Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Homosexualität ist ein Fehler der Natur

Matthias Matussek widerspricht „The European“-Chefredakteur Alexander Görlach. Für ihn ist Gleichgeschlechtlichkeit ein Fehler – wie Rot-Blindheit oder Erbkrankheiten.

Mein lieber Freund Alexander Görlach,

Dein Artikel auf dieser Seite hat mich interessiert wie alles was Du schreibst, aber auch ratlos gemacht.

Zunächst mal: Ich glaube nicht, dass Größen wie Platon durch flüchtige Tagessiege der Naturwissenschaften prinzipiell abgeräumt wären. Ich halte überhaupt wenig von Arroganz der jeweiligen Moderne gegen das Gestern oder Vorgestern, ob es sich nun um die Malerei dreht oder die Musik oder die Weisheitslehren großer Philosophen.

Noch mehr aber gilt das für die christliche Weltsicht, die für Gläubige kaum dem Verfall durch Umfragen oder das Geschnatter des Tages ausgesetzt sein dürfte. Von ihrem Selbstverständnis her ist sie eine vernünftige, denn die menschliche Vernunft ist ein Gottesgeschenk. Keiner hat so sehr die Bedeutung der Vernunft für den Glauben und das Verständnis der Welt betont wie Papst Benedikt.

Man braucht keine mit großem philosophiegeschichtlichem und psychoanalytischem Schmuck vorgetragene Herleitung irgendeines christlichen Ordo-Gedankens für die ganz simple Einsicht, dass Lebewesen sich fortpflanzen müssen, um die Art zu erhalten. In diesem Sinne ist Gleichgeschlechtlichkeit ein Fehler der Natur. So wie es Taubheit gibt. Oder die Rot-Blindheit. Oder Erbkrankheiten wie die Ahornsirupkrankheit. Ich verstehe den Skandal nicht, den eine solche Äußerung verursachen könnte.

Erziehungsbürokratie und politisch korrekte Sprachmusik

In diesem ganzen Geschrei geht völlig unter, dass es selbstverständlich unter Homosexuellen viele gibt, die es in gewissen Momenten mit Trauer erfüllt, dass sie ohne Nachwuchs bleiben. Ich sprach heute Nachmittag mit einem schwulen Freund darüber, einem Schriftsteller und Verleger. Wie wären die teilweise byzantinischen Versuchsanordnungen von schwulen Pärchen zu erklären, die Auslandsaufenthalte und Laboruntersuchungen für Leihmütter sowie Geld und Passangelegenheiten in Kauf nehmen, um zu Kindern zu kommen?

Bisher suchte der Staat Ersatzeltern für bedürftige Kinder, nun soll der Staat bedürftige „Eltern“ mit Kindern versorgen – um „Gleichheit“ herzustellen, wo es keine geben kann.

Mein Freund machte mich dabei, im Zusammenhang mit Leihmüttern, auch auf die seltsame Tatsache aufmerksam, dass derartige Instrumentalisierungen von weiblichen Leih-Körpern von Seiten der Feministinnen bisher unbeanstandet blieben.

Sicher sind nicht alle auf Fortbestand ausgerichtet, da kommen kulturelle Parameter ins Spiel. Wir leben in einer Spaßkultur. Genuss spielt eine große Rolle, wenn der Diesseits-Horizont alles ist, was man überblickt, und von allen Genüssen scheint die Befriedigung des Sexualtriebes den Größten zu versprechen.

Deshalb gibt es nicht nur Schwule, sondern auch Heteros, die auf Nachwuchs gern verzichten, und erst einmal Spaß mit- und aneinander haben wollen. Doch Heteros können sich noch für Nachwuchs entscheiden, Schwule prinzipiell nicht. Wenn wir also einen offenkundigen Fehler der Natur sehen, warum tun wir dann so, als sei er keiner? Homosexuelle sind wie alle anderen Menschen, bis auf den Mangel, keine Kinder bekommen zu können. Ist das so hart zu begreifen? Wieso ist eine ganze Erziehungsbürokratie und eine aufwändige politisch korrekte Sprachmusik nötig, um diesen Fehler der Natur, der doch von allen gesehen wird, ins Nichts zu definieren?

