Glück und Schönheit sind zwei Paar Schuhe. Daniel Küblböck

„Kaum Spielfläche für Austs 'Die Woche'“

Ein Angebot von Stefan Austs Die Woche würde er nicht kategorisch ablehnen, obwohl das Segment mit dem Spiegel und dem Stern bereits gut besetzt ist. Dennoch liegt für Matthias Matussek die Zukunft in digitalen Medien wie iPad & Co.

The European: Was wird sich im Journalismus in Zukunft verändern?
Mattusek: Ich glaube, dass durch das iPad eine Revolution in Gang kommen wird. Wenn die Technik des Gerätes noch dünner und leichter wird, bin ich der Überzeugung, dass man nun vermehrt elektronisch Zeitung lesen wird; dass man begleitend zu Texten Bilder und Filme antippt. Diese Möglichkeiten elektrisieren unumgänglich auch Printverleger wie Mathias Döpfner. Nun fangen alle an zu träumen und bekommen feuchte Augen. Bedenkt man, dass die Hälfte der Kosten beim Zeitungsmachen tatsächlich Papierkosten sind, dann ist auch das eine Überlegung wert. Besonders, wenn man davon ausgehen muss, dass Anzeigen weiter zurückgehen werden. Das Sparen der Papierkosten würde das Zeitungsmachen enorm vergünstigen. Der Markt wird sich in dieser Hinsicht grundsätzlich umstellen müssen. Die Frage dabei allerdings ist, wie man Profit generiert mit Internetausgaben. Man hat mit Paid Content in der Anfangsphase schlechte Erfahrungen gemacht, weil die Abrechnungsformen für die Kunden zu kompliziert waren.

Kaum Spielfläche

The European: Einer, der es weiter auf klassischem Wege versuchen will, ist Ihr ehemaliger Chefredakteur Stefan Aust. Obwohl Springer sich zurückgezogen hat, will er sein Printmagazin “Die Woche” herausbringen.
Mattusek: Ja, für ihn ist das Projekt noch längst nicht gestorben. Allerdings ist die Spielfläche schon ziemlich zugestellt. “Spiegel” und “Stern” sind bereits erfunden, auch das Newsmagazin und den Zwitter “Focus” gibt es schon. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er dort noch dazwischen grätschen will. Was er allerdings erreichen kann, ist, dem “Spiegel” und dem “Stern” für eine Weile zu schaden und Anzeigen wegzunehmen. Der Kuchen wird ja nicht größer!

The European: Geht es Aust auch darum, dem “Spiegel” etwas heimzuzahlen?
Mattusek: Das kann natürlich ein möglicher Treibstoff sein. Was ich ein bisschen schade fände.

The European: Würden Sie in Erwägung ziehen, für “Die Woche” zu arbeiten?
Mattusek: Das kommt immer auf das Angebot an. Ich muss ja nicht ewig beim “Spiegel” bleiben, schließlich bin ich jetzt schon seit einigen Jahren dabei. Allerdings habe ich auch in der Vergangenheit schon einige Angebote, mich zu verändern, abgelehnt. Der “Spiegel” ist schon ein gutes Medium.

The European: Wie schätzen Sie die Debattenkultur in Deutschland und vor allem den Einfluss des Internets ein, gibt es noch Meinungsmacher?
Mattusek: Die Leuchttürme im Journalismus gibt es schon noch. So will ich bei der “Süddeutschen Zeitung” wissen, was Heribert Prantl zu einem Thema sagt. Er ist als Kolumnist eine ziemlich kantige Erscheinung. Auch wenn Henrik M. Broder etwas schreibt, interessiert es mich.

The European: Das sind nun aber keine jungen Kollegen. Teilen Sie mein Gefühl, dass nicht wirklich etwas nachwächst?
Mattusek: Da haben Sie recht. In der jüngeren Liga kenne ich kaum jemanden. Die jungen “FAZ”-Feuilletonisten haben ab und zu aufregende Artikel, aber das Spielfeld ist so groß geworden, die Möglichkeit zu publizieren so vielfältig. Es gibt keine Monopolbildung durch die gedruckte Presse mehr und das elektronische Publizieren hat die Vielfältigkeit enorm gesteigert. Dazu kommen die sozialen Medien wie Facebook und Twitter. Hier kann jeder sehr schnell seine Meinung loswerden und das führt zu einer Devaluierung der einzelnen Großen. Wenn ich mich heute äußere, stößt das das elektronische Geschnatter an. Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Es sind also Impulse, die die allgemeine Konversation beleben, seltener gibt es jedoch noch die klassische Eins-zu-eins-Diskussion.

