Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu machen, ohne die Eier kaputt zu schlagen. Paul Lacroix

Der alte Mann und das Mehr

Eigentlich ist die Rechnung leicht: In einer alternden Bevölkerung müssen Arbeitnehmer auch ins höhere Alter beschäftigt werden. Langsam setzt sich diese Erkenntnis auch im Markt durch.

Na endlich: Jeder vierte Betrieb will künftig auch Ältere einstellen, meldet eine neue Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Und schon vor einigen Tagen haben die Arbeitsagenturen verkündet, dass keine Gruppe am Arbeitsmarkt so sehr von der guten Konjunktur profitiert wie die Älteren.

Die glücklichste Zeit des Menschen

Das passt – und es ist überfällig. Wir brauchen in Deutschland eine Revolution darüber, wie wir über das Alter denken. Denn fast alle Vorurteile über das Altern sind falsch: Ab 50 geht es nicht abwärts, sondern es beginnt die glücklichste Zeit im Leben eines Menschen. Dies bestätigt jede neue Studie zu diesem Thema. Es gilt weltweit, ob in Argentinien, Kenia oder hierzulande. Die Leistungsfähigkeit nimmt nicht ab, sie ändert sich: Ältere sind vielleicht nicht so schnell wie jüngere, aber viel erfahrener.

Was bislang allerdings abgenommen hat, waren die Möglichkeiten, die Ältere hatten. Weitergebildet wurden die Jungen, die Chefposten bekamen die Um-die-40-Jährigen. Schließlich signalisierte die fatale Frühverrentungspolitik der letzten zwei Jahrzehnte doch klar und deutlich: Wir brauchen Euch Alte nicht, ihr seid unnütz!
Diese vom früheren CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm hauptverantwortlich in Gang gesetzte Weg-mit-den-Älteren-Politik steht nun kurz vor ihrem endgültigen Aus. Sie war zutiefst heuchlerisch, gab sie doch vor, den Älteren „Gutes tun zu wollen“. Doch für die meisten brachte der erzwungene, wenn auch oft von hohen Abfindungen und Renten ohne Abschläge versüßte Abgang nicht den Traum vom lustigen Rentnerleben. Stattdessen stellte sich nach den ersten Reisen und der Wohnungsrenovierung oft tödliche Langeweile ein und ein bitteres Gefühl des Nicht-mehr-Gebrauchtwerdens.

Das ändert sich nun in dem Maße, wie der demografische Wandel am Arbeitsmarkt zu spüren sein wird. Der große Gewinner dabei sind die Arbeitnehmer, vor allem, wenn es sich um Fachkräfte handelt. Wer Ältere für sich gewinnen will, wird eine Vielzahl flexibler Arbeitsmodelle anbieten müssen, von denen auch die Jüngeren profitieren. Wer Ältere halten und fit halten will, muss sich um Gesundheitsprävention kümmern, die auch den Jüngeren zugutekommt.

Jetzt Vorteile schaffen

Noch können sich viele Firmen vor diesen elementaren Einsichten drücken, weil sie den anderen mit höheren Löhnen einfach die Fachkräfte wegkaufen. Doch früher oder später wird die Alterung der Gesellschaft auch bei ihnen ankommen. Im Vorteil aber werden diejenigen sein, die sich jetzt schon darauf einstellen – mit der weitest gehenden Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, altersgemischten Teams, einer ordentlichen Gesundheitsprävention. Vor allem aber mit der Einsicht, dass wir ein neues Bild vom Alter brauchen. Und dem Stolz, genau daran mitzuarbeiten.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Philipp Gesche – 13.01.2012 - 21:58

    Richtig, sowohl in Punkto Erfahrung der Älteren, als auch in der Zurückhaltung der Unternehmen, von denen viele nach wie vor nach der Devise agieren: “Wir sind so gut und ein so attraktiver Arbeitgeber, dass wir auf ältere Arbeitnehmer nicht zurückgreifen müssen, weil uns die Jüngeren die Bude einrennen.” Stimmt wahrscheinlich auch manchmal, allerdings bei vielleicht 5% der Unternehmen. Ich beschäftigte mich seit längerem mit Ingenieuren im Ruhestand, die gerne ihre zum Teil beeindruckende Erfahrung in Projekte für die Industrie im In- und Ausland einbringen würden. Überraschend (oder nicht?): im eigenen Land gilt der Ingenieur nicht mehr viel wenn er in den Ruhestand tritt. Im Ausland hingegen ist das Interesse groß. Wir haben Erfahrung mit weit über 70jährigen, die komplexe Projekte ruhig, gelassen und erfolgreich umsetzen und (nota bene!) sehr gut mit den jüngeren Kollegen zurecht kommen. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt. Wenn 2020 500.000 Ingenieure fehlen, wird vielleicht das ein oder andere Unternehmen vom hohen Ross herunterklettern.

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