Ich werde der Präsident aller sein. François Hollande

Von Landfrust zu Landlust

Auf dem Land treffen zwei tiefgreifende Entwicklungen unserer Zeit aufeinander: der demografische Wandel und die Digitalisierung. Schafft man es, die beiden sinnvoll zu verbinden, eröffnen sich neue Perspektiven.

Ich bin Ministerpräsidentin eines eher ländlich geprägten Bundeslandes: Rheinland-Pfalz hat mit Mainz, Koblenz, Trier, Kaiserlautern oder Ludwigshafen zwar auch größere Städte, aber in den überwiegenden Teilen des Landes liegen viele malerische Orte, schöne Dörfer, wunderbare Landschaften und natürlich unsere Weinbaugebiete. Dafür sind wir nicht nur bei Touristen beliebt. Die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer sind zu Recht stolz auf ihr Land: auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, auf die hohe Lebensqualität, die florierende Wirtschaft – und nicht zuletzt auf den guten Wein.

Natürlich fragen sich aber auch manche mit Blick auf die Zukunft: Wie wird unser Dorf aussehen, wenn die Bevölkerung wegen des demografischen Wandels immer älter wird? Werden dann noch junge Leute und Familien zu uns ins Dorf ziehen? Können wir unsere Infrastruktur mit Bussen, Läden und der Gesundheitsversorgung so aufrechterhalten? Wird es überhaupt noch Unternehmen im ländlichen Raum geben? Das sind Fragen, die mir oft gestellt werden.

Das Dorf mit der Metropole verbinden

Ich schaue optimistisch in die Zukunft. Zwar wird uns durch den demografischen Wandel vieles abverlangt und wir müssen bereit sein, uns zu verändern, uns vielleicht auch von manch Liebgewonnenem zu trennen und unsere Gewohnheiten anzupassen – aber ich sehe auch große Chancen. Der Schlüssel ist für mich das Zusammentreffen der Digitalisierung mit dem demografischen Wandel. Wenn wir es geschickt angehen, bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, das Dorf mit der Metropole zu verbinden – ohne jedoch auf die Lebensqualität des ländlichen Raumes verzichten zu müssen. Die Digitalisierung ist eine der tiefgreifendsten Veränderungen seit der Industrialisierung. Sie bedeutet Strukturwandel, der keine räumlichen, zeitlichen oder inhaltlichen Grenzen kennt.

Gerade in Zeiten des demografischen Wandels ist diese Entwicklung nicht zum Nachteil unserer Dörfer – sie kann sogar ihre Rettung sein. Denn mit einer schnellen Internetverbindung kann heutzutage jeder und jede arbeiten, wirtschaften, lernen, einkaufen oder mitbestimmen – egal ob von Budenheim, Betzdorf oder Berlin aus. Niemand muss mehr in den Metropolen sitzen, um ein Global Player zu sein. Ein Ingenieur oder eine Architektin kann im 21. Jahrhundert in Neuhofen genauso erfolgreich arbeiten wie in New York – und dies aus einem lebenswerten, sicheren, schönen und sozial gefestigten Umfeld heraus.

Deswegen hat der Ausbau des schnellen und flächendeckenden Internets für mich als Ministerpräsidentin und die von mir geführte Landesregierung Priorität. Denn breitbandige, schnelle Datenverbindungen sind die grundlegenden Infrastrukturen der Zukunft. Rheinland-Pfalz geht dabei mit seiner NGA-Strategie (Next-Generation-Access) „Breitbandnetze der nächsten Generation: Auf- und Ausbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen in Rheinland-Pfalz“ einen deutlichen Schritt voran. Unser Vorhaben und unser in der NGA-Strategie skizzierter Weg, bis 2018 Anschlüsse mit einer Übertragungsrate von mindestens 50 MBit/s für alle einzurichten, sind richtig.

Wir wissen aber heute sehr wohl, dass die guten Bandbreiten von heute für morgen nicht mehr ausreichen. Damit meine ich: Wir müssen die Entwicklungen stetig begleiten und nicht aus dem Blick verlieren. Deshalb haben wir eine Machbarkeitsstudie angestoßen, um damit eine Grundlage für das Ausbauziel 300 MBit/s plus zu legen. Damit sorgen wir jetzt schon dafür, dass Rheinland-Pfalz auch in Zukunft vorne mit dabei ist.

Digital leben und arbeiten in unseren Dörfern

Die Digitalisierung bietet für den ländlichen Raum aber noch viel mehr Chancen: Wir werden in Rheinland-Pfalz beispielsweise ein wissenschaftliches Forschungsprojekt der Fraunhofer-Gesellschaft unterstützen, das sich mit den sogenannten „Digitalen Dörfern“ befasst. Das Interesse gilt dabei der Frage, welche digitalen Technologien sich wie einsetzen lassen, um das Leben auf dem Land attraktiv zu gestalten.