Die einen sagen, dass Homosexualität angeboren ist. Die anderen, die Gendertheoretiker, behaupten, dass Mann oder Frau soziokulturelle Rollen sind, die gewählt werden.
Doch offenbar gibt es Übergänge. Thomas Mann hat sich nach Knaben gesehnt, und er hat dennoch sechs Kinder gezeugt. Möglicherweise wäre er heutzutage mit einem jungen Lover zusammengezogen, aber Golo Mann und die anderen Geschwister wären nicht geboren worden, vielleicht wäre auch der „Zauberberg“ nie geschrieben worden. Wäre er mit einem Coming Out glücklicher gewesen?

Mein Freund im Übrigen zweifelt an der These genetischer Veranlagung. Bewiesen ist sie nicht. Also auch hier gibt es Glaubensfragen zu lösen. Wenn nun aber der normale Trieb fehlt, soll man dann so tun, als sei auch der fehlgeleitete normal?

Gewissensforschung für Siebtklässler

In unserem Grundgesetz ist der besondere Schutz der Familie festgeschrieben. Wenn also eine Mutter in einer Talkshow vom Ideal der Familie spricht, warum muss sie sich dann vorwerfen lassen, sie kränke damit diejenigen, denen die Natur eine eigene Familie verwehrt?

Worum es in Baden-Württemberg (und auch in den Millionenmärschen in Paris) geht? Um das hier: Mir ist heute eine „Handreichung für Lehrkräfte“ zugeschickt worden, mit dem Titel „Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg. In einem „heterosexuellen Fragebogen“ für Siebtklässler, also pubertierende 13- bis 14-Jährige wird diese Gewissenserforschung betrieben:

  • Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität
  • Wann und warum hast Du dich entschlossen, heterosexuell zu sein?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen gleichen Geschlechts kommt?

Und ist es möglich, dass da ein paar schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger in selbstgestrickten Pullovern ebenso selbstgestrickte Kulturstrategien ausknobeln, die zwischen Unverschämtheit und Klippschusterwissen hin und herpendeln, um den „neuen Menschen“ zu erziehen?

Was soll ein 13-Jähriger auf die Frage antworten, woher seine Heterosexualität kommt? Und was, ob diese eine Phase ist? Ganz nebenbei wird hier übrigens insinuiert, dass Homosexualität kein genetisches Schicksal ist, sondern eine frei zu entscheidende Wahl. Ihr müsst euch mal langsam entscheiden, Leute! Um die pubertierenden 14-Jährigen völlig verrückt zu machen, wird ihnen die beliebte Vermutung, dass die Normalen, die man „Heterosexuelle“ nennt, eine „neurotische Angst vor Menschen gleichen Geschlechts“ hätten, in eine Frage gegossen – sind die noch zu retten?

Doch damit nicht genug. Während Homosexualität offenbar als genetisch bedingt angesehen wird, wird nun die Heterosexualität zu einer Variablen; zu einer Wahl, die sich ändern lässt.

Denn Frage 11 – und jetzt kommt‘s – lautet: „Es scheint sehr wenige glückliche Heterosexelle zu geben; aber es wurden Verfahren entwickelt, die es dir möglich machen könnten, dich zu ändern, falls du es wirklich willst. Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschock-Therapie zu machen?“

Das steht da tatsächlich! Das haben sich diese Frankensteins tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen.

Eine Minderheit terrorisiert die Mehrheit

Nun wundere ich mich, dass in Baden-Württemberg nur 200.000 auf der Straße sind. Dieser aufdringliche Fragenkatalog ist das Dümmste und Seichteste an versuchter Gehirnwäsche und Erziehung zum „Neuen Menschen“, das ich seit Jahren gelesen habe.

Lieber Alexander, nicht viele leben in den metrosexuellen Hochburgen in Berlin oder Hamburg oder Köln, und treffen sich abends in Szene-Cafés, um die neuesten kapitalismuskritischen Haudegen der Gendertheorie oder der Pop-Philosophie zu diskutieren. Und nomadisieren ansonsten nachts durch das Netz, um sich über jeden herzumachen, der ihre verquere queere Weltsicht nicht teilt und nicht am „Neuen Menschen“ arbeitet.

