Eine Regierung, die alle Bürger verdächtigt, sollte abtreten und sich ein anderes Volk suchen. Volker Beck

„Das Leben ist cooler geworden“

Matthias Schweighöfer spricht mit The European über seinen neuen Film “Friendship”, die Rolle von Freundschaften und über die Wünsche für seine Tochter.

The European: Wie wichtig sind Ihnen Freundschaften?
Schweighöfer: Ich empfinde Freundschaften als sehr wichtig, da sie im Leben manchmal sogar mehr bedeuten als eine Beziehung.

The European: Wie sehr muss man mit seinen Freunden auf einer Wellenlänge liegen?
Schweighöfer: Ich finde, man sollte immer einen Freund haben, mit dem man gut zusammenpasst und trotzdem weit auseinander ist. Man kann sich ja immer etwas voneinander abgucken. Wenn nun der eine sagt: “Bist du total bekloppt, du kannst doch nicht dies oder das machen”, du aber vielleicht auch einen Kumpel hast, der sagt: “Weißte, jenau dit is jut an dir”, dann hilft einem das sehr, zu kapieren, wer man selbst eigentlich ist.

The European: In “Friendship” geht es um zwei Jungs, die sich, nachdem die Mauer gefallen ist, in die große weite Welt, genauer in die USA aufmachen. Sie sind 1981 in der ehemaligen DDR geboren – haben Sie noch irgendwelche Erinnerungen an das Leben da?
Schweighöfer: Ich kann mich noch an die Schulzeit erinnern. Wir mussten zur Appellzeit Lieder singen, das war schon ziemlich absurd. An das blaue Halstuch, das wir tragen mussten, kann ich mich auch noch gut erinnern. Aber ansonsten habe ich an den Osten keine weiteren Erinnerungen mehr.

“Krass, geil, Kapitalismus!”

The European: Können Sie sich denn an den Mauerfall erinnern, Sie waren damals acht Jahre alt?
Schweighöfer: Ich weiß noch, dass meine Mutter erzählt hat, dass die Mauer gefallen ist. Aber wir wohnten in Frankfurt an der Oder und dort blieb alles irgendwie ziemlich normal. Für meine Eltern war es schon eine große Veränderung, für mich war es einfach nur so: “Krass, geil, Kapitalismus!”

The European: Hat der Kapitalismus nun, 20 Jahre später, gehalten, was er versprochen hat?
Schweighöfer: Ich glaube, für meine Generation ist es etwas anderes, als für die meiner Eltern, weil wir mit dem Westen aufgewachsen sind. Aber für Leute, die 40 Jahre im Osten gelebt haben, ist es echt schwierig, glaube ich. Für die ist das etwas anderes. Da wurde auch viel kaputt gemacht, sie haben auch viel verloren. Fünfzigjährige Menschen können sich da vielleicht nicht noch mal so komplett umorientieren wie zum Beispiel ein Zwölfjähriger.

The European: Wie sehen Sie die Diskussion Ost-West, die auch 20 Jahre nach der Einheit immer noch geführt wird.
Schweighöfer: In der gebotenen Kürze: Wir leben alle in Deutschland und damit ist es dann auch gut.

The European: Was erleben denn die beiden “Ossis” im Film im Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Schweighöfer: Nachdem die beiden in New York angekommen waren, hatten sie kein Geld mehr, mussten in einem Pornokino übernachten. Sie haben dann einen Typen getroffen, der Cartoonserien zeichnete, der sie im Auto Richtung Kalifornien mitnahm und ihnen davon erzählte, dass er eine Serie plante. Er nahm sie mit, irgendwo aufs Land, wo sie an einer Tankstelle irgendwelche Biker kennenlernten. Einer der Biker fragte die beiden, ob sie das Auto seines Bruders nach San Francisco bringen könnten. Sie sind dann mit dem Auto losgefahren, wussten aber natürlich nicht, was man in Amerika alles nicht darf, also betrunken Auto fahren, Bier im Auto trinken, nicht nackt über die Straße laufen …