Es fehlt an Witz und Provokationslust

The European: Ist das ein deutsches Phänomen?
Mattusek: Ich glaube, Amerikaner und vor allem Engländer sind sehr viel lustvoller, was die Debatten angeht. Englische Zeitungen haben nicht nur eine, sondern zwei, drei Kolumnistenseiten und behandeln ihre Kolumnisten sehr gut. Diese sind dann aber eben auch sehr witzig zu lesen. Mein Lieblingsmagazin in dieser Richtung ist der “Spectator”. Rod Little lese ich auch gern.

The European: Woran fehlt es bei uns?
Mattusek: An Witz und Provokationslust. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es an der Ängstlichkeit der Apparate. Deutsche Chefredakteure und leitende Redakteure sind alle zu vorsichtig und ängstlich.

The European: Wie stehen Sie zum Krieg in Afghanistan?
Mattusek: Es ist eine schwere Entscheidung, da der Ernstfall der Kern der ganzen Debatte ist. Was ist uns so wichtig, dass wir bereit sind zu sterben? Das ist hier die ganz zentrale Frage. Gibt es überhaupt irgendetwas und was ist das? Die Beantwortung dieser Frage haben wir in den letzten vier Jahrzehnten in unserer Komfortzone nie gebraucht. Und jetzt, da deutsche Soldaten im Krieg sind, drängt sie sich plötzlich auf.

Es geht um die Menschenrechte

The European: Wie sagen Sie dazu? Durchhalten oder Abzug?
Mattusek: Ich bin dafür durchzuhalten. Gerade aus linker Perspektive geht es hier um die Menschenrechte. Im Grunde genommen ist es ein linker Krieg. Es geht darum, den Verächtern der Menschenrechte, der Gleichberechtigung, der Demokratie und Meinungsfreiheit zu zeigen, dass es so nicht weitergeht. Wenn man als linker Menschenrechtsempörer in den 60er- und 70er-Jahren gegen Juntas auf die Straße gegangen ist, müsste man heute eigentlich empört gegen die Taliban auf die Straße gehen oder zumindest den Krieg in Afghanistan unterstützen. Die Haltung der Linken, des Ausblutenlassens, der Realpolitik, finde ich zynisch. Eine derart unidealistische Haltung war früher den Konservativen vorbehalten.

The European: Wie halten Sie es mit dem Argument, die deutsche Sicherheit am Hindukusch verteidigen zu müssen?
Mattusek: Sicher ist das ein Long Shot. Aber wenn Sie überlegen, dass die Taliban eventuell Pakistan derartig destabilisieren, dass sie sich in den Besitz von Atomwaffen bringen könnten, dann wird mir angst und bange, dass al-Qaida-Kämpfer auch bei uns auftauchen könnten. Sieht man in die Zukunft, zeigt sich dort ohnehin eine sehr ungemütliche Weltlage, und ich glaube, letztlich ist keiner sicher. Wenn es einen Winkel in der Welt gibt, wo islamische Killer das Sagen haben, wird das am Ende auch uns betreffen. Als 2001 das World Trade Center in sich zusammenfiel, hat Osama bin Laden in seiner Höhle gejubelt – die Bedrohung ist da!

The European: Wie sehen Sie es, dass der Angriff auf Afghanistan im Anschluss an den 11. September 2001 als “Vergeltungsschlag” bezeichnet wurde, das Motiv also offiziell Rache war?
Mattusek: Das klingt natürlich nicht schön. Doch mit diesem Motiv brachte George W. Busch damals eine 80-prozentige Zustimmung für den Krieg zusammen. Er hat den Krieg nicht erklärt, um Schulen zu bauen, sondern um seinen amerikanischen Fellow Countrymen zu sagen: “We won’t take it anymore.” Die Sauerlandgruppe und Gott sei Dank frühzeitig erkannte Attentatsversuche haben gezeigt, dass etwas wie 9/11 auch bei uns passieren kann. Dann bin ich gespannt, wie die Deutschen reagieren werden. Es ist klar, dass die Amerikaner in so einem Fall zustimmungsbereiter sind als wir, denn bei uns ist eine vergleichbare Tragödie noch nicht passiert.