Oft geht es dabei auch – im Hintergrund – um Cliquenkämpfe und Deutungshoheiten von ein paar Feuilletonisten, und sicher auch darum, alte Rechnungen zu begleichen und neue aufzumachen. (Wenn Stefan Niggemeier plötzlich Goethe zitiert, ist das zum Quietschen komisch – das ist so, wie damals in den K-Gruppen, als man nach dem passenden Lenin-Zitat suchte, um einem Kampfargument Gewicht zu verleihen. Aber schön, dass er mal Goethe liest und nicht nur TV-Illustrierte!)

Aber, unter uns beiden, Alexander, der „Neue Mensch“ ist zu den meisten von uns noch nicht vorgedrungen. Und wir glauben nicht an den Quatsch dieser Hornbrillen-Nerds. Ja, ich sage tatsächlich „wir“.

Wir, das sind die rund 30.000 Empfehlungen, die mein „Welt“-Artikel „Ich in wohl homophob. Und das ist auch gut so“ bekommen hat. Zumindest für die „Welt“ ein Rekord.

Wir, also jene Mitte, die von der „Zeit“ heute einer Psychoanalyse unterzogen wird, sind möglicherweise Neandertaler, meinetwegen, aber besorgte, und das nicht nur wegen der Geschlechterfrage, sondern wegen der Chuzpe, mit der eine Minderheit die Mehrheit terrorisiert bis in die Sprache hinein. Akzeptieren oder tolerieren? Gleichwertig oder nicht? Hier tagt das Fernsehgericht ständig und wir können nur sagen „Give us a break!“

Der Shitstorm der letzten Tage hat mir gezeigt, wozu diese Minderheit fähig ist. Ein Shitstorm besteht bekanntermaßen aus den bösartigsten Schnappatmungen einer Hysterie-Gesellschaft, die unter einer akuten Aufmerksamkeitsstörung leidet und alles in die Tastatur erbricht, was ihr gerade durch die Rübe schwirrt.

Diesen „Meinungsmachern“ zufolge bin ich ein geistig minderbemittelter Neurotiker aus dem Mittelalter. Allerdings einer, dem, wie bereits erwähnt, zigtausende mit ihren Facebook-Empfehlungen zustimmen. Offenbar habe ich vielen aus der Seele gesprochen. Was mich wiederum, in der neuesten Drehung, zum rechtsradikalen Verführer (der „Freitag“ von heute) macht – das Weltbild in diesen Kreisen ist sehr einfach.

Ich muss gestehen, ich war selber überrascht über die heftigen Reaktionen. Ich hatte lediglich eine TV-Kritik im Sinn. Und nun das! Nun erlebe ich tatsächlich, wie man versucht, mich vom Saalschutz der Konsensdemokratie als Ruhestörer aus dem Saal eskortieren zu lassen, mit festem Griff, wobei man mir zuzischelt: „Wir werden dir die Toleranz schon noch einbimsen“. Und da werde ich sehr hellhörig.

Worüber diskutiert werden darf

Claudia Roth schrieb gestern in der „Welt“: „Über Homosexualität diskutiert man nicht.“ Wir haben also wieder eindeutig Tabus! Komisch in einer Gesellschaft, die sich auf ihre Aufgeklärtheit soviel einbildet. Ist es da nicht verständlich, dass ich jetzt nun, als Journalist, sogar hellwach werde?

Dass Claudia Roths Grüne im Übrigen wechselnde Anfälle haben darüber, worüber diskutiert werden darf, ist bekannt. Noch in den 80er Jahren hatten sie Leute in ihren Reihen, die für die Freiheit zum Sex mit genau solchen Siebtklässlern kämpften, auf die jetzt ein paar wildgewordene Pädagogen in Baden-Württemberg losgelassen werden. Komisch, wie schnell sie das vergessen haben. Dass der Schutz von Kindern dieses Alters vor Erwachsenen mit abweichendem Sexualverhalten gerade mit dem Fall Edathy für das Internetzeitalter neu diskutiert werden muss, ist evident.

Lieber Alexander, ich weiß genau, dass dir die schrillen Vorkämpfer und Genderaktivisten und Schreibtischriesen und Westentaschendiktatoren genauso auf die Nerven gehen wie mir, denn du bist ein musischer und scharf denkender Mensch, und katholisch wie ich.

Dass Du ein Debattenmagazin leitest, das tatsächlich auch unbequeme Beträge diskutiert, ehrt dich. Werde dir nicht untreu.

Dein

Matthias Matussek

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