Es geht hier vor allem um Mobilität, Logistik und Nahversorgung mit Waren und Dienstleistungen. Das ist ein spannendes Projekt, das uns sicherlich Hinweise geben wird, wie unsere Dörfer mithilfe der digitalen Technik zukunftsfest werden können. Einen weiteren innovativen Weg beschreiten wir für Herzpatienten in der Westpfalz. Diese müssen nun nicht mehr lange Wege zu Vorsorgeuntersuchungen auf sich nehmen, sondern können ihre Gesundheitsdaten durch das Netz übermitteln, werden so ständig medizinisch begleitet und erhalten im Notfall schnell Hilfe.

Für das Leben im Dorf, gerade in Zeiten des demografischen Wandels, wird das Wohnen für ältere Menschen eine immer wichtigere Frage sein. Viele Umfragen belegen, dass Menschen, wenn sie älter, gebrechlicher und vielleicht pflegebedürftig werden, in ihrer vertrauten Umgebung bleiben möchten – also in ihrem Dorf, bei ihrer Familie, ihren Freunden und Nachbarn. Wir wollen keine Menschen dazu drängen in eine unbekannte Stadt und in ein Heim zu ziehen. Hier können gemeinschaftliche Wohnprojekte eine gute Lösung sein, damit keiner im Alter alleine leben muss.

Ich habe die Vision, dass es mal in jedem Dorf ein gemeinschaftliches Wohnprojekt geben wird. Die Landesregierung unterstützt mit dem Programm WohnPunkt schon heute Kommunen bei der Gründung. Über 100 gemeinschaftliche Wohnprojekte haben wir in Rheinland-Pfalz bereits, 25 von ihnen sind in der aktuellen Legislaturperiode entstanden. Diesen Weg wollen wir weitergehen, damit alle im Alter so wohnen können, wie sie es sich wünschen.

Altes und junges Leben auf dem Land

Aber auch beim Wohnen im Alter bietet uns die Digitalisierung Chancen: So hat die Landesregierung das Modellprojekt „SUSI TD“ gestartet. SUSI ist ein Programm, das Wohnungen von älteren Menschen mit Computern und Sensoren ausstattet. Wenn eine Bewohnerin etwa morgens länger nicht aufsteht, wird dies einem Betreuer gemeldet, der sich dann meldet. So können ältere Menschen länger sicher in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben. SUSI ist damit greifbarer Ausdruck dessen, was passiert, wenn die Digitalisierung auf den demografischen Wandel trifft und wie die Lebensqualität der Menschen in ihrem Heimatdörfern ganz konkret verbessert werden kann.

Aber auch für junge Menschen und Familien bieten in Zukunft die Dörfer neue Chancen, gutes Leben und gutes Arbeiten zu verbinden: Die Möglichkeiten für Unternehmen durch flächendeckende Internetverbindung habe ich bereits beschrieben. Das bedeutet auch gute Arbeitsplätze in den Regionen. Darüber hinaus ändert sich im digitalen Zeitalter auch unsere Arbeitswelt: Es wird künftig oft nicht mehr entscheidend sein, von wo und wann man arbeitet: Durch Telearbeit ist es einfacher, von zu Hause aus zu arbeiten und so Kindererziehung oder die Pflege der Eltern mit einem Job zeitlich und räumlich zu vereinbaren. Und wir können unseren Kindern das Aufwachsen auf dem Land und in der Natur ermöglichen – ohne dass sie dabei von den neuesten digitalen Entwicklungen und der weltweiten Diskussion im Netz abgeschnitten sind. Digitalisierung kann ein Dorf also auch jung halten.

Rheinland-Pfalz als Vorreiter im demografischen Wandel

Die Politik der Landesregierung trägt mit vielen Maßnahmen dazu bei, dass unsere Dörfer auch in Zukunft lebenswerte Orte zum Aufwachsen, Arbeiten und Altwerden bleiben. Mit dieser politischen Schwerpunktsetzung sind wir Vorreiter in Deutschland, so sind wir das einzige Bundesland mit einem Demografie-Ministerium.

Wir haben seit mehreren Jahren eine Demografie-Strategie und haben viele erfolgreiche Projekte gerade für den ländlichen Raum initiiert: Hierzu zählen bspw. Bürgerbusse für Regionen mit starkem Bevölkerungsrückgang, Pflegestützpunkte als Beratungszentren für Ältere, das Programm „Starke Kommunen, starkes Land“ und jetzt ganz neu die „GemeindeschwesterPlus“ als Ansprechpartnerin für Ältere.

Dies sind zentrale Aspekte, wenn es um die Zukunft unserer Dörfer geht. Auch wenn nicht alles immer einfach werden wird, sich vielleicht nicht alle Probleme direkt lösen lassen, und die ländlichen Regionen unterschiedlich stark vom demografischen Wandel betroffen sind, schaue ich optimistisch in die Zukunft. Aber auch hier gilt: Chancen kann nur nutzen, wer sie sehen will.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus Schmotz , Gerhard Henkel , Meinhard Miegel.

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