Schmalspuragenda sagt ein Schmalspurpolitiker. Joschka Fischer

Der Todesstern

Ein gigantischer Sonnensturm hat die Erde mit voller Breitseite erwischt. Wer weiß, ob wir beim nächsten Mal ähnlich glücklich am Chaos vorbeischrammen?

Das Universum schlägt zurück. Der „größte Sonnensturm seit Jahren trifft auf die Erde“ („SPON“), „gewaltige Stürme“ („Zeit Online“) bedrohten Satelliten und Kommunikationssysteme, „Plasma-Tornados“ fegen über die Sonne („bild.de“) – die Sonne „spielt verrückt“ (noch mal „Bild“). Passiert ist während der Events der vergangenen Woche zum Glück nichts. Zumindest „vorerst“, wie die „Süddeutsche“ orakelt. Die einzigen zu beklagenden Opfer sind die Wissenschaftler, die angesichts von so viel journalistischem Unsinn noch im Labor kollabiert sind.

Unsinn? Wissenschaftlich absurder, immer wiederkehrender Unsinn! Jedes Mal, wenn sich die Sonne regt, wähnen wir uns am Rand der Apokalypse. Mit schöner Regelmäßigkeit wird vor der Gefahr für Flugzeuge und vor dem Zusammenbruch der Kommunikationsnetzwerke gewarnt. Und wenn die beschworenen Gefahren sich wieder einmal nicht bewahrheiten, werden sie einfach in die Zukunft projiziert. Genaue Vorhersagen seien „fast unmöglich“, schreibt die „Süddeutsche“: Schon nächste Woche könnte alles anders werden.

Kreative Wissenschaft, ahoi!

Es sei schon besorgniserregend, hat Albert Einstein einmal festgestellt, wenn wir immer wieder das Gleiche tun und trotzdem jedes Mal auf ein anderes Ergebnis hoffen. Was also sagt die Wissenschaft? Fest steht: Die aktuellen Sonneneruptionen erreichten auf der von G1 bis G5 reichenden Werteskala nach Angaben der amerikanischen Behörde NOAA den niedrigsten Wert (die NOAA hat sich für ihre vorher verbreiteten Warnungen inzwischen entschuldigt). Sensible Instrumente in mehreren Satelliten wurden vorübergehend abgeschaltet – genauso, wie es routinemäßig bei jeder größeren Eruption passiert, um die Detektoren vor den geladenen Teilchen zu schützen. Notfallmaßnahmen wurden in keinem Fall ergriffen.

Zum Teil steht das sogar in den jeweiligen Beiträgen – normalerweise am Ende, quasi als journalistische Baldriantropfen für den verstörten Leser. Die Überschriftentexter haben entweder nicht so weit gelesen oder besitzen ein robusteres Herz.

Doch unabhängig von einer genauen Einschätzung der möglichen Konsequenzen, zeugt die alarmistische Berichterstattung von einer kreativen Auslegung anderer wissenschaftlicher Fakten. Die Aktivität der Sonne folgt einem 11-Jahres-Zyklus. Die Anzahl der sichtbaren Sonnenflecken – kühlere Regionen auf der Oberfläche der Sonne, die uns im Teleskop als dunkle Punkte erscheinen – gibt grob Auskunft darüber, wo wir uns im aktuellen Zyklus befinden. Vor circa fünf Jahren war das Minimum erreicht, seitdem nimmt die Sonnenaktivität wie erwartet zu. 2013 dürfte das nächste Maximum erreicht sein.

Die Warnung, dass die Sonnenaktivität so stark sei wie seit fünf Jahren nicht mehr, ist daher so erhellend wie die Bemerkung, dass mittags der höchste Sonnenstand seit 24 Stunden erreicht sei. Zyklische Vorgänge haben – anders als Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Taifune – eine grob vorhersagbare Dynamik. Daher ist auch die Analogie zum irdischen Wetter etwas unglücklich. Genauso wie das Fußballfeld als Maß herhalten muss für alles, „das größer ist als eine Handtasche und kleiner als Russland“, darf der Sturm Pate stehen für so ziemlich jedes Phänomen, das irgendwie als wild oder Angst einflößend beschrieben werden kann: stürmische Debatten im Parlament (wenn Regierung und Opposition sich mal wieder an die Gurgel gehen), Stürme der Entrüstung (wenn jemand medienwirksam Tacheles redet), stürmische Liebe (auf jeder Titelseite von „Brigitte“ und Co) oder eben die Sonnenstürme. Passender wird die Analogie dadurch jedoch nicht.

Qualitätsprädikat „Wissenschaft“

Eine Analyse der Daten der vergangenen 250 Jahre (so lange schon gibt es monatliche Aufzeichnungen über die Anzahl und das Aussehen der Sonnenflecken) deutet darauf hin, dass die aktuelle Sonnenaktivität sogar weniger stark ist als erwartet. In den 1950er-Jahren war aus bisher unbekannten Gründen das moderne Maximum erreicht, seitdem nimmt die Aktivität leicht ab. Bevor jetzt vor dem Erlöschen der Sonne gewarnt wird: Die derzeitige Abnahme der Sonnenaktivität ist kein Trend, der sich beliebig in die Zukunft extrapolieren lässt; und sie hat darüber hinaus auch keine signifikanten Auswirkungen auf das irdische Wetter. Wer beispielsweise hofft, dass sich der Klimawandel im Handumdrehen von selber erledigt, wird enttäuscht werden.

Ein Problem ist, dass viele Nachrichten zu wissenschaftlichen Phänomenen oder Studien von Journalisten geschrieben werden, die erstaunlich wenig Ahnung von der Thematik haben. Zitate stammen großteils nicht von direkten Gesprächen mit Experten, sondern werden aus Agenturmeldungen oder anderen Publikationen übernommen. Am Ende steht ein Text, dem von Wissenschaftslegasthenikern der Anstrich der Reputation verpasst worden ist und auf Basis dessen wir (als Leser, und auch meistens auch als wissenschaftliche Laien) uns eine eigene Meinung bilden müssen. Der Stempel der Wissenschaft fungiert dabei als ultimatives Qualitätssiegel: Was Wissenschaft ist, ist zwangsläufig rational. Und was rational ist, ist real. Immanuel Kant hätte seine helle Freude gehabt.

So wird eine Studie zur Empathie in Beziehungen flugs zur wissenschaftlichen Bestätigung weiblicher Misandrie, das Millenniums-Phänomen Y2K zur Gefahr für die westliche Zivilisation, oder eine Sonneneruption zum Weltraum-Hurrikan. Der Journalismus schlägt zurück.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Martin Eiermann: Besser ohne

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Journalismus, Wissenschaft, Apokalypse

Debatte

Neue Publikationsregeln für Wissenschaftler

Medium_c62a7d089e

Von elitär zu prekär

In Großbritannien sollen die Publikationskosten wissenschaftlicher Texte vom Leser zum Produzenten verlagert und so einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Was wie eine gute Idee k... weiterlesen

Medium_08d6b20215
von Felix Rösch
08.08.2013

Kolumne

Medium_625704e22f
von Jörg Friedrich
23.06.2013

Kolumne

Medium_625704e22f
von Jörg Friedrich
12.05.2013
meistgelesen / meistkommentiert