Friseurgespräche sind der unwiderlegliche Beweis dafür, dass die Köpfe der Haare wegen da sind. Karl Kraus

Keine Angst vorm „Morgen-Land“

Schon jetzt verändert die Digitalisierung unsere Lebens- und Arbeitswelt. Wir sollten nicht vor ihr weglaufen, sondern uns besser auf den Wandel vorbereiten.

Der „Spiegel“ sorgt mit seiner Titelgeschichte diese Woche für große Aufregung in der digitalen Welt. Das Nachrichtenmagazin warnt vor einem „Morgen-Land“ mit neuer Weltordnung – diktiert von Google, Facebook und Co. Scharfe Kritik ließ da nicht lange auf sich warten. Allen voran Jeff Jarvis, US-amerikanischer Journalist und Autor des Buches „What Would Google Do?“. Er unterstellt dem „Spiegel“ „Technopanik“, „Googlephobie“ und macht sich Sorgen um die Technologie in Deutschland.

Wenngleich das Ausmaß und der Tonfall der Kritik übertrieben emotional daherkommen, verdeutlichen die heftigen Reaktionen auf den Artikel doch den offensichtlichen Gesprächsbedarf, der zum Thema Digitalisierung in unserer Gesellschaft besteht.

Die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete jüngst von einer Umfrage des Informationstechnologie-Dienstleisters CSC. Die Studie legt offen, dass rund 40 Prozent der Entscheidungsträger in der Industrie in Deutschland noch nie von Industrie 4.0, der Digitalisierung der Wirtschaft, gehört hat. Diese Zahl ist alarmierend, denn besonders in einem Punkt hat die „Spiegel“-Titelgeschichte recht: Der digitale Wandel verändert unsere Arbeitswelt. Und er passiert nicht in ferner Zukunft oder in abgedrehten Science-Fiction-Romanen, sondern heute, hier und jetzt. Es ist also weder ein guter Weg, Internetunternehmen als mächtige, dunkle Bedrohung darzustellen, noch unkritisch alle Innovationen hinzunehmen, welche besagte Silicon-Valley-Giganten für uns bereit halten. Es ist Zeit, darüber nachzudenken, wie wir mit den Veränderungen des digitalen Wandels in Zukunft leben und arbeiten wollen.

Das Ende des Kapitalismus?

Intelligente Software macht nach und nach Jobs überflüssig. Wir bestellen Taxen und Pizzen via App, lernen Fremdsprachen in virtuellen Schulen auf dem Smartphone oder Tablet. Bankangestellte werden durch Online-Banking ersetzt, Verwaltungsangestellte immer seltener gebraucht. Zwar bleiben Tätigkeiten wie Altenpflege oder Kindererziehung vermutlich weitestgehend von der Digitalisierung unberührt. Eine Studie der Universität Oxford aber zeigt, dass innerhalb der nächsten zehn bis zwanzig Jahre rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA durch den digitalen Wandel überflüssig sein werden. Algorithmen übernehmen Tätigkeiten, die bisher von Menschen ausgeführt wurden. Die künstliche Intelligenz erledigt die Arbeit schneller und billiger.

Was aber passiert mit unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn es kaum noch Arbeit gibt, für die wir Menschen entlohnt werden? Mit welcher Grundlage gehen wir unserem gewohnten und für den Kapitalismus essenziellen Konsumverhalten nach, wenn wir doch keine Arbeit mehr haben, für die wir bezahlt werden?

Eine logische Konsequenz aus dem digitalen Wandel wäre dem Autor Patrick Spät zufolge, Maschinen und Automaten zu besteuern. Schließlich zerstören sie nicht nur Jobs für Menschen, sondern arbeiten auch noch, ohne dafür Steuern zu zahlen. Für jeden Euro, den eine Maschine erwirtschaftet, könnte also ein Anteil in die Allgemeinheit investiert werden.

Eine andere Idee: das bedingungslose Grundeinkommen. Die Zahlung eines festen Gehalts durch den Staat, auch ohne Arbeit, befürworten sogar Mitglieder der Digital-Branche. Albert Wenger beispielsweise, ein Risikofinanzier aus New York, sieht im Grundeinkommen eine Möglichkeit, die Armut von Menschen zu bekämpfen, die durch die von seinem Unternehmen finanzierten smarten Apps ihren Job verloren haben.

Auch im deutschen Unternehmertum findet die Idee des Grundeinkommens Anklang. Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, glaubt, dass mit einem Grundeinkommen die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft möglich würde. Weil wir als freie Individuen in einer Gemeinschaft leben würden, wären wir dann gerne und freiwillig bereit, uns in die Gesellschaft einzubringen.

Möglicherweise wird sich aber der Kapitalismus im Zuge der Digitalisierung als zukunftsweisendes Gesellschaftssystem gar nicht beweisen. Denn wenn der Kapitalismus selbst die Arbeit vernichtet, entzieht er sich die Grundlage und schafft sich am Ende ganz ab. Diese Variante könnte der Anfang für eine ganz neue Gesellschaftsordnung sein. Zugegeben: Die Idee, in einer Gesellschaft zu leben, in der niemand mehr arbeiten muss, klingt durchaus verlockend. Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, dieses „Morgen-Land“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Madeleine Hofmann: Jung und verzogen?

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