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Notwendige letzte Worte

Matthias Matussek setzt einen Schlussstrich unter die Debatte der letzten Wochen. Eine Antwort auf Stefan Niggemeier.

Lieber Stefan Niggemeier,

oder auch einfach „Niggi“, wie Sie von Ihren Szene-Freunden genannt werden, alter Netz-Schnüffler, natürlich habe ich nicht falsch gelesen, sondern lediglich kompletter als Sie.

Ich werde Ihnen das erklären.

Vorweg aber ein paar Fakten, die Ihnen entgangen sind. Ich war nicht nur „eine Weile Kulturchef des Spiegel“, das war lange bevor Sie als geduckter Eigenbrötler an Bord kamen und schon nach zwei Jahren zur großen Erleichterung ihrer Kollegen das Weite suchten. Davor war ich, das hätten Sie aber leicht finden können auf Wikipedia, Korrespondent in Rio, New York und London. Davor habe ich die deutsche Einheit als Reporter begleitet, davor in den 1970er- die Terror- und in den 1980er-Jahren die Hausbesetzer-Szene.

Diese „Fäkts“ nur, weil Sie den erfolgreicheren Medienleuten, die sie bevorzugt anzupinkeln pflegen, so zwanghaft fehlende Recherchelust ankreiden.

Ich kann verstehen, Kartonschädel-Niggi, dass ich Ihr Alptraum bin

Ja, „so einer war tatsächlich Kulturchef des Spiegel“, ich habe tatsächlich über Goethe, Schiller, Hesse, Heine, die Romantiker, kürzlich Büchner geschrieben, ohne Probleme mit „Leseverständnis“ und „Interpretation“ und trotzdem fand die „taz“, dass da „Rock’n’Roll im Laden war“.

Jawoll, auch ich stehe in Unterrichtsbüchern, allerdings nicht in denen „zur sexuellen Vielfalt“ – meinen Heine-Text hat Ihr leider verstorbener Kollege, der tatsächlich unsterbliche Marcel Reich-Ranicki, „das Beste“ genannt, was zum Heine-Jahr erschienen war.

Solche Fakten sind gar nicht so schwer zu finden, Niggemeier, ebenfalls könnten Sie per Mausklick erfahren, dass ich zudem 20 Bücher geschrieben habe, davon drei Bestseller, die entschlossen quer zu Zeitgeist und Mode stehen, ferner Romane und Kurzgeschichten, TV-Formate, so, und jetzt kommen Sie.

Co-Autor zu „Das Fernsehlexikon“, Goldmann, München, 2005?

Co-Autor eines Büchleins über „Zapp“?

Ach was!

Ich kann verstehen, Kartonschädel-Niggi, dass ich Ihr Alptraum bin. Ich bin der Spießer, der seinen ersten LSD-Trip eingeworfen hat, als Sie gerade zur Welt kamen, und der alle alternativen Lebensformen und alle möglichen Formen der Sexualität erprobt hat.

Ihnen geht es nicht um Aufmerksamkeit?

Was haben Sie erlebt – außer im Netz nach „Belegen“ zu suchen, die der Denunzierung und dem Charaktermord dienen könnten? Sie sind Teil einer Generation, in der sich Anpasser und Aufpasser zu Hohepriestern einer repressiven, „menschheitsverbessernden“ Moral aufspielen.

Damals in Ihrem Geburtsjahr, saß ich bekifft im Kino und habe mir Kubriks „2001 – Odyssee im Weltraum“ reingezogen, den intelligenten Vorläufer zu „Gravity“. Alles war Aufbruch damals, die Amis landeten auf dem Mond und wir feierten das Zeitalter des Wassermannes, und den neuen Menschen sowieso, und die Mädchen trugen Mini.

Und Ihr Erfahrungsraum? Sie werden zitiert mit den düstern Worten „Für mich ist (das Bloggen) eine Sucht.“ Wäre das nicht ein Fall für Selbsthilfegruppen? Ich habe mal eine geleitet. Desweiteren treibt Sie: „Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.“

Wie geschickt Sie doch Ihre Eitelkeit gleich politisch korrekt umlügen. Ihnen geht es nicht um Aufmerksamkeit, sondern um „Kommunikation“? Was verstehen Sie denn darunter? Das Gejohle einer Fankurve? Wie praktisch: Dazu müssen Sie gar nicht raus aus Ihrem Gulli, sie haben ihre Fankurve bei sich. Auf dem Computer.

Mannhaft haben Sie das alberne Kesseltreiben gegen Markus Lanz befeuert, denn hier ging es darum, durchzusetzen, was Linke unter Kommunikation verstehen: Zensur und Berufsverbot, weil Lanz seiner Rolle als hartnäckig insitierender Journalist – wenn auch durchaus nervtötend – nachgekommen ist.

