Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

„Der Dschihad ist nicht an eine einzelne Person gebunden“

Der Terrorfürst Osama bin Laden ist tot – doch was bedeutet das für seine Mission, den Kreuzzug gegen den Westen? Der Dschihadismus-Experte Marco Schöller spricht über die Ideologie al-Qaidas, die Bedeutung des Dschihad für den islamischen Glauben und die islamische Tradition der Aufklärung. Das Interview führte Martin Eiermann.

islam dschihad osama-bin-laden terrorismus al-kaida

The European: Sie haben argumentiert, dass der Tod Osama bin Ladens keine nennenswerten Auswirkungen auf den Dschihadismus haben wird. Warum?
Schöller: Es ist natürlich denkbar, dass es jetzt zu Anschlägen kommen wird und dass diese Anschläge als Rache für den Tod Bin Ladens gerechtfertigt werden. Man darf aber nicht glauben, dass es diese Anschläge sonst nicht gegeben hätte. Die Idee des Dschihadismus ist nicht an eine einzelne Person gebunden – auch nicht an Bin Laden.

The European: Wie ist al-Qaida dann zu verstehen? Als loses Extremistennetzwerk mit ideologischem Zusammenhalt?
Schöller: Al-Qaida bedeutet übersetzt „die Säule, auf die sich etwas stützt“ oder „das Fundament“. In der Architektur bezeichnet es einen tragenden Teil einer Säule. Das ist auch das Selbstverständnis von al-Qaida: Auf ihren Schultern lastet der „wahre Islam“. Oder auch: Sie sind die letzte „Basis“ des Widerstands.

The European: Gibt es eine Idee dessen, was den „wahren Islam“ ausmacht? Oder gibt es auch innerhalb der Terrororganisation unterschiedliche Strömungen?
Schöller: Al-Qaida ist keine Organisation mit Parteibuch, sondern ein loses Netzwerk von Leuten, die im weitesten Sinne ein gemeinsames Interesse haben.

„Die Idee des Dschihad spielt überall eine starke Rolle“

The European: Was ist das für ein gemeinsames Interesse?
Schöller: Bis vor zehn Jahren lag der Fokus zum Beispiel auf der Bekämpfung von Regierungen in der islamischen Welt, die als illegitim angesehen wurden. Al-Qaida richtete sich unter anderem auch gegen das saudi-arabische Königshaus, das mit den „Ungläubigen“ paktiert und westliche Truppen ins Land gelassen hat. Inzwischen hat sich dieser Fokus geweitet, der Terrorismus richtet sich auch ganz explizit gegen den Westen. Die Rechtfertigung dieses Terrorismus durch islamische Quellen ist eine lange und komplexe Geschichte.

The European: Sie schreiben, dass der Dschihad als „inneres Ringen um ein aufrechtes Leben“ verstanden werden kann. Was hat sich an dieser Interpretation geändert?
Schöller: Wir wissen gar nicht genau, was ursprünglich mit Dschihad gemeint war. Seit den Anfängen des Islam hat es parallel verlaufende Auffassungen gegeben. Es ist nicht zu leugnen, dass dazu auch immer Interpretationen gezählt haben – vor allem in der Zeit des Frühislam – die ganz explizit von Gewalt und Krieg gesprochen haben. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde diskutiert, welcher Krieg denn als erlaubt gelten darf: Ein Verteidigungskrieg? Ein Angriffskrieg gegen Ungläubige? Aber es gibt eben auch sehr viele andere Konzeptionen des Dschihad, zum Beispiel den inneren Dschihad, auch bekannt als „Dschihad der Seele“ oder „großer Dschihad“. Dieser Kampf des Menschen gegen seine „schlechten Seiten“ hat auch ganz starke asketische Aspekte. Oder es gibt den gesellschaftlichen Dschihad, der sich zum Beispiel in der Verhinderung von Unrecht an anderen manifestiert.

The European: Wie stark sind islamische Kulturen von diesen dschihadistischen Gedanken durchdrungen? Ist der Dschihad als Idee ein Randgruppenphänomen oder eine einflussreiche kulturelle Komponente?
Schöller: Die Idee des Dschihad spielt überall eine starke Rolle. Der eigentliche Dschihadismus – verstanden als zeitgenössischer Terrorismus – ist natürlich eine Minderheitsmeinung. Die Muslime, die sich aktiv daran beteiligen, können Sie fast an zehn Fingern abzählen. Aber es gibt auch die Gruppe der Sympathisanten, die mehr oder weniger offen die Ideologie des Dschihadismus mittragen. Das ist aber auch keine Mehrheit. Insgesamt unterscheiden sich die verschiedenen islamischen Länder in dieser Hinsicht enorm. Bereits in der arabisch-islamischen Welt gibt es Dutzende Staaten, die sehr stark differieren. Wenn Sie dann noch das subsaharische Afrika oder das zahlenmäßig größte islamische Land Indonesien dazunehmen, dann ergibt sich ein sehr komplexes Bild. Der Iran ist anders als Pakistan, und das wiederum ist anders als der Senegal. In Westafrika zum Beispiel hat der Dschihadismus seit dem 19. Jahrhundert eine sehr starke Tradition als antikoloniale Widerstandsbewegung, in Syrien überhaupt nicht. Das können Sie nicht über einen Kamm scheren.

