Gott nützt mir letztlich nur, wenn er ist. Walter Kasper

„Feminismus ist unvollendete Revolution“

Schon als Kind schrieb sie Fan-Briefe an berühmte Feministinnen, heute schreibt sie gegen die Benachteiligung von Frauen an: Alexandra Schade und Julia Korbik sprachen mit der britischen Feministin und Journalistin Laurie Penny über den Feminismus 2012.

The European: Frau Penny, Feministinnen haben einen sehr schlechten Ruf. Warum eigentlich?
Penny: Es gibt eine Menge Wut, wenn Mitglieder einer privilegierten Gruppe sich bedroht fühlen. Wann immer ich höre, dass Feminismus sich selbst ein positiveres Image verpassen muss, frage ich mich, für wen genau wir das eigentlich tun sollen. Das Ziel einer jeden Gleichheitsbewegung ist doch nicht, die Leute, die mehr Macht und Privilegien haben als man selbst, dazu zu bekommen, einen zu lieben und zu akzeptieren.

Feminismus hätte nicht so einen schlechten Ruf, wenn es darum ginge, Männern ein Gefühl von Komfort und Wohlsein zu vermitteln. Wir haben bereits eine Denkschule dafür; die heißt „Patriarchat“ – und die ist immer noch da! Eine Menge Leute scheinen zu denken, dass Feminismus keinen Sinn mehr hat und die Gleichberechtigung bereits erreicht wurde – aber in den verschiedenen Welten von Arbeit, Macht, Geschlecht und Wirtschaft haben wir noch einen langen Weg vor uns.

The European: Trotz all dieser Vorurteile sind Sie Feministin geworden. Wie kam es dazu?
Penny: Als ich noch sehr klein war, ich weiß nicht mehr wie alt, habe ich ein Buch von meiner Mutter gelesen: „Der weibliche Eunuch“ von der australischen Feministin Germaine Greer (Das Buch erschien 1970 und gilt als Greers wichtigstes Werk, Anm. d. Red.). Ich beschloss, dass ich genauso sein wollte wie Germaine Greer. Also habe ich ihr mit meinem besten Füller einen Brief geschrieben: „Ich werde eine Feministin, so wie du“ – und sie hat geantwortet! Ich habe mich für Feminismus interessiert wie andere Mädchen für Briefmarken oder Ponys. Feminismus war mein Geek-Ding.

„Was wir brauchen, ist einen tiefgreifenden, kulturellen Wandel“

The European: Eher ungewöhnlich für ein junges Mädchen.
Penny: Wahrscheinlich. Aber dann wurde ich älter und entdeckte im Internet all diese feministischen Blogs – und merkte, dass ich nicht die Einzige war, die über Feminismus nachdenkt. Da gab es viele junge Mädchen, die sich ebenfalls damit beschäftigten. Das Internet hat der feministischen Debatte einer neuen Generation von Männern und Frauen wirklich neues Leben eingehaucht.

The European: Sein altbackenes Image ist der Feminismus dennoch nicht losgeworden. Warum brauchen wir ihn heute noch?
Penny: Der Feminismus ist eine unvollendete Revolution. In vielerlei Hinsicht hat er Arbeit und Wirtschaft erreicht und beeinflusst, wie Geschlecht und Kultur organisiert sind. Was wir jetzt brauchen, ist einen tiefgreifenden, kulturellen Wandel, der wirklich eine Verbesserung für das Leben der meisten Frauen rund um die Welt bringt. Es geht um mehr, als ein paar Frauen Zutritt zu den oberen Rängen der traditionellen männlichen Arbeitsbereiche zu verschaffen.

The European: In Ihrem Buch „Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“ erklären Sie den Zusammenhang zwischen dem Frausein und Essstörungen.
Penny: Essstörungen und andere ähnliche Erkrankungen werden bei jungen Frauen oft sehr schlecht und falsch verstanden. Ich wurde mit zwölf das erste Mal magersüchtig und war mit 17 neun Monate lang im Krankenhaus. Essstörungen betreffen nicht nur junge Frauen, trotzdem werden sie als Krankheit junger Frauen dargestellt. Das beeinträchtigt die Art des Umgangs mit diesen Krankheiten.

Die Leute denken immer, es ginge darum, sich Zeitschriften anzuschauen und dünn sein zu wollen wie die Models – aber darum geht es überhaupt nicht. Vielmehr geht es um den kulturellen Druck, sich selbst und seinen Körper zu kontrollieren. Und das führt zu einem sogenannten „sciopero bianco“, einem „weißen Streik“. Dabei handelt es sich um eine Tradition aus Italien: Arbeiter, die nicht streiken dürfen, machen nur noch das, was ihnen gesagt wird. Sie gehen um Punkt fünf nach Hause, gehen nicht ans Telefon, machen keinen zusätzlichen Papierkram und so kommt die Produktivität zum Erliegen – Dienst nach Vorschrift eben.

„Es gibt wirtschaftliche Konsequenzen, wenn man nicht den Stereotypen entspricht“

The European: Essstörungen sind demnach „Dienst nach Vorschrift“?
Penny: Genau. Man tut nur das, was einem von der Gesellschaft gesagt wird: Kümmere dich um deinen Körper, mach Sport, iss weniger und arbeite hart – alles in einem solchen Ausmaß, dass es körperlich gefährlich ist. Das ist eine sehr persönliche, passiv-agressive und brutale Sache. Und junge Frauen tun es, wenn jede andere Art der Rebellion verboten ist. Der kulturelle Druck auf Frauen, auf eine bestimmte Art auszusehen und sich anzuziehen, ist unglaublich wichtig, wird aber auch missverstanden.