Sie verstecken sich gerne im Schwarm

„Zeit“-Herausgeber Josef Joffe hat den Shitstorm mit dem „Kauft nicht bei Juden“ der Nazi-Zeit verglichen. Das würde aus Ihnen einen Nachfahren des Mobs machen, der damals jüdische Mitbürger als Volksverräter verteufelte.

Das konnten Sie nicht auf sich sitzen lassen. Sie antworteten in ihrem Blog, Joffe habe durch seinen Vergleich, durch seine „Dummheit und Gemeinheit“ – ja, nicht Sie beleidigt, sondern „hunderttausend Leute, die glauben, sie müssten nicht jede Verirrung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hinnehmen.“ Sie verstecken sich gerne im Schwarm.

Doch ihre Verteidigung ist interessant. Sie mokieren sich über Joffes Bildung, darüber, dass er weiß, was „Ostrazismus“ ist. Sie machen sich lustig über diese „Bildungshuberei“ des Mannes, der die „superanständige, superseriöse, superbürgerliche“ „Zeit“ herausgibt. Überhaupt die „Zeit“. Es gibt Ihrer Ansicht nach ein paar aufrechte Kollegen dort, aber der Rest „scheint nachhaltig geprägt von einer bestürzenden Kultur der irgendwie bildungsbürgerlich gemeinten Überheblichkeit und Abschottung.“

Fragwürdige Gestalten dort, man wird über die „Abgeschotteten“ wohl Dossiers anlegen müssen im Dunkel Ihres Kellers. Oder ist es mittlerweile schon das ausgebaute Dachgeschoss? Egal, Sie hören Kultur, und sie entsichern den Revolver.

Sie argumentieren wie ein Hitlerjunge, dem die bürgerliche Bildung ein Popanz ist; die gute Gesinnung, jetzt nicht die völkische, sondern der derzeit herrschende linke Konsens, finden Sie eher „in der Kommentardiskussion im Internet“, als deren Blockwart sie sich verstehen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf

Nun aber zur Sache, womit ich nichts gegen Beleidigungen sagen will, die können so belebend sein, denken Sie an Heine, ich gebe die Hoffnung nicht auf, schließlich habe ich Sie ja bereits erfolgreich dazu verführt, „Goethe“ zu googeln.

Der Vorgang: Mir wird der Fragenkatalog der GEW (ohne den Kontext) zugeschickt von einer empörten Mutter, die einige Passagen unterstrichen hat, es sind die von Ihnen genannten.

Selbstverständlich habe ich gestutzt.

Als erste Frage: „Ab wann wissen Sie, dass sie heterosexuell sind?“

„Unfassbar“, mailte ich zurück.

Und wissen Sie was – ich hielt für möglich, dass die Oberlehrer der Gleichstellung 13-Jährige mittlerweile so fragen, denn wir leben in Zeiten, in denen sich eine vierfache Mutter, die von der traditionellen Familie als ihrem Lebensideal spricht, darüber belehren lassen muss, dass sie damit eventuell die Homosexuellen beleidigt.

In Zeiten, in denen der Gleichstellungsfachmann mit seinem „Beziehungskoffer“ in Berliner Grundschulen auftaucht, wo die Kinder dann pantomimisch schwule Lebenswelten wie „darkrooms“ erobern sollen.

Wir sind bereits bei der Zensur des Gefühls

In wirren Zeiten, in denen in der als Standardwerk empfohlenen „Sexualpädagogik der Vielfalt“ Übungen wie „der neue Puff für alle“ angeraten werden, wo sich dann 15-Jährige, wie es heißt, mit den „vielfältigen Lebens- und Liebesweisen“ bzw. „Sexualitäten“ auseinandersetzen. In dem Puff-Spiel geht es um Fragen wie „Welche sexuellen Vorlieben müssen in den Räumen bedient und angesprochen werden?“

Wissen Sie, Niggi, aufgeschwemmter Mausepaul, ich habe als 15-Jähriger meine eigenen Erfahrungen gemacht, ganz ohne Lehrbuch oder Puff, die heutzutage offenbar die Pole sind, zwischen denen eine komplett verdinglichte Sexualität pendelt – sie schwankt zwischen völliger Ratlosigkeit oder käuflichem Sex. Wir damals dagegen hatten ganz einfach Spaß und waren ständig entweder verliebt oder traurig, wenn wir es nicht waren, aber es ging immer um die große Liebe.

Aber mit meiner Empörung, die Pointe ist Ihnen entgangen, habe ich mich offensichtlich als homophil geoutet, denn ich habe klar gemacht: So sollte nicht gefragt werden. Und das Irre, Niggi: So werden Schwule längst nicht mehr befragt. Das war schon in den späten 1960er-Jahren nicht mehr der Fall.

