Der Verlierer ist Europa. Gustav Horn

Was, wenn Hilfe wirklich eine Droge wäre?

Das Geld aus dem Westen wird vor allem in den Aufbau von Bürokratie gesteckt. Es fehlt an einem Benchmark, um wirklich sinnvolle Maßnahme zu forcieren.

Die Zahlen sind brutal: Rund 2.000 Milliarden Dollar sind seit 1960 als Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen. Ebenso viel haben afrikanische Regierungen in diesem Zeitraum für den Kauf von Waffen ausgegeben. Etwa eine halbe Million Menschen lebt davon, dass sie für Entwicklungshilfeorganisationen arbeiten. Das Heer von Beamten und Beratern, die in Behörden wie dem deutschen BMZ (600 Mitarbeiter) oder der FAO in Rom (4.000 Mitarbeiter) arbeiten, ist dabei noch nicht einmal miterfasst. Und die wirtschaftliche Lage in den meisten Ländern Afrikas ist nach wie vor katastrophal.

Gut gehen hingegen Bürokratien, vor allem in Afrika: So leistet sich Südafrika 34 Ministerien – fast dreimal so viele wie Deutschland. Aber es geht noch besser: Uganda hat allein 69 Minister – darunter drei stellvertretende Regierungschefs und Ressortleiter für Investitionen, Finanzen, Mikrofinanzen, Privatisierung, Planung, Industrie, Wasser, Transportwege – um nur die wichtigsten zu nennen. Und das bei einem Staatshaushalt, der zu 44 Prozent auf ausländischer Hilfe beruht. Wenn das Land bei diesem Geldzufluss auf dem 156. Platz (von 177) beim weltweiten “Human Development Index” steht, dann dämmert ein Verdacht: Könnte es sein, dass die Unterentwicklung Ugandas nicht TROTZ der Entwicklungshilfe andauert, sondern WEGEN dieser Hilfe?

Seit Mitte der 1990er-Jahre stellen auch afrikanische Experten die Logik des Helfens infrage, so zuletzt die preisgekrönte Ökonomin Dambisa Moyo aus Sambia mit ihrem provokanten Buch “Dead Aid”. Darin schildert sie, wie Entwicklungshilfegeld in vielen Fällen nicht nur nicht hilft, sondern schadet: indem es legale Regierungen dazu treibt, sich aufzublähen und zu bereichern, und gleichzeitig die Inflation ankurbelt. Und weil es immer wieder Rebellen anlockt, die sich in blutigen Bürgerkriegen den Weg an die Macht und damit an die Subventionstropfe freischießen. Moyos Schlussfolgerung: Staatliche Entwicklungshilfe ist für die meisten afrikanischen Regierungen eine Droge, die süchtig macht, korrumpiert und zerstört.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast

Verglichen mit der Radikalität dieser Analyse wirken die deutschen Debatten, ob man sich ein eigenes Entwicklungsministerium weiterhin leisten oder es besser ans Auswärtige Amt oder ans Wirtschaftsministerium angliedern sollte, nahezu belanglos. Auch die eingeleiteten Korrekturen bei den Vergaberichtlinien können nicht wirklich überzeugen. Zwar wird die Vergabe von Geldern seit einigen Jahren an bestimmte “Benchmarks” gekoppelt: Nur eine Regierung, die nachweist, dass sie die Analphabetenzahl, die Kindersterblichkeit etc. senkt, erhält weitere Fördergelder. Das Problem ist nur, dass die am Fördergeld interessierten Regierungen selbst diese Statistiken machen. Entsprechend objektiv sind die Zahlen.

Auch die Verlagerung von Hilfsgeldern auf “zivilgesellschaftliche” Träger löst das Problem nicht. Ein kirchlich getragenes Kleinbauernprojekt in einer Region kann noch so korruptionsfrei sein – wenn der Staat nicht gleichzeitig die Transportwege verbessert und wenn die Eintragung von Grundbesitz wegen fehlender Katasterämter nicht funktioniert, verpufft auch diese Hilfe. Im Grunde ist die Sache einfach: Mehr Arbeitsmoral und Bildung, eine effizientere Verwaltung und eine dem Gemeinwohl verpflichtete Regierung würden in jedem Land Afrikas mehr für die Entwicklung bewirken als die nächsten 2.000 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe. Wir sollten den Afrikanern die Chance geben, diese Veränderungen in ihren Ländern anzupacken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wenzel Michalski, Renée Ernst, Maren Neugebauer.

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Mehr zum Thema: Afrika, Entwicklungszusammenarbeit, Buerokratie

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