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Digitale Diät

Bereitwillig geben wir all unsere Daten an große Unternehmen weiter. Wer da nicht mitmacht, ist vom Alltagsleben ausgeschlossen. Dabei gäbe es durchaus einen dritten Weg.

Kürzlich fragte das Washingtoner Pew Research Center 2.500 Experten, ob in den nächsten 10 Jahren ein akzeptiertes Privatsphäre-Regime und die entsprechende Infrastruktur etabliert sein würden. 55% der Befragten antworteten mit Nein, 45% mit Ja. Die Stellungnahmen im dazugehörigen Report „The Future of Privacy“ sind voller Fatalismus und Resignation.

Dazu wird die Diskussion erschreckend „digital“ geführt. Entweder erhalten wir innovative Online-Produkte oder wir schützen unsere Privatsphäre – beides geht nicht, versucht man uns zu suggerieren. Dazu gibt es die, die sich dem digitalen Fortschritt verwehren. Im Februar 2014 veröffentlichte Hans Magnus Enzensberger seine „Regeln für die digitale Welt“, die Empfehlungen enthalten wie „Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg“ oder „Waren oder Dienstleistungen via Internet sollte man meiden“. Auf die nicht digitalisierten Bäume steigen und in funknetzfreien Höhlen kriechen, wäre aber ein großer gesellschaftlicher Rückschritt und ist keine reale Option.

Totalitäres Regime mit Zugang zu Daten

Zugleich hinterlassen wir bei jeder Handlung im Internet Daten. Auf Basis daraus erstellter Persönlichkeitsprofile können Fachleute das Wesen einer Person erschreckend präzise einschätzen. Es braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, wie Menschen damit Schaden zugefügt werden kann. Die Krankenkasse berechnet unterschiedliche Beiträge je nach digitalem Gesundheitssprofil, die Kreditwürdigkeit wird auf Basis des Surfverhaltens bestimmt, der Sohn bekommt keine Lehrstelle, weil sein Persönlichkeitsprofil einen zu wankelmütigen Charakter voraussagt.

Noch dramatischer ist die Vorstellung eines totalitären Regimes mit freiem Zugang zu diesen Daten. Im Dezember 2013 staunten die friedlich demonstrierenden Bürger auf dem Majdan-Platz in Kiew nicht schlecht, als die Polizei ihnen per SMS schrieb: „Sie sind umstellt, Sie haben keine Chance.“ Viel schlimmer war, was nicht geschrieben stand: „Sie sind registriert.“ Dies ist nur ein Vorgeschmack dessen, was eine ihre Staatsmacht missbrauchende Regierung in einer gläsernen digitalen Welt tun kann. Wir bewegen uns mit Siebenmeilenstiefeln auf diesen Zustand hin. Privatwirtschaftliche Unternehmen ebnen den Weg. Unrechtsregime und Kriminelle fahren im Schlepptau mit.

Ein großer Teil der Bevölkerung will das nicht. Doch wie kann ihr verfassungsmäßig garantiertes Recht auf Privatsphäre gewahrt werden? Es gäbe eine nachhaltige Lösung.

Ein neues Businessmodell für Google & Co.

Heute geht die Nutzung von Angeboten wie Google zwingend Hand in Hand mit dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten. Will ein Nutzer dies nicht, muss er auf den Service verzichten. Das dies z.B. für Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld oft nahezu unmöglich ist, liegt auf der Hand. Es muss darum Anbietern gesetzlich vorgeschrieben sein, Nutzern auch eine dritte Option anzubieten, die es ihnen erlaubt, Angebote ohne die Gewährung der Nutzung ihrer Daten wahrzunehmen.

Würde diese „Opt-Out“ Option Google verunmöglichen? Mitnichten. Das Businessmodell würde sich nur ändern. Nutzer, die nicht wollen, dass Google anderweitig mit ihren Daten Geld verdient, müssten ersatzweise für den Dienst zahlen. Teilt man den Umsatz von Google auf seine Nutzer, kommt man auf ca. 3$ pro Monat – ein geringer Preis für die Wahrung der Privatsphäre.

Facebook würde auch nicht aufhören zu existieren, sondern sich in eine sogenannte Peer-To-Peer-Software umwandeln. Das Erscheinungsbild der Facebook-Maske könnte gleich sein, die Informationen ähnlich umfassend – allein, sie würden auf dem direkten Austausch zwischen Nutzern basieren. Nirgendwo würden Daten zentral gespeichert, sondern nur lokal beim Nutzer und zwischen Facebook-Freunden ausgetauscht.

Digitaler Wilder Westen

In einer Peer-To-Peer-Welt würde wahrscheinlich auch gutes Geld verdient, aber nicht 19 Milliarden Dollar für eine Applikation wie WhatsApp, zu der der Schweizer Manuel Kasper mit Threema quasi im Alleingang ein Konkurrenzprodukt aus dem Boden stampfte. Der Kaufpreis war eben nicht für die Applikation, sondern für unsere persönlichen Adressbücher.

Wir leben in einem digitalen Wilden Westen, frei von Rahmenbedingungen zum Schutz der Privatsphäre. Das Setzen klarer Spielregeln ist längst überfällig. Es würde Innovationen in eine andere Richtung lenken. Sie müssten den gewünschten Nutzen stiften, ohne die Daten ihrer Nutzer zu verwursten und am Ende gar noch gegen sie zu nutzen.

Kann die EU solche Regelungen im Alleingang einführen? Wir können hier von den Amerikanern lernen. Sie zeigen uns immer wieder, wie man ein nationales Rechtssystem auch international durchsetzt. Unternehmen, die sich nicht an die lokalen Spielregeln halten, fliegen raus. Amazon, Google, Facebook, Twitter – sie alle würden sich wohl kaum den EU-Markt entgehen lassen.

Verletzten sie Normen, die für EU-Bürger gelten – gleich wo sich ihre Daten auf dem Erdball befinden – müssten ihnen ernstzunehmende Strafen drohen, wie wir sie z.B. vom Kartellrecht kennen. Ihre Geschäftsmodelle würden sich in Windeseile ändern. Warum werden also keine wirksamen Regelungen eingeführt? An Entschlossenheit mangelt es unseren Politikern prinzipiell nicht. Wir sehen am Beispiel der Kinderpornografie-Bekämpfung, dass man durchaus fähig ist zu handeln, wenn man nur gewillt ist. Der Wille stellt sich aber nur langsam ein. Es ist an der Zeit, wirksame Eckpfeiler zum Schutz unserer Privatsphäre einzuziehen, so dass wir die wundervollen Möglichkeiten des Internets sorgenfrei nutzen können. Es ist möglich. Man muss es nur wollen.

Mehr dazu finden Sie auch im Buch von Martin Hellweg: Safe Surfer=

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Philipp Westerhoff, Aleksandra Sowa, Dirk Heckmann.

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