„Über Homosexualität diskutiert man nicht“ ordnete Claudia Roth kürzlich via „Welt“ an. Da tritt doch diese Frau, einst der Freiheit und Emanzipation verpflichtet, in die Welt der Totalitären ein – eine Welt voller Denk- und Sprechverbote, des „Gutdenk“ und des Umerziehungslagers. Wer ist hier wahnsinnig – Dr. Claudia oder die Leute wie ich, die sie in den Gulag verfrachten würde? Ach, es geht gar übrigens nicht mehr um das Denken, wir sind bereits bei der Zensur des Gefühls.

Dabei muss sie gar nicht mehr so dement lärmen, die Gesellschaft lärmt bereits an ihrer Stelle. Ein kluger Homosexueller muss sich ob dieser bizarren Umkehrung geradezu winden. Der Gruppe ging es seit Abschaffung des Paragraphen 175 zu Recht um gleiche Rechte. Plötzlich sieht sie sich in der Erreichung ihrer Ziele links überholt durch das vorauseilende Verständnis der veröffentlichten Meinung.

Wo ist hier der Rollentausch?

Der Fragebogen der GEW übrigens ist bei weitem kein kohärent durchgeführtes Rollenspiel. Frage 4 z.B. enthält genau jenes schicke Vorurteil, das aus jedem, der nachfragt, einen „Homophoben“ macht. Nämlich: „Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen gleichen Geschlechts kommt?“

Dass der Sex unter Lesbierinnen weniger von Geschlechtskrankheiten begleitet ist, eine weitere Position dieses Fragebogens, gilt als wahrscheinlich – wo ist hier der Rollentausch, der die Frage ad absurdum führen soll?

Nein, lieber Niggi, mit ein wenig gesundem Menschenverstand wird man diesen Fragebogen als ganz natürlichen Baustein eines großangelegten Versuches deuten müssen, Irritationen über die eigene Geschlechtsidentät zu streuen.

Natürlich gibt es da Fragen. Welche? Ich muss mich zitieren:

„Ist es möglich, dass da ein paar schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger in selbstgestrickten Pullovern ebenso selbstgestrickte Kulturstrategien ausknobeln, die zwischen Unverschämtheit und Klippschulwissen hin und herpendeln, um den »neuen Menschen« zu erziehen?“

Aber es geht Ihnen ja gar nicht um die Sache, oder um „Kultur“ und dieses ganze „verquere Geschwurbel“ der Zeit. Ihr Job als Blog-Wart ist die Denunziation, die Verfemung unter dem Beifall merkwürdig erfrorener Lemuren wie Timm Klotzek vom „SZ“-Magazin, der ja auch regelrecht benommen war von der Diez-Denunziation von Christian Kracht. Ein stiller Genießer, der in seinen FB-Einträgen hingerissen an der Seitenlinie steht.

Die meisten Ihrer Claque sind Medienleute.

Ach übrigens, Sie Held der Meinungsfreiheit, bisher habe ich im Netz kein einziges kritisches Wort über Ihren Brötchen-Geber Frank Schirrmacher gelesen, der gerade die 50 Geschlechterbezeichnungen bei FB, ein Produkt der „Gaga-Wissenschaft“ Genderforschung („Tagesspiegel“), für den endgültigen Durchbruch in die Zukunft hält.

Stattdessen, aus sicherer Verschanzung heraus, jede Menge über igitt „Bild“ oder den „erbärmlichen“ Geschäftsführer der „Welt“-Gruppe Christoph Keese.

Für mich ist das hier der Schlusspunkt, alter Regenbogenhaudegen

So, lieber Niggi, ich habe diesen Brief zwei Tage liegen gelassen. Um mich zu prüfen. Und wissen Sie was: Der Brief hat bestanden. Auch und gerade in den beleidigenden Teilen.

Jetzt können Sie Ihre Truppen um sich scharen. Die meisten kenne ich ja von der Klowand ihres Blogs mitsamt ihrem FB-Krakeele.

Für mich ist das hier der Schlusspunkt.

Und noch einmal zum Mitschreiben: Nein, ich habe nichts gegen Schwule. Mir geht nur das Theater auf die Nerven. Meine Aussage „Ich bin wohl homophob, und das ist auch gut so“ war eine satirische Zuspitzung, eine Anspielung auf welchen Partybürgermeister, na, Sie Trottel?! 30 000 FB-Nutzer teilen wohl meinen Überdruss in der Frage, denn keiner drückt den Daumen hoch, wenn er nicht einverstanden ist. Hier noch einmal zum nachlesen

Und das Lustige ist, Niggi, verqualmter Brummschädel: Ihnen ist in Ihren Netz-Recherchen völlig entgangen, dass die von mir zustimmend zitierte Bemerkung von Robert Spaemann über einen „Fehler der Natur“, der Kern der ganzen Aufregung, schon vor Jahren in einem Interview mit der „Welt“ fiel.

Damals blieb sie ganz ohne Shitstorm. Da ist Ihnen was durchgeschlüpft, alter Regenbogenhaudegen, verdammt noch mal, wie konnte das passieren?

Die ganze Debatte

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Albert Wunsch, Alexander Wallasch, Alexander Görlach.

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