The European: Also alles, was in der DDR Spaß gemacht hat …
Schweighöfer: Genau, das war und ist in den USA ja verboten und dafür sind sie dann auch in den Knast marschiert. Anschließend mussten sie erst mal das Auto wieder zusammenbauen, sind dann weitergeheizt und haben Mauerstücke verkauft. Irgendwann kamen sie nach Las Vegas, einer hatte einen Zahnschaden und sie mussten deshalb strippen, um das Geld für den Arzt aufzutreiben – das alles ist eine Geschichte, die Tom Zickler wirklich passiert ist. Schließlich sind sie nach San Francisco gekommen, um den Vater seines besten Kumpels zu finden. Der war wiederum Mauerflüchtling und so schließt sich der Kreis.

“Das Leben ist cooler geworden”

The European: Apropos Vater: Sie sind seit einem Dreivierteljahr Papa. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Schweighöfer: Man hat eine andere Verantwortung. Das Leben ist eigentlich cooler geworden. Die Kleine ist bezaubernd, macht einem richtig das Herz auf. Ich bin viel empfänglicher für Stimmungen, neue Gedanken. Die Kleine ist super.

The European: Haben Sie genug Zeit, sich mit Ihrer Tochter zu beschäftigen?
Schweighöfer: Es gibt Tage, an denen habe ich viel Zeit und an anderen habe ich keine. Wir haben eine gute Nanny, die dann aushilft und das übernimmt. Ich wiederhole mich: Greta ist echt super.

The European: In was für einem Land soll Greta aufwachsen? Was wünschen Sie sich für Ihre Tochter?
Schweighöfer: Dass sie irgendwann mal lernt, unsere Schulden abzuarbeiten …

The European: … und unsere Rente zu erwirtschaften …
Schweighöfer: … zum Beispiel. Spaß beiseite. Vor allem wünsche ich mir, dass Greta nicht in einem komplett klimazerstörten Umfeld aufwachsen muss.

The European: Sie haben eine eigene Produktionsfirma. Reicht Ihnen die Schauspielerei alleine nicht mehr aus?
Schweighöfer: Doch, aber man wird dadurch irgendwie unabhängiger, und wenn man das 14 Jahre macht, ist es gut, Sachen selbst zu entwickeln und zu sagen: “Genau das will ich machen und durchsetzen.”

“Ich bin gerne Unternehmer”

The European: Unternehmer sein ist doch sicher etwas anderes, als Teil eines Teams zu sein, so wie beim Schauspielen.
Schweighöfer: Absolut. Aber dass man selbst die Verantwortung trägt, macht es ja gerade interessant. Ich bin gerne Unternehmer.

The European: Geht mit der Firmengründung für Sie ein lang gehegter Traum in Erfüllung?
Schweighöfer: Das würde ich so nicht sagen. Ich wollte immer schon gute Filme machen und das heißt auch: selbst Filme machen. Das ist, glaube ich, mein Antrieb.

The European: Wie viele Mitarbeiter haben Sie jetzt?
Schweighöfer: Wir sind zurzeit zu dritt.

The European: Zusätzlich beschäftigen Sie Autoren auf freier Basis?
Schweighöfer: Richtig, das läuft erst mal auf freier Basis, bis wir gesettelt sind mit der Firma.

The European: Wo sehen Sie Ihre Firma in fünf Jahren?
Schweighöfer: Sie sollte vor allem autark funktionieren, was schon mal ein großer Schritt wäre. Und sie sollte ein paar Leute beschäftigen, die die Firma auf den Stand bringen, auf dem sie Filme produzieren kann.

The European: Wie sehen Sie Ihre schauspielerische Entwicklung, wo wollen Sie hin?
Schweighöfer: Keine Ahnung, wo es mich halt so hintreibt mit den Filmen. Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich schauspielerisch hin will. Solange es gute Stoffe sind, mache ich mich gerne auf die Reise.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit K. I. Z.: „Der Kapitalismus soll weg!“

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