The European: Es gibt im Koran einige Suren, die sich konkret mit dem Mittel der Gewalt auseinandersetzen. Es heißt zum Beispiel: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören.“ Lassen sich solche Aussagen moderat interpretieren?
Schöller: Es gibt in der Tat solche Passagen. Eine Sure besagt auch, dass Muslime die Ungläubigen bekämpfen und töten sollen, wo immer sie anzutreffen sind. Man muss aber dazu sagen, dass dies nur Ausschnitte sind. Wenn Sie sich den Text um diese Passagen herum ansehen, wird deutlich, dass vieles davon passiv als Abwehrhaltung formuliert ist: „Bekämpft die, die euch bekämpfen.“ Die Aussagen sind also keine Blankoschecks zur Gewalt und oftmals mit expliziten Einschränkungen belegt. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher, wenn Sie die Maßstäbe einer neuzeitlichen Friedenstheologie anlegen. Aber zum einen sind die Passagen weniger eindeutig als oftmals propagiert wird, zum anderen existieren sehr wohl unterschiedliche Interpretationen. Man kann die Suren zum Beispiel im Kontext konkreter historischer Umstände verstehen. Dann stellt sich die Frage, ob sie als beschreibende Texte überhaupt noch im gleichen Sinn für die heutige Zeit gültig sind.

„ Die Reformation als stringente Bewegung gibt es in der islamischen Welt nicht“

The European: Hat sich die Koranexegese in den vergangenen Jahrhunderten in dieser Hinsicht verändert? Im Westen gibt es die Reformation und die Aufklärung – gibt es eine vergleichbare kritische Tradition innerhalb des Islam?
Schöller: Es gibt eine kritische Koranexegese, doch sie unterscheidet sich von der kritischen Tradition des Westens. Die Reformation als stringente Bewegung gibt es in der islamischen Welt nicht, aber es gibt Traditionen, die doch sehr vergleichbar sind mit denen, die im Westen in den Protestantismus gemündet haben. Grundsätzlich lässt sich sicherlich sagen, dass heilige Schriften nie eindeutig in ihrer Botschaft sind. In diesem Punkt sind die islamische und die christliche Herangehensweise sehr vergleichbar. Wenn man sich nur anstrengt, kann man aus solchen Texten fast alles herauslesen, unabhängig davon, was im Text steht oder wie es historisch vielleicht einmal gemeint war. Die Interpretation heiliger Schriften ist eine Glaubenssache. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel aus der christlichen Tradition: Zur Zeit der Kreuzzüge wurde Gewalt mit verschiedenen Geschichten aus dem Alten Testament legitimiert. Dann regte sich Widerstand mit dem Hinweis, die zehn Gebote verböten das Töten anderer. Die Antwort war, das Gebot umzuinterpretieren. Aus einem generalistischen „Du sollst nicht töten“ wurde ein „Du sollst nicht morden“. Und Mord wurde definiert als ungerechtfertigte Tötung. Gewalt war nach dieser Interpretation also legitim, wenn sie gerechtfertigt war – zum Beispiel beim Kampf gegen die Muslime im heiligen Land. Sie können sich um alles herumreden. Das ist ein Punkt, den ich sehr bedenklich finde. Man nimmt sich den Text des Korans – sowohl in der islamischen Welt als auch im Westen –, zitiert bestimmte Passagen und leitet daraus direkte Handlungsmaximen ab. Wir müssen ablassen von der Idee, dass die Botschaft eines solchen Textes eindeutig und unkodiert aus der Schrift herausgelesen werden kann.

The European: Sie haben die moderne Koranexegese mit den Kreuzzügen verglichen, die einige Jahrhunderte zurückliegen. Hat nicht in der westlichen Exegesetradition eine kritische Entwicklung stattgefunden, die zum Beispiel ein anderes Verhältnis zu Gewalt hat?
Schöller: Das Prinzip ist das gleiche, auch die Bibelexegese der Christen funktioniert nach dem gleichen Muster. Nur deuten wir die Mordgeschichten aus dem Alten Testament heute anders als noch im Mittelalter. Auch im Neuen Testament gibt es Passagen, die sich sehr leicht als Aufruf zur Gewalt verstehen lassen. Das würde die heutige Kirche aber nie machen – nicht, weil der Text es nicht zulässt, sondern aus Gründen der historischen Umstände.

The European: Und diese Umstände sind im Islam anders, weil weniger geprägt von Gewaltverzicht?
Schöller: Sie sind anders. Daher habe ich ein Problem damit, wenn jemand den Koran aufschlägt und dann sagt, das Buch leite zur Gewalt an.

