Wenn ich in den Spiegel schaue, bin ich stolz. George W. Bush

Hauptrolle rückwärts

Am Dienstag durfte er noch mal. Champions League, in der Startformation, bei seinem alten Verein Chelsea London. Von den Fans wurde er sogar gefeiert. War es das letzte große Spiel von Michael Ballack?

In wenigen Tagen, am 26. September, wird Michael Ballack 35 Jahre alt. Dieser 1,89-Meter-Mann aus Görlitz, mit den gegelten schwarzen Haaren, dem jugendlich-verschmitzten Lächeln, diesem auffällig aufrechten Gang, dem sächsischen Akzent: 35 Jahre, Capitano.

Ich möchte nicht über die Karriere sprechen, die so tragisch auf zweite Plätze beschränkt sein soll. Ballacks Laufbahn war eine große, auch wenn allgemein das Gegenteil behauptet wird. Vier deutsche Meisterschaften, drei Pokalsieger, viele Titel in England, drei Mal Spieler des Jahres. 99 Prozent aller Fußballer wünschen sich eine solche Fußballer-Biografie. Nein, WM und Champions League holte er nicht. Doch ich wage die Prognose, dass auch Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger das einmal von sich behaupten werden müssen.

Ballacks Karriere war eine große. Sie ist vorbei.

Von der Größe zur Bedeutungslosigkeit

Die zurückliegenden 16 Ballack-Monate im Zeitraffer. Sommer 2010: Bei Chelsea London nach vier Jahren nicht mehr gewollt, im letzten Spiel so rüde gefoult, dass er die WM absagen muss. Der Schritt zurück, abgeschoben nach Leverkusen, dort schnell wieder verletzt. Im Juni dieses Jahres gibt Bundestrainer Löw seinen Abschied bei der Nationalmannschaft bekannt. Der zwischenzeitliche Negativ-Höhepunkt. Ein Abschiedsspiel will er nicht, verständlich. Was bleibt, ist der beispiellose Fall in die Belanglosigkeit.

Von den ersten sechs Ligaspielen saß Ballack in dreien die kompletten 90 Minuten auf der Bank. Nach dem 4:1-Sieg in Augsburg sagte Leverkusens Trainer Robin Dutt: „Michael Ballack hat seine Situation viel mehr akzeptiert, als man gemeinhin glaubt. Er muss sich nach seiner Karriere nicht mehr in jedem Spiel beweisen. Das hat er nicht nötig.“ Wie sehr müssen solche Sätze schmerzen? Für jemanden, der sich selbst immer so wichtig nahm. Der große Ballack, der Deutschland 55 Mal als Kapitän anführte, der im Mutterland des Fußballs die deutsche Flagge hochhielt – nur noch einer von vielen. Höchstens.

Michael Ballack ging es immer sehr um sich selbst. Als egoistisch und arrogant wird er beschrieben. Seine fußballerischen Fähigkeiten waren beim DFB lange Zeit geschätzt, sein Charakter weniger. Brust und Ellbogen raus, auf dem Rasen und auch sonst.

Der richtige Moment ist schon passé

Den richtigen Moment zum Aufhören hat Ballack schon verpasst. Den allerfalschesten kann er noch vermeiden. „Michael Ballast“ schrieb die „Sport Bild“ vor zwei Wochen. Der Capitano muss sich das nicht mehr antun.

Wann Ergänzungsspieler Ballack seine Karriere beenden wird, weiß er noch nicht. Der Bundesliga, das sagt er, wird er nach dieser Saison wohl den Rücken kehren. „Ich werde weitermachen, solange ich mithalten kann und es Spaß macht. Ich will spielen“, sagt er trotzig. Vielleicht Dubai? USA? Russland? Bitte keine Verlängerung! Michael Ballack sollte seine Karriere so schnell es geht beenden. Es wird nichts Gutes mehr kommen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Birni – 18.09.2011 - 15:36

    Michael Ballack war zweifellos ein guter, sogar ein sehr guter Spieler, aber er war nie der Beste, nie der Größte und schon gar nicht der Mannschaftsdienlichste. Weder in seinen jeweiligen Heim-Mannschaften, noch in der Nationalmannschaft.

    Er war ein Ausnahmetalent, aber er hat viel zu wenig selbst daraus gmacht. Zuerst musste man ihn in eine Führungsrolle drängen, die er von selber nicht wahrgenommen hat, dann hat er diese Rolle zwar erfüllt, das Ganze aber charakterlich irgendwie nicht verkraftet. Er hat mehrfach sowohl in seinem Verhalten, als auch in Verbalattacken kräftig daneben gegriffen und er braucht sich nicht wundern, warum und wie er seinen Status in der Nationalmannschaft verloren hat.

    Es ist schade, denn er ist zum Einen sehr unverantwortlich mit dem ihm in die Wiege gelegten Potential umgegangen, zum Anderen hat er gute Ratschläge seines Umfeldes nicht umgesetzt und nichts gelernt. Schau’n wir mal, was nach dem Ende seiner Profilaufbahn aus ihm noch wird (ein Boris, ein Lothar, oder oder oder)?

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