicht „heißeste“ Opportunity posten, oder indem Sie ab September die Pioniere bei ihren Projekten durch eine Spende, eine Sach- oder Dienstleistung unterstützen.

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