Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht. Hans-Dietrich Genscher

Die Sieben-Tage-Woche

Auch das Internet kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mensch das wichtigste Element der Wertschöpfungskette ist. Schluss mit dem blinden Technologieenthusiasmus, her mit der Förderung für Arbeitnehmer.

Das Internet entgrenzt eine industriegesellschaftlich geprägte Arbeitswelt in Zeit und Raum. Wir sind ständig erreichbar und Zeit zu haben gilt als rufschädigend. Gearbeitet wird überall – Laptops und Smartphones machen es möglich. Betriebsgrenzen markieren nicht mehr die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit. Die geographischen Dimensionen von Märkten – auch von Arbeitsmärkten – verändern sich. Für viele Arbeitnehmer verschwimmt die Grenze zwischen Privatsphäre und Beruf. Während die CSR-Berichterstattung die Work-Life-Balance entdeckt hat, müssen viele Arbeitsbeziehungen als alles andere als ausbalanciert gelten.

Regeln für die hektische Großstadt ohne Schlaf

Das Internet prägt viele Arbeitsformen, hebt aber vorhandene Interessengegensätze nicht auf. Es bleibt bei unterschiedlichen Interessenlagen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Gewerkschaften haben sich im Umbruch zur Industriegesellschaft gegründet. Sie verlieren nicht ihre Bedeutung beim Umbruch in eine Informationswirtschaft. Im Gegenteil, wenn Arbeitsmärkte und Beschäftigungsformen sich entgrenzen, braucht es mehr denn je den Zusammenschluss von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, um ihre Interessen erfolgsam verfolgen zu können. Vielleicht lassen sich Leitbilder für die Gestaltung einer veränderten Arbeitswelt in den Prinzipien suchen, die unsere Vorfahren bewegt haben, als sie Städte gegründet haben. Ihnen ging es um Schutz, um Teilhabe, um Inklusion, um Chancenzuwächse und um gute Arbeit. Wir wissen längst, dass das Internet kein globales Dorf hervorbringt, sondern eher eine hektische Großstadt, die niemals schläft. Dafür brauchen wir Regeln und Gestaltungsziele, die verbinden. Online-Rechte für Online-Beschäftigte sind notwendig. Dazu zählt das Recht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit ihrer Gewerkschaft auch aus der Berufstätigkeit heraus kommunizieren zu können, die Einschränkung von Kontrollmöglichkeiten für Arbeitgeber und ein wirksamer Arbeitnehmerdatenschutz. Es ist anachronistisch, wenn Arbeitgeber die private Nutzung des Internets verbieten und ihre Arbeitnehmer in ihrem Nutzungsverhalten kontrollieren wollen. Auch für Gewerkschaftsarbeit spielt das Internet eine wachsende Rolle. Ver.di nutzt es um die Beteiligungsorientierung auszubauen, die Reichweite eigener Informationen zu steigern und auch um schneller reagieren zu können. Eine Kampagne, die gemeinsam mit der Communication Workers Union of America durchgeführt wird, zielt darauf, die Deutsche Telekom zu einem anständigen Umgang mit den Gewerkschaftsrechten zu bewegen. Sie wäre ohne das Internet nicht möglich. Zum Schutz von Familien und Freizeit brauchen wir weitergehende Rechte und zum Schutz vor Burn-out und wachsender Arbeitsdichte Regelwerke, die die Belastung von Arbeitnehmern begrenzen. Arbeit darf nicht über herkömmliche Grenzen hinweg leichter verlagert werden und die Tür für Unterbietungswettbewerbe geöffnet werden. Deswegen braucht es Mindeststandards, in Deutschland einen Mindestlohn, auch damit die Mindestlöhne in anderen Ländern, in denen es sie gibt, nicht unterboten werden können.

Ohne den Menschen geht noch immer nichts

Das Internet hat vieles verändert und wird noch vieles verändern. Es bleibt aber ein Kommunikations- und Arbeitshilfsmittel. Der wesentlichste Produktionsfaktor bleibt klein, grau und wiegt 1,3 kg, er wird ständig herumgetragen – es ist das menschliche Gehirn. Die Wirtschaft sollte anfangen, Wertschätzung für die Träger dieses Produktionsfaktors auszubauen, denn ohne sie ist Wertschöpfung unmöglich, daran ändert auch das Internet nichts.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank Kleemann, Nicole Mayer-Ahuja.

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