Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Wo bleibt die Verstärkung?

SPIEGEL Online stellt neue Kräfte ein. Mehr Recherche will man machen, mehr Hintergründe, mehr eigene Geschichten. Toll! Doch auch der größte Optimist wird fragen dürfen, warum man von dieser Idee überhaupt einmal abgekommen ist. Boulevard konnte die BILD doch schon immer besser.

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Der Journalismus-Guru Jeff Jarvis hat die Aufgabenverteilung im Online-Journalismus einmal so beschrieben: “Do what you do best, and link to the rest.” Die Zukunft gehört der Nische und denjenigen, die sie gut ausfüllen können. Den Rest – andere Formate, andere Tonalitäten, andere Themenfelder – gibt es im Zweifelsfall bereits sonst wo im Netz, man darf also getrost darauf verlinken, ohne gleich an der eigenen Schaffenskraft und bei dem Gedanken an weiterwandernde Leser zu verzweifeln. Dass die Grundidee (“Do what you do best”) auch in der Praxis funktioniert, hat das Nieman Lab erst vor Kurzem am Beispiel CNN durchdekliniert. Deren Leitende Redakteurin Meredith Artley formuliert die „Pilates-Strategie“ des Nachrichtengiganten so: “It’s about strenghtening your core and stretching into new areas.” Das heißt im Fall von CNN: mehr Nachrichten, mehr Analyse, seit 2010 sind die Abos der Agenturen gekündigt und die Meldungen laufen aus dem weltweiten Korrespondentennetz hausintern bei CNN ein. Austauschbarkeit, das hat man dort schnell gemerkt, ist eben auch in Zeiten der Suchmaschinenhysterie ein schlechter Traffic-Treiber.

Warum das wichtig ist? Weil ich gestern beim hassgeliebten Marktführer des deutschen Nachrichtenjournalismus über folgende Meldung gestolpert bin:

„SPIEGEL ONLINE möchte seine Leser noch aktueller, analytischer und präziser durch den Tag geleiten. Wir wollen mehr Reportagen und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Originalität. Arbeiten Sie in vorderster Reihe an der Zukunft des Journalismus, verstärken Sie die Redaktion von Deutschlands führender journalistischer Online-Seite. Ein offenes Team in kreativer Atmosphäre und zehn Millionen Leser erwarten Sie.“

Wohin des Weges?

Hoppla! Mehr Reportagen, mehr Hintergrund, mehr Meinung, mehr Originalität? Das ist doch genau das, was bei SPON in den vergangenen Monaten subjektiv gefühlt immer weniger zu finden war; und wenn doch, dann auch mit einem auf niedrigem Niveau eingependelten Mehrwertsgehalt. Und doch überrascht es nicht, dass zumindest in der Außenkommunikation wieder genau dieselben Qualitätsmerkmale und Formate angepriesen werden, die doch tagtäglich und notwendigerweise durch die Hinwendung zum Boulevard abgekanzelt, zurechtgestutzt, aufgeweicht und letztendlich inhaltsleer zurückgelassen werden.

Zum einen gilt ganz mit Jarvis, dass in den allermeisten Fällen das Original immer noch am besten ist. Das bedeutet im Fall des Boulevards ganz konkret, Axel Springer einfach mal machen zu lassen. Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht gibt es seit 1952 bei der BILD und in den zahllosen anderen Blättchen, die den deutschen Kiosken Geld in die Kassen und den deutschen Kioskblattlesern Unsinn zwischen die Ohren spülen. SPON kann sich mühen und winden – das Race to the Bottom wird Hamburg nicht gewinnen.

Zum anderen bin ich Optimist genug, um zu glauben, dass auch Otto Normalo Sein und Schein unterscheiden kann: Bin ich informiert, oder fühle ich mich nur so? Beim SPIEGEL konnte man diese Frage in der Vergangenheit immer öfter mit der zweiten Option beantworten, Agenturmeldungs- und Abschreibejournalismus sei Dank. Doch wo bleibt die Identifikation mit SPON, wenn die gleichen Texte gleichzeitig an zig anderen Orten im deutschen Netz auftauchen und sich die Unterscheidbarkeit der einzelnen Nachrichtenangebote auf die Copy-und-Paste-Fähigkeiten der Redaktionen und ein paar wenige Minuten Zeitunterschied reduzieren lässt? Reicht das, um den Nachrichtenjournalismus am Leben zu halten? Und vor allem: Ist das wirklich das, was dem SPIEGEL immer noch seine Aura als Instrument der demokratischen Gesellschaft oder als Leitmedium verleiht und dazu berechtigt, diese Titel auch mit einer gewissen Egomanie vor sich her zu tragen? Wohl kaum.

Zehn Millionen sind ein guter Anfang

Und so bleibt die vage Hoffnung zurück, dass sich irgendwann auch der Letzte sattgelesen hat an immergleichen Tickermeldungen und oftmals hysterischen Geschichten über Schwarzeneggers Potenz oder Heidi Montags Oberweite; dass irgendwann der Durchschnittsleser gegen das Prinzip der Aufregungsmaximierung und Informationsmarginalisierung revoltiert (und andererseits mehr von den Revolutionen im Nahen Osten und den Protesten in Spanien lesen will als immergleiche Zweiwortdeutungen); und dass irgendwann auch in den Chefetagen der Geschäftsführung die Botschaft ankommt, dass sie vom journalistischen Führungsanspruch eben doch mehr trennt als nur ein paar Buchstaben. In anderen Worten: Die Hoffnung, dass die großen Medienhäuser wieder das machen, was für die vierte Säule der Demokratie doch eigentlich Dreh- und Angelpunkt des täglichen Schaffens sein sollte – und was sie darüber hinaus wohl auch immer noch am besten können: eigene Geschichten, kritische Recherche, bedingte Abwehrbereitschaft, online und ohne Hitlertitelbilder. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Bekenntnisse aus der Stellenanzeige hinüberretten in den Alltag. Zehn Millionen Leser ein bisschen besser informieren, das wäre doch ein Anfang.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Eiermann: Besser ohne

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