The European: Sie haben argumentiert, dass sich die islamische Welt bis weit ins 19. Jahrhundert in der Vormoderne befand. Welche Entwicklungen haben seitdem eine Modernisierung bewirkt?
Schöller: Vor allem die arabische Welt war der westlichen Moderne sehr lange verschlossen. Das war in Indien oder Indonesien zum Beispiel anders, weil dort auch der britische oder der holländische Einfluss schon viel länger spürbar war. Das Problem der islamischen Welt ist, dass sie durch den Kolonialismus in sehr kurzer Zeit und sehr gewaltsam in die Moderne katapultiert worden ist. An dieser Problematik krankt die ganze Region natürlich bis heute. Das gilt im Übrigen auch für andere Weltgegenden.

„Wir sehen einen Kampf der islamischen Welt mit sich selber“

The European: Erleben wir also heute eine Auseinandersetzung der Muslime mit der eigenen Geschichte? Einen Versuch, die gültigen kulturellen Normen an die Realitäten der Moderne anzugleichen?
Schöller: Ja, wir sehen einen Kampf der islamischen Welt mit sich selber. Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt, wenn Sie die Entwicklungen innerhalb des Islams und auch die Beziehungen zwischen dem arabischen Raum und dem Westen verstehen wollen. Wir nehmen hier gerne einen Kampf der Muslime gegen den Westen wahr. Doch letztendlich ist das nur ein Teilaspekt des viel schwierigeren Kampfes der islamischen Welt mit den eigenen Traditionen und Normen und mit der eigenen Geschichte. Anti-westliche Stimmen richten sich auch nicht direkt an den Westen, sondern oftmals an andere Muslime. Es geht um die Frage, wie die eigene islamische Kultur und der eigene Staat beschaffen sein sollen. Wir neigen dazu, diese Debatten sehr selektiv wahrzunehmen.

The European: An den großen Umbrüchen im Frühjahr 2011 waren radikalislamische Gruppen kaum beteiligt. Sehen Sie das als Zeichen der Schwächung des Extremismus? Oder bietet das Machtvakuum in Ländern wie Ägypten eine Chance für die Verbreitung extremistischen Gedankenguts?
Schöller: Die extremistischen Gruppen sind keine Massenbewegung, es überrascht also nicht, dass sie nicht an den Aufständen in Ägypten oder Tunesien beteiligt waren. Dazu hat al-Qaida gar nicht das Potenzial. Ich glaube, dass die Revolutionen auch eher zur Stärkung moderater Ideologien beitragen werden. In einer Diktatur haben sie nur zwei Möglichkeiten: Konformität oder Widerstand. Natürlich verstärkt das den Zulauf zu extremistischen Organisationen, die sich im Untergrund organisieren und in solchen Regimen ihr Habitat finden. Wenn Sie freie Gesellschaften haben, in denen auch kontroverse Meinungen artikuliert werden können, ist es doch klar, dass extremistisches Gedankengut weniger relevant wird und nicht mehr die Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegelt. Das Argument, Politik sei nur durch extreme Mittel zu beeinflussen, versagt. Selbst vormals radikale Gruppen organisieren sich zum Beispiel offiziell als Parteien mit einer gemäßigteren Agenda. Die islamische Welt hat noch einen langen Weg vor sich, aber langfristig wird die Demokratisierung auf jeden Fall zur Schwächung des Extremismus beitragen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Tarak Barkawi: „Europa hat am meisten zu verlieren“

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Weitere Gespräche

„Die Deutschen haben sich gedrückt“

Big_ee9188b3de

Um Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ kommt im Supergedenkjahr 2014 niemand herum. Mit Florian Guckelsberger und Max Tholl sprach der Cambridge-Historiker ü weiter...

Small_0636fc1a7b
mit Christopher Clark
24.07.2014

„Das Aufstiegsversprechen wird gebrochen“

Big_15b3e173d7

Wieviel Staat ist gut? Die Deutschen haben die größten Skeptiker staatlicher Macht aus dem Bundestag gewählt. Thore Barfuss und Sebastian Pfeffer fragen FDP-Chef Christian Lindner, was sein Liberalismus noch anzubieten hat.

Small_8736a5f09c
mit Christian Lindner
22.07.2014

Mehr zum Thema: Islam, Dschihad, Osama-bin-laden

Kolumne

Medium_ee80644634
von Jennifer Nathalie Pyka
12.05.2012

Debatte

Die Bombe

Medium_b102289550

Atom-Achsen sind böse

Während die alten Atommächte ihre Arsenale räumen wollen, träumen böse Staaten und dämonische Schurken vom ultimativen atomaren Schlag gegen ihre Gegner. Iran ist böse, Nordkorea ist böse, die isla... weiterlesen

Medium_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
03.03.2010

Debatte

Khalids Ultimatum

Medium_9d2ba9cda5

Die Rhetorik des Terrors

Die Sprache des Islam ist revolutionär – und für politische Zwecke zu gebrauchen. Um den globalen Dschihad zu befeuern, sucht El Kaida jedoch nicht nur im Koran nach Argumenten, sondern auch in der... weiterlesen

Medium_ecd3fbc77d
von Daniel Gerlach
20.02.2010
meistgelesen / meistkommentiert