Manches spricht dafür, dass das Ende der abschüssigen Ebene noch nicht erreicht ist. Denn das Leben eines Geistlichen, der dem Wein und jungen Männern offenbar sehr zugetan war, bietet reichlich pikanten Stoff. Wenn die Büchse der Pandora mit ihren “Geheimakten”, persönlichen Aufzeichnungen von Freund und Feind, Urlaubsfotos etc. erst einmal geöffnet ist, dann wird daraus noch manches entweichen. Und anders als bayerische Monarchen und Politiker, denen die Nachwelt ihre unmoralischen Eskapaden nachsieht, wird ein bayerischer Bischof im 21. Jahrhundert von einer liberalen Öffentlichkeit nicht als Barockfürst behandelt, sondern streng an den Maßstäben der von ihm abgelegten Gelübde gemessen.
Der so gescholtene Kirchenmann wird, nachdem er sich selbst in ein Geflecht von Verfehlungen und Halbwahrheiten verstrickt hat, erst hart attackiert, dann als psychisch krank öffentlich stigmatisiert, und soll schließlich mit Schimpf und Schande seines Bistums verwiesen werden. Wer sich fragte, wie es früher zuging, wenn jemand in Acht und Bann getan wurde, hat nun ein lebendiges Beispiel vor Augen.
Vorliebe für “sex and drugs”
Wie konnte es so weit kommen, dass ein Bischof derart in den Staub getreten wurde? Die Antwort findet sich im Alten Testament. “Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.” Dieser Weisheitsspruch aus dem Buch Jesus Sirach beschreibt die Situation der katholischen Kirche in Deutschland im Allgemeinen und die des Walter Mixa im Besonderen ziemlich genau.
Im Falle Mixas heißt das: Dieser Geistliche lebte ein riskantes Leben mit einer Vorliebe für “sex and drugs” und kritisierte öffentlich den Verfall von Sitte und Moral, den er selbst im Privaten lebte. Verstärkt wurde dieser Kontrast durch seinen Medienberater, der ihn immer wieder scharfe Attacken gegen den Zeitgeist reiten ließ. Wer die Widersprüche mit dem eigenen Leben so auf die Spitze treibt, lebt in einer Mediendemokratie höchst gefährlich. Wer in einer solchen Position außerhalb des stillen Kämmerleins sündigt, sollte dies bei öffentlichen Reden mindestens mit einem augenzwinkernden Verständnis für die Sünden der Zeitgenossen verbinden – oder mit der Generalabsolution für die “Widersprüche und Brüche in unseren Biografien”. Wie man das schafft, hat die Ex-EKD-Ratsvorsitzende souverän vorgemacht. Obwohl sie durch ihre Autofahrt im Suff potenziell größere Schäden in Kauf nahm als Mixa durch sein Verhalten, wurde Käßmann als Heldin der Aufrichtigkeit gefeiert – während er unterging.
Irgendwann fliegen die Fetzen
Aber auch auf die katholische Kirche insgesamt trifft die Warnung aus Jesus Sirach zu. Sie hat sich auf die neuen Spielregeln der öffentlichen Kommunikation über ihre inneren Angelegenheiten eingelassen und erlebt nun die schmutzige Seite dieses Treibens. Wer in Talkshows mitmacht, wer Journalisten zu Hintergrundgesprächen einlädt, wer Medienabteilungen ausbaut und professionelle Sprecher engagiert, die neben dem Schild der Verteidigung auch das Florett und den Säbel zu führen verstehen, der sollte wissen, was er tut, und die Nebenwirkungen kennen. Das Medienspiel lebt von Konflikten und Spaltungen, von der Überhöhung Einzelner zu Stars, vom Voyeurismus und von der Verachtung für die Gestrauchelten. In diesem Spiel fliegen irgendwann die Fetzen, und es werden immer neue Leichen ans Licht gezerrt, die beim jeweils anderen im Keller liegen. Ob die Kirche im Räderwerk der Öffentlichkeitsmaschine den Parteien und ihrem Gezänk immer ähnlicher wird, ist eine der spannenden Fragen dieses Skandals.




















Vorsicht beim Verurteilen anderer, deren Herz man nicht kennt, denn dem letzten Gericht kann keiner entkommen.
Sehr geehrter Herr Ring-Eifel,
für die Behauptung, dass auch kirchliche Verantwortungsträger in ihrem Auftrag Fehler begehen, muss nicht erst argumentiert werden.
