Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Die Geister, die er rief

Wie AfD-Chef Bernd Lucke Stimmen um jeden Preis suchte. Und so zum Getriebenen der „Neuen Rechten“ wurde.

Nun also ist offenbar genau der Rechtsruck in der Alternative für Deutschland (AfD) eingetreten, vor dem Heinrich Schmitz, Christoph Giesa und ich seit Monaten warnen. Bernd Lucke selbst schlägt Alarm, man höre und staune. In einem Brief an die Parteimitglieder, der auf der Facebook-Seite der „AfD Bayern“ zu lesen ist, steht Folgendes:

Noch ein persönliches Wort: Auch gegen mich richten sich viele Angriffe und meist kann ich nur staunen, was einige politische Tugendwächter mir (und neuerdings sogar meiner Familie!) alles an bösen Absichten und Taten nachsagen.
Es ist außerdem meine feste Überzeugung, dass die AfD nicht den Schatten eines Zweifels daran lassen darf, dass politischer Extremismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und religiöse Intoleranz mit dem Gedankengut der AfD als einer demokratischen Rechtsstaatspartei unvereinbar sind.

Schau an, jetzt bezeichnet Lucke sogar eigene Parteileute als „Tugendwächter“, ein Begriff, den die AfD-Anhänger bisher immer nur zur Diskreditierung von politisch „Linken“ eingesetzt haben. Wobei man wissen muss, dass AfD-Mitglieder dazu neigen, alle Parteien, die weniger rechts als sie selbst sind, als „linksgrün-versifft“ und so weiter zu bezeichnen. Akif Pirinçci gibt hier die Zunge vor, ist ein Held des Milieus, man adaptiert seine primitive Sprache sehr gerne um Andersdenkende verächtlich zu machen.

Seit Bernd Lucke es wagte, im Europaparlament grundsätzlich für Sanktionen gegenüber Russland zu stimmen, wird er übel von „Parteifreunden“ attackiert, weil man ja mit Alexander Gauland stramm auf Pro-Putin-Kurs ist. Ich könnte jetzt endlose Häme über ihn, den VWL-Professor, ausschütten. Ganz besonders, weil ich so viele seiner demagogischen Reden en detail angehört habe, etwa diejenige, in der er sagt, dass man „zunächst bei den demokratischen Mitteln“ bleiben soll. Könnte ich. Lasse ich aber. Vielmehr möchte ich an die Verantwortung dieses Mannes, dieses Professors appellieren:

Lieber Herr Professor Lucke,

sind Sie sich eigentlich bewusst darüber, was für (rechte) Geister Sie gerufen haben? Nur um Stimmen zu bekommen, wie Michaela Merz es öffentlich machte? Und darüber, wie sehr Ihnen längst alles entglitten ist? Wie in „eigentümlich frei“ und der „Sezession“ über Sie geschrieben wird?

André Lichtschlag, eigentümlich frei, Oktober-Ausgabe:

Vieles deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Basis eine Protestpartei gründen wollte, wohingegen Starbatty, Kölmel und Co. schnell zu jenem europäischen Politestablishment aufschließen möchten, das Henkel und Lucke nie wirklich verlassen haben. Die Parteiführung hatte sich bereits im Juni durchgesetzt, als man sich gegen die Stimmung an der Basis nicht der Fraktion der UKIP anschloss, sondern sich mit deren Gegnern aus dem britischen Establishment, den Konservativen, verbündete.

Wollten Sie das, Herr Professor Lucke? Bei allem Verständnis für Ihre Kritik am Euro: mussten Sie so weit gehen? Es tut mir leid, aber Sie haben die Existenz einer Partei mit rechtsradikalen Tendenzen zu verantworten. Die Neue Rechte rühmt sich ihres Einflusses

Der dritte Grund der Freude liegt in einem partei-inhärenten Umstand begründet. Durch die Siege in Sachsen, Thüringen und Brandenburg ist der dezidiert konservative Flügel der AfD zu einem mächtigen Faktor geworden. Der liberalere Westen mag mitgliederstärker sein: Das erste Handbuch für ein Leben in parlamentarischer Opposition und die erfolgserprobte Anleitung für den Sprung ins Parlament werden aus dem Osten kommen. Von den Konservativen lernen heißt: Siegen lernen. Unbedingt. Es ist mir aus diesem Grund nicht klar, warum ausgerechnet in der Jungen Freiheit vor dem Ausbau des mit dezidiert konservativer Munition erkämpften Brückenkopfs gewarnt wird. Dieter Stein kommentierte gestern und sieht eine der vordringlichen Aufgaben der AfD darin, „den liberalen Flügel nicht zu verlieren.

Mögen Sie diese Sprache, Herr Professor Lucke? „Siege“ und so? Und wie denken Sie darüber, dass nun sogar der Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, Dieter Stein, vor dem Rechtsaußen-Kurs Ihrer Partei warnt? Von den „Fliehkräften nach „rechts““ spricht)? Jetzt, und zwar nur jetzt, haben Sie die Chance, sich dem entgegenzustellen.

Ihr Brief ist immerhin mal ein Anfang.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alice Weidel, Egidius Schwarz, Gunter Weißgerber.

Leserbriefe

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