Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

Putin in der Nationalismus-Falle

Der Krim-Coup Putins ist nur ein Pyrrhussieg. Strategisch hat der russische Präsident alles verloren.

Der patriotische Taumel, der seit der Annexion der Krim große Teile der russischen Bevölkerung erfasste, gibt dem Westen Rätsel auf. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der westliche Teil des europäischen Kontinents sich zurzeit an der Schwelle des postnationalen Zeitalters befindet.

Russland hingegen kehrt quasi ins nationalistische Jahrhundert zurück, das in Europa nach der Revolution von 1848 begann und praktisch bis 1945 andauerte. Jede Infragestellung der Krim-Annexion gilt für etwa 85 Prozent der Russen, die sich mit dem abenteuerlichen politischen Kurs der eigenen Führung solidarisieren, als eine Art „nationaler Verrat“. Damit lehnen sie sich an die vielzitierte Rede Wladimir Putins an, die dieser am 18. März 2014 anlässlich der Angliederung der Krim an die Russische Föderation hielt.

Eine typisch westliche Erscheinung

In seinem vor einigen Monaten in der „FAZ“ erschienenen Artikel bezeichnete der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew das „Prinzip des Patriotismus und des Dienstes an der Heimat“ als eine Art „zweite Natur“ der Russen, die Skepsis gegenüber den nationalen Werten hingegen als eine typisch westliche Erscheinung. Mit dieser Zustandsbeschreibung überträgt Jerofejew die heutige Sachlage mechanisch auf die Vergangenheit und lässt die Tatsache außer Acht, dass sich die Dinge früher, und zwar mehrere Generationen lang, genau umgekehrt verhielten.

So erteilten viele revolutionäre Romantiker im Westen nach der gescheiterten Revolution von 1848 dem „ kosmopolitischen“ Idealismus eine Absage und begannen, der rücksichtslosen Real- und Machtpolitik im Interesse der eigenen Nation zu huldigen. In seiner wegweisenden Schrift „Grundsätze der Realpolitik“ von 1853 schrieb der enttäuschte 48er, August Ludwig von Rochau Folgendes: Die Macht allein sei für die Nationen die erste Bedingung des Glücks, und ein Volk, das auf sie verzichte, gehöre zu den Toten.

Der eigenen Gesellschaft einen Niederlage beibringen

Der Münchner Historiker Thomas Nipperdey beschrieb den seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Zeitgeist folgendermaßen: „Die Nation ist (für ihn) die innerweltlich am höchsten rangierende überindividuelle Gruppe – nicht der Stand, die Konfession, … die Landschaft und Region und nicht die Klasse …; die Nation ist die Gruppe, die den höchsten Loyalitätsanspruch stellt und stellen darf.“

Wie anders verlief damals die Entwicklung Russlands! Die Ereignisse von 1848 ließen das Land praktisch unberührt, deshalb blieb hier auch die Enttäuschung über die revolutionären Ideale aus. Während viele der früheren Revolutionäre im Westen ihre Heilserwartungen immer stärker mit der Nation verknüpften, begann das revolutionäre Ideal in Russland erst jetzt zur vollen Geltung zu gelangen. Jede Kritik an ihm hielt der radikale und zugleich meinungsbildende Teil der russischen Bildungsschicht – die Intelligenzija – für eine Art Sakrileg. Es habe im vorrevolutionären Russland einer ungewöhnlichen Zivilcourage bedurft, um sich offen zur Politik der Kompromisse zu bekennen, schrieb in diesem Zusammenhang 1924 der russische Philosoph Simon Frank.

Das internationale Prestige des eigenen Staates spielte für die russische Intelligenzija so gut wie keine Rolle. Im Gegenteil, außenpolitische Rückschläge des von ihr abgelehnten Zarenregimes wurden von vielen Regimekritikern ausgesprochen begrüßt. Dies zeigte sich besonders deutlich während des Russisch-Japanischen Krieges von 1904-05. Einer der Führer der russischen Sozialdemokraten (der Menschewiki), Georgij Plechanow, schrieb damals: „Darauf läuft ja gerade die tiefe Tragik aller russischen Uniformträger hinaus, dass zurzeit ,den Feind besiegen‘ nichts anderes bedeutet, als der eigenen Gesellschaft eine Niederlage beizubringen.“

Nationalistische Euphorie

Viele Verfechter der bestehenden Ordnung versuchten damals, die revolutionäre Gefahr mit Hilfe chauvinistischer Ideen zu bekämpfen. Sergej Witte, der zu den bedeutendsten Staatsmännern im Zarenreich um die Jahrhundertwende zählte, bezichtigte den letzten russischen Zaren allzu großer Sympathien für die extreme Rechte. Witte hielt diesen Kurs für verderblich. Und in der Tat, der Flirt mit den Chauvinisten hatte die Monarchie nicht zu der erhofften Volksnähe geführt. Die russische Bauernschaft – die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung des Reiches – war für die nationalistische Ideologie wenig empfänglich. Der ungelösten Agrarfrage schenkte sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit als der nationalen Größe Russlands.

Die nationalistische Euphorie, die viele europäische Völker nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges erfasste, beschränkte sich in Russland lediglich auf Teile der Bildungsschicht, die am Vorabend des Krieges eine Art nationale Renaissance erlebten. Die Unterschichten blieben davon im Wesentlichen unberührt. Mit Euphorie begrüßten sie aber 1917 die Revolution. Die militanten russischen Nationalisten spielten bei den Ereignissen von 1917 so gut wie keine Rolle.

Im Russischen Bürgerkrieg, der nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution begann, standen die national gesinnten und am besten organisierten Gegner der Bolschewiki – die „Weißen“ – von vornherein auf verlorenem Posten, weil sie die revolutionären Ideale der russischen Unterschichten infrage stellten und im Verdacht standen, vorrevolutionäre Zustände restaurieren zu wollen.

Das Vaterland als Religion

Im Westen hingegen erreichte damals die Verklärung des nationalen Egoismus einen neuen Höhepunkt. Der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow schrieb 1931 Folgendes hierzu: „Das Vaterland scheint für die Mehrheit der heutigen Europäer die einzige Religion, der einzige moralische Impetus zu sein, der sie vor der individualistischen Zersetzung rettet. Die Größe des Vaterlandes rechtfertigt jede Sünde, verwandelt jede Niedertracht ins Heldentum.“

Im November 1939 fügte Fedotow hinzu: Der Nationalismus, der das Herzstück des Nationalstaates darstelle, „verwandelt sich in eine Dämonie, die unsere Zivilisation zerstört“. Um zu überleben, müsse Europa diese Dämonie zähmen, und dies lasse sich nur durch den Verzicht der Nationalstaaten auf einen Teil ihrer Souveränität zugunsten einer übernationalen Föderation erreichen, so Fedotow.

Das Modell einer kriegsverhindernden Europäischen Föderation, wie sie Fedotow vorschwebte, war der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten EU zum Verwechseln ähnlich.

Abfuhr für Nationalisten

In der Stunde der Dämmerung des Sowjetreiches, als die kommunistische Ideologie, die das 1917 errichtete Regime legitimiert hatte, eine immer tiefere Erosion erlebte, erhoben die russischen Nationalisten erneut ihren Anspruch darauf, die bis dahin herrschende Ideologie zu beerben. Einer der führenden Ideologen des nationalen Lagers und radikaler Gegner der Gorbatschow’schen Perestroika, Alexander Prochanow, schrieb 1990: „Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes, ja in der Weltgeschichte, sehen wir, wie eine Macht nicht infolge von außenpolitischen Katastrophen …, sondern infolge der zielstrebigen Handlungen ihrer Führer zerfällt.“

Trotz ihres leidenschaftlichen Engagements für die sogenannten russischen Interessen vermochten indes die imperial gesinnten russischen Nationalisten, ähnlich wie ihre Vorgänger am Vorabend der bolschewistischen Revolution, keine überragenden Erfolge zu erzielen. Die Mehrheit der Bevölkerung erteilte ihnen erneut eine eindeutige Abfuhr. Dies zeigte sich besonders deutlich bei der Wahl Boris Jelzins zum ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt Russlands und auch beim kläglichen Scheitern des kommunistischen Putschversuchs im August 1991.