Worüber ich in „Fleischmarkt“ schreibe, ist, wie Kapitalismus aus Frauenkörpern ein Wirtschaftsprodukt macht, welches einer kulturellen Vorstellung von Perfektion angepasst ist. So viele von uns verschwenden ihre Zeit bei dem Versuch, wie diese ideale, hübsche, perfekte, dünne, junge, weiße Frau auszusehen. Tatsächlich sehen nur sehr wenige so aus – und selbst die, die es tun, werden in hohem Maße mit Bildbearbeitungsprogrammen perfektioniert. Es geht nicht nur um Eitelkeit: Die kulturellen Konsequenzen, nicht mit allen Mitteln zu versuchen, so perfekt auszusehen, sind sehr real und sehr wichtig für eine Menge junger Frauen.

The European: Wie haben Sie persönlich es geschafft, sich davon zu befreien?
Penny: Ich habe großes Glück gehabt, dass ich behandelt wurde, als ich jung war. Es ging nicht nur darum, mehr zu essen. Es ging darum, das Recht zu haben, eine ganze Person zu sein – chaotisch, hässlich, eben menschlich. Für mich ging es auch darum, zum Feminismus zurückzukehren, mehr über Politik zu lesen, mich in die Politik einzubringen und zu verstehen, dass Erholung und Gesundwerden auch politisch sind. Es reicht nicht, sich selbst zu verbessern: Wenn die Gesellschaft krank ist, muss die ganze Welt verändert werden.

Ich hoffe, dass mein Schreiben junge Frauen und Männer erreicht und sie davon überzeugt, dass sie sich selbst nicht so wehtun müssen. Es ist wichtig, dass wir endlich damit beginnen, zu erkennen, dass Essstörungen eine ernste Sache sind, nicht nur eine eitle Kleine-Mädchen-Krankheit. Magersucht ist eine ernsthafte Krankheit mit ernsthaften politischen und persönlichen Ursachen.

The European: Was kann und muss getan werden?
Penny: Es geht nicht nur um Frauen und ihre Körper. Man kann Frauen erzählen, dass das alles mit Selbstachtung zu tun hat und dass es egal ist, wie sie aussehen. Aber Fakt ist: Wir leben in einer Welt, in der Frauen gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell bestraft werden, wenn sie sich nicht anstrengen, dünn und hübsch zu sein.

Aktuelle Studien zeigen, dass übergewichtige Frauen weniger verdienen als normalgewichtige Frauen. Und Menschen, die dünn und sehr untergewichtig sind, verdienen noch mehr – auf Männer trifft das alles nicht zu. Es gibt also tatsächliche wirtschaftliche Konsequenzen, wenn man nicht den Stereotypen entspricht. Es reicht also nicht, einzelnen Frauen zu sagen, dass sie sich nicht darum kümmern sollen: Wir müssen die Art ändern, wie die Welt Frauen sieht. Wie die Welt der Macht und des Privilegs – die größtenteils immer noch eine patriarchale ist – Frauen sieht.

„Ein Mann kann übergewichtig und hässlich sein und wird trotzdem respektiert“

The European: Aber es gibt doch auch Männer, die unter Essstörungen leiden.
Penny: Wir leben in einer visuellen Kultur und die meisten Menschen stehen unter dem Druck, gut auszusehen – aber ich würde trotzdem sagen, dass Männer nicht in der gleichen Weise bestraft werden, wenn sie nicht gut aussehen. Ein Mann kann übergewichtig und hässlich sein, sich nicht um sein Aussehen kümmern und trotzdem respektiert und als ganze Person angesehen werden. Schauen Sie sich die ganzen männlichen Politiker an: Die sehen oft mies aus, sind unrasiert – und die Menschen respektieren sie trotzdem. Wohingegen jede Frau im Auge der Öffentlichkeit vor allem anhand ihres Aussehens bewertet wird. Und selbst, wenn sie umwerfend schön ist, wird das immer noch das Wichtigste an ihr sein.

Der Druck ist für Männer und Frauen eine völlig unterschiedliche Sache. Es geht um die Angst vor Frauen in öffentlichen Räumen, Angst vor Frauen im öffentlichen Leben. Was der Druck Frauen befiehlt, ist folgendes: Nimm weniger Platz, nimm weniger Raum ein. Sei dünner. Stell sicher, dass du sexuell anziehend bist, sodass er dich als oberflächlich abschreiben kann, noch bevor du deinen Mund öffnest.

The European: Die britische Wissenschaftlerin Catherine Hakim sagt, dass Frauen häufiger ihr „erotisches Kapital“ – eine Mischung aus Schönheit und Auftreten – benutzen sollten, um ihre Ziele zu erreichen. Sie haben das kritisiert – was ist falsch daran?
Penny: Ich sage nicht, dass es per se falsch ist – aber das „erotische Kapital“ zu nutzen, ist immer nur eine eingeschränkte Form der Macht. Denn nur einige Frauen verfügen darüber und das auch nur für einen bestimmten Zeitraum. Es handelt sich außerdem um eine Macht, die sich auf männliche Macht bezieht: Es geht darum, Männer dazu zu bringen, einen sexuell zu begehren. Das kann immer nur eine unvollständige Art von Macht sein. Es ist nