Wir verkörpern eine Botschaft, die nicht jedem gefällt: Niemand steht über dem Gesetz. Hans-Peter Kaul

Ursula von der Leyen und die Bundeswehr

Die Verteidigungsministerin hat „grundlegende Veränderungen in der Bundeswehr“ angekündigt, auch die „Innere Führung heute“ soll reformiert werden. Das muss als Chance begriffen werden: In einer Demokratie und postheroischen Gesellschaft müsste sie zwischen den Lebenswelten der uniformierten und der nichtuniformierten Staatsbürgern vermitteln, indem sie die Eigenheiten des Militärischen erklärt.

Deutschland diskutiert wieder über seine Streitkräfte und ihre Innere Führung. Franco A., Mobbing und sexuelle Belästigung in diversen Standorten: Eine gelassene Nation würde mit den Schultern zucken und zur Kenntnis nehmen, dass sich keine große Organisation vor der Mitgliedschaft mutmaßlich Verrückter schützen kann. Sie würde honorieren, dass diese Vorfälle ja schlussendlich verfolgt wurden. Dass sie im Verhältnis zur Gesamtstärke der Bundeswehr, selbst bei einer angenommenen Dunkelziffer, immer noch sehr selten vorkommen. Und dass so etwas zwar nicht hingenommen werden darf, in der Dynamik aller Streitkräfte dieser Erde jedoch immer wieder vorkommen wird.

In der nervösen Republik jedoch liegen die Nerven blank. „Jeden Tag“, heißt es dann von der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in der Bild am Sonntag, „werden Regelverstöße korrekt geahndet, die Innere Führung greift“. Regelmäßige Sanktionen als Beleg für ihre vermeintliche Funktionalität: Besser kann man die gegenwärtige Krise der deutschen Militärphilosophie nicht auf den Punkt bringen. Die vier großen Ziele Wolf Graf von Baudissins Innerer Führung waren Legitimation, Motivation, Integration und Gestaltung der Inneren Ordnung. Von der Leyen hat offenkundig einen anderen Schwerpunkt als er.

Das Scheitern der Inneren Führung führt zu „Verselbständigungstendenzen“

Die aktuelle Debatte (Integration), Umfragen zur Dienstzufriedenheit von Soldaten (Motivation) und das Unverständnis für den Sinn von Auslandseinsätzen (Legitimation) zeigen in unübersehbarer Deutlichkeit, dass die Innere Führung in ihrer gegenwärtigen Ausprägung grandios gescheitert ist.

Die Folge dieses Scheiterns hat Marco Seliger indirekt in der FAZ beschrieben. Er beschreibt eine Diskussion in der Führungsakademie der Bundeswehr, in der ein Hauptmann der Jägertruppe von „Verselbständigungstendenzen“ in der Truppe berichtet hat. Der zeitgenössischen deutschen Militärphilosophie gelingt es offenkundig nicht, dem Soldaten einen Ethos anzubieten, der den Einsatz und die Zeit danach übersteht. Diese „Verselbständigungstendenzen“ gehen 99 Mal gut, beim 100. Mal passieren Pfullendorf und Sondershausen, also die jüngsten Vorfälle von Mobbing und sexueller Belästigung. Vor allem darin liegt die große Gefahr einer scheiternden Inneren Führung, sie bewirkt das Gegenteil dessen, was sie bewirken möchte.

Wenn Ursula von der Leyen jetzt „grundlegende Veränderungen in der Bundeswehr“ ankündigt und eine neue „Innere Führung heute“ auflegen möchte, dann muss das als Chance begriffen werden. Eine schmerzhafte Lösung wäre, die Innere Führung bis auf Auftragstaktik und Rechtssicherheit des einzelnen Soldaten abzuschaffen. Allerdings könnte sich die Truppe dann hinsichtlich ihrer Nichtteilnahme an der öffentlichen Debatte erst recht auf Loyalität, Gehorsam und militärischen Anstand berufen; allen voran die peinlich schweigsamen Spitzenmilitärs, wenn sie durch das Nichtwahrnehmen von Rechten diese praktisch abschaffen. So eine Entfremdung von Truppe und Gesellschaft kann einer Demokratie nicht gut tun.

Die Innere Führung ist eine Vermittlungsinstanz

Nur, was dann? Es ging Baudissin in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts für die neuen Streitkräfte um einen Ausgleich der Spannung zwischen zwei eigentlich nicht zu vereinbarenden Gegensätzen – den staatsbürgerlichen Rechten und der Pflicht zum Gehorsam. Nach 17 Legislaturperioden in der Bundesrepublik haben nicht nur mehrere Soldatengenerationen, sondern auch die Institution Bundeswehr die Demokratie so weit eingeübt, dass diese Spannung längst nicht mehr die Brisanz besitzt, wie in den ersten Jahrzehnten der Bundeswehr. Selbst Pfullendorf, Sondershausen und ein paar Vitrinen mit „Devotionalien“ machen noch lange keinen Staat im Staate.

Ein großer Teil der Staatsbürger in Uniform lebt „zwischen Welten“, seine Realitäten bestehen aus dem normalen, bundesrepublikanischen Alltag, aber auch aus der Zeit im Einsatz und der Erinnerung daran. Wenn man die Innere Führung als Ausgleich zwischen eigentlich nicht zu vereinbarenden Gegensätzen verstünde, dann könnte hier die neue Stärke, der neue Sinn einer Inneren Führung liegen. 

Die Möglichkeit, von einem Feind legal getötet zu werden sowie die eventuelle Pflicht, auf Befehl einen anderen Menschen zu töten, gibt es in keinem anderen Beruf. Und selbst wenn man einen zwei Nummern kleineren Ansatz wählte: Monatelanges Leben in Containern, Kajüten oder Zelten, dabei eine permanente, mindestens abstrakte Lebensgefahr, auf Befehl gibt es das nur in der Armee.

Diese Lebenswelt des Soldaten und die Natur des militärischen Zusammenhalts, Kameradschaft, Treue, Befehl und Gehorsam sind nach der Abschaffung der Wehrpflicht, der Verkleinerung der Truppe, dem Rückzug aus der Fläche und dem jahrelangen Fokus auf Auslandseinsätze etwas zutiefst Unbürgerliches geworden, weil der nichtuniformierte Bürger das nicht erleben und nur schwer nachempfinden kann. Das ist ihm nicht vorzuwerfen – aber es ist so.

Ein neuer Ansatz der Inneren Führung liegt in der Vermittlung „zwischen Welten“

Hier, im Ausgleich dieser Spannung, liegt die neue Notwendigkeit der Inneren Führung, hier kann sie zu Legitimation, Integration und Motivation der Truppe beitragen. Der Ausgleich muss stattfinden zwischen dem Anspruch an den Staatsbürger, der sich aktiv an Debatten und politischen Entscheidungsprozessen beteiligt, sowie dem Anspruch an den Soldaten, der den besonderen Erfordernissen von Ausbildung und Einsatz gerecht wird. Und hier ist nicht zuerst die Gesellschaft gefragt. Die Hauptverantwortung für Legitimation, Motivation und Integration liegt bei der Bundeswehr und ihren Kommunikatoren – zu denen zuallererst die Generalität gehört.

Dem neuen Staatsbürger in Uniform muss nicht mehr erklärt werden, dass er neben seiner Pflicht zum Gehorsam auch bürgerliche Rechte hat – im Jahre 2017 weiß er das, jeder neue Rekrut wurde in einer stabilen Demokratie sozialisiert. Er muss aber die Spannung „zwischen Welten“ ausgleichen und der postheroischen Gesellschaft die Eigenheiten und besonderen Erfordernisse von Streitkräften erklären. Dazu gehörten kontroverse Debattenbeiträge, ein im besten Sinne demokratischer Streit zwischen ihr und ihren Kritikern, bei dem beide Seiten ihre Argumente verbessern und voneinander lernen können. Das ist zweckmäßiger als diese Mischung aus passiv-aggressiver Larmoyanz mancher Soldaten in den sozialen Netzwerken sowie einer entschuldigenden Servilität und einem vorauseilenden Gehorsam der militärischen Führung, wie wir sie derzeit im Rahmen von „Säuberungen“ in den Kasernen erleben.

Insgesamt also eine Bundeswehr, die sich als selbstbewusster, in ihren militärischen Besonderheiten notwendiger und selbstverständlicher Teil der Republik präsentiert. Und diese würde den Soldaten dann – kritisch freilich, aufmerksam, aber gelassen – einfach seine vom Parlament in Auftrag gegebene Arbeit machen lassen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus Wittmann, Thomas Wiegold, Peter Tauber.

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