Demokraten haben in Russland verspielt

Die Kluft zwischen Ost und West schien nun überwunden, die „Rückkehr nach Europa“ stellte das erklärte Ziel der im August 1991 entstandenen „zweiten“ russischen Demokratie dar. Sehr schnell sollten allerdings die siegreichen Demokraten ihr Vertrauenskapital vom August 1991 verlieren. So erlebte Russland kurz nacheinander die Erosion sowohl des kommunistischen als auch des demokratischen Gesellschaftsentwurfs. Diese beiden Enttäuschungen bildeten die wichtigsten Voraussetzungen für die Ablösung der im August 1991 errichteten „zweiten“ russischen Demokratie durch die „gelenkte Demokratie“ Wladimir Putins. Weltanschaulich wurde das nun entstandene ideologische Vakuum in einem immer stärkeren Ausmaß durch die Nationalidee gefüllt.

Der Religionswissenschaftler Dmitrij Furman sprach bereits in den 1990er-Jahren von einer nationalistischen Woge, die die demokratische Woge der Perestroika-Zeit abgelöst habe. Beide Wellen hätten eine fast unwiderstehliche Kraft an den Tag gelegt. Und so begannen sich die Wege Russlands und des Westens, nach einer kurzen Phase der Begegnung Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre, erneut zu trennen.

Als Putin im April 2005 die Auflösung der Sowjetunion zur größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts deklarierte, deutete er damit an, dass er das im Dezember 1991 gefällte „Urteil der Geschichte“ revidieren wollte.

Die russische Sehnsucht nach der verlorenen imperialen Größe wird in der Literatur oft als „Weimarer Syndrom“ bezeichnet. Die Parallelen zwischen den beiden „gekränkten Nationen“ sind in der Tat groß. Ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Konstellationen wird aber in der Regel außer Acht gelassen.

Putin habe strategisch verloren

So handelt es sich bei Russland, auch nach dem verlorenen Kalten Krieg, um eine der stärksten Militärmächte der Welt, die als ständiges Mitglied des Sicherheitsrates der UNO das Weltgeschehen entscheidend mitprägt. Die Weimarer Republik hingegen war durch die Restriktionen des Versailler Vertrages zur militärischen Ohnmacht verurteilt und hatte nur einen begrenzten Einfluss auf die Gestaltung der internationalen Ordnung. Zwar träumten manche Weimarer Politiker, ähnlich wie die „Nationalpatrioten“ im postsowjetischen Russland, von einer territorialen Revanche. Solche Alleingänge wie die Putin’sche Annexion der Krim hätten sie aber niemals gewagt. Dennoch handelt es sich beim Krim-Coup Putins um einen Pyrrhussieg. Putin habe zwar einen taktischen Erfolg erzielt, strategisch habe er allerdings alles verloren – so kommentierte die Krim-Annexion der vor Kurzem ermordete Regimekritiker Boris Nemzow.

Und in der Tat – die rücksichtslose Machtpolitik im Namen der sakralisierten nationalen Interessen verstößt derart eklatant gegen den postnationalen europäischen Mainstream, dass Russland nun erneut Gefahr läuft, sich in einen lebenden Anachronismus auf dem Kontinent zu verwandeln und den Anschluss an die Moderne zu verlieren. Das Schicksal der Zarenmonarchie und der UdSSR führt deutlich vor Augen, welch schmerzliche Folgen der Kampf gegen den Zeitgeist haben kann.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Leonid Luks: Der Abschied vom Westen?

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