The European: Welche Anstrengungen müssen die Alliierten in Afghanistan unternehmen, um eine zunehmende Radikalisierung zu verhindern?
Mattusek: Die Bevölkerung muss auf die Seite der Alliierten gebracht werden. Aber das ist erst zu schaffen, wenn die Taliban besiegt und die Terrordrohung und die Angst beseitigt sind. Die Taliban bekommen ihre Unterstützung in der ländlichen Bevölkerung nicht, weil sie so sympathisch sind, sondern weil sie es gerade nicht sind. Natürlich ist es verheerend, dass die Karsai-Regierung und die installierten Gouverneure bis ins Mark korrupt sind, aber immerhin verbreiten sie keine Angst. Das Nation Building müsste natürlich viel energischer vorangetrieben werden, aber dazu braucht es eine befriedete Situation, in der Menschen frei von Bedrohung leben können.

The European: Ist der Zeitrahmen hierfür nicht sehr knapp gewählt? Der Rückzug ist bereits für 2011 angesetzt.
Mattusek: Die Afghanistanpolitik wirkt gerade etwas unernsthaft. Wenn jetzt schon der Abzugstermin feststeht, ist das ein Signal an die Taliban: Bald ist alles vorbei für uns und dann können wir wieder in die Vollen gehen. Im Moment scheint die Lage eher darauf gerichtet zu sein, noch einen ehrenvollen Rücktritt vorzubereiten.

In der Übermacht

The European: Nun sind islamistische Organisationen besonders schwer zu zerschlagen und ihre Mitglieder kaum zu fassen. Ein Kampf gegen Windmühlen?
Mattusek: In Afghanistan gibt es schon einige Fortschritte und sie könnten noch größer werden, wenn der ISAF-Oberbefehlshaber McChrystal jetzt tatsächlich in die Fläche geht und entschlossen vorgeht. So viele sind es letztendlich nicht. 8.000 Taliban sind keine Zustände wie damals in Vietnam, als 600000 nordvietnamesische Kämpfer gegen 5.000 GIs kämpften. In diesem Fall sind die Alliierten in der Übermacht. Klar ist: Es käme einer Kapitulation gleich, jetzt rauszugehen.

The European: Wie ist mit dem Kunduz-Problem umzugehen?
Mattusek: Dass hier ein unglaublicher Fehler passiert ist, ist allen klar. Dennoch finde ich nicht, dass Verteidigungsminister zu Guttenberg gehen sollte. Oberst Kleins Fehleinschätzung hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir Deutschen keine Übung für den Ernstfall haben. Er hatte einen Aussetzer, hat sich unbesonnen verhalten – andere kriegsführende Nationen haben für so einen Fall schlichtweg mehr Kampferfahrung. Ein fürchterlicher, tragischer Fehler, über den der Verteidigungsminister nicht stolpern sollte und sicher nicht wird.

The European: Was halten Sie von unserer restlichen Bundesregierung momentan?
Mattusek: Der Regierungsstil von Schwarz-Gelb erinnert mich stark an eine Autoscooterfahrt auf dem Rummelplatz. Immer wieder kommt es zu Karambolagen, dann bleibt man wieder stehen, reißt hektisch das Rad herum, nur um dann gleich wieder eingekeilt zu sein. Flüssig fahren sieht anders aus! Das liegt sicher auch an der FDP, die durch ihre Wahlkampfversprechen in Fragen Steuerreform so stark in der Bringschuld ist, dass sie immer bizarrer wird und bestimmte Zahlen schlichtweg nicht zur Kenntnis nimmt. Die Staatsverschuldung ist unter Schwarz-Gelb auf einem historisch hohen Niveau. Gleichzeitig von Steuersenkung zu sprechen ist völlig absurd. Guido Westerwelle macht einen denkbar ungünstigen Eindruck, jetzt, da der Erfolgsrausch verflogen ist. Wer hätte gedacht, dass ein paar Monate nach dem Wahlsieg NRW verloren geht?

The European: Hängt das mit einer Führungsschwäche von Frau Merkel zusammen?
Mattusek: Bisher ist sie mit ihrer Hands-off-Politik recht gut gefahren: Immer hat sie gewartet, bis sich die Kontrahenten gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben. Aber das geht auf die Dauer nicht so weiter und sie müsste jetzt anfangen, die Zügel anzuziehen. Wie sehr die Leute nach einer kontrollierten, klaren Aussage dürsten, zeigt, wie ihr die Herzen wieder zuflogen, als sie in der Griechenlandfrage zu erst einmal Nein gesagt hat. Als sie als “Madame No” durch Europa ging, waren hier alle zufrieden, denn man hatte das Gefühl, eine Kanzlerin mit eiserner Hand zu haben. Dass sie das “No” nicht halten konnte, ja, dass es sich im Nachhinein sogar als schädlich herausstellte, ist tragisch für sie. Und für uns.

Das Gespräch führte Louisa Löwenstein

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