Ich halte es aber für wichtig, eine z.Z. recht einseitig propagierte Sichtweise etwas aufzubrechen.
Sie schreiben “ein bayerischer Bischof im 21. Jahrhundert” wird “streng an den Maßstäben der von ihm abgelegten Gelübde gemessen.” und “Wer die Widersprüche mit dem eigenen Leben so auf die Spitze treibt, lebt in einer Mediendemokratie höchst gefährlich.”
Mir scheint, man sollte das auch und gerade von der anderen Seite betrachten: Für eine Mediendemokratie, für deren Spaß- und Gaffermentalität so etwas wie “werthafte Ideale” schon lang eine verdrängte Überforderung darstellen, bedeutet jede essentielle Ausrichtung auf einen solchen Wert ein Angriff auf die eigene Anspruchslosigkeit und folglich eine ziemlich massive Bedrohung ihres Selbstverständnisses in seiner als sexy geschmückten Wohlstands-Schlaffheit.
“Die Mediendemokratie” hat die POSITIVE Spannung eines Anspruches an sich selber verlernt, und die Spannung zu einem werthaften, anspruchsvollen und ernst gemeinten Entwurf für das eigene Leben (um nicht den ausgetretenen Begriff des Ideals zu verwenden) ist sie nicht imstande auszuhalten, nicht angesichts ihrer eigenen Situation.
Sie MUSS daher die Latte reißen und voraussetzen und propagieren, alle Welt denke und (ver)urteile in den Schranken ihrer eigenen Maßstäbe.
Leider übersieht man, dass so ein werthafter Entwurf die einzige Möglichkeit wäre, sich selber zu entwickeln und der Umgang mit seiner Spannung Voraussetzung ist, soll die Persönlichkeit zu einer Reife gelangen.
Die panische Angst vor dem eigenen Scheitern an Idealen, welche in der Situation eigener Starre zutiefst beunruhigt, scheint in der Folge äußerst zuverlässig zur Zelebration des Scheiterns anderer zu führen. Dagegen hofft man, sich durch das Leugnen oder parodieren von Idealen nicht mehr messen lassen zu brauchen.
Sich aber zum Richter aufzuschwingen, über etwas, das man selber weit zu feige wäre zu versuchen – und zudem vollkommen ohne Verständnis, Gespür oder Respekt dafür, was jenseits des Observierbaren an Erfüllung liegen könnte – sollte ebenfalls durchaus kritisch gesehen werden dürfen.
Es zeigt satte Genugtuung, in der sich sensationsgeile Selbstgerechtigkeit und materielle Befriedigung zur beeindruckenden Überzeugung paaren, ein wertfrei glückliches, unbeschwertes und unsündiges Leben zu “haben” (bis auf diese schrecklichen “Sünden” mit der Schokotorte…).
[Dass man dabei selber unaufhörlich Idealen nachrennt – freilich immanenter Natur – und sich wie von gierigem Mangel getrieben mit Leistungsdruck in Bett, Beruf und Beauty/eternal youth bis zum Burnout abkämpft fällt kaum auf.
Dass es von diesen, im Materiellen gegründeten, bemerkenswert hochstilisierten aber unantastbaren Wunschbildern zudem immer ein MEHR geben wird, was man nicht HABEN kann (aber unbedingt wollen soll), trägt wahrscheinlich weniger zum gelingenden Leben bei.]
Ich schlage daher vor, ihren Satz “Wer in einer solchen Position außerhalb des stillen Kämmerleins sündigt, sollte dies bei öffentlichen Reden mindestens mit einem augenzwinkernden Verständnis für die Sünden der Zeitgenossen verbinden – oder mit der Generalabsolution für die “Widersprüche und Brüche in unseren Biographien”” dringen einmal folgendermaßen umzuformulieren:
Wer auf die Sünden seiner Zeitgenossen aufmerksam macht, sollte dies bei öffentlichen Reden mindestens mit einem augenzwinkernden Verständnis für die Sünden seiner Selbst verbinden – oder mit der Wertschätzung für die Widersprüche und Brüche in unseren Biographien: nämlich als Wachstums- und Reifepotential in der Entwicklung jedes einzelnen Menschen.
Wie kann man so ein Unsinn veröffentlichen.Das ist einfach ein Müll voller Vorurteile.Ein echter Jurnalist arbeitet mit Daten und Fakten und nicht mit Spekulationen und Pauschalisierungen.
ein wunderbarer artikel, der leicht und charmant über die doppelmoral der moralapostel sinniert. mixa und marx … ich freue mich auf die fotos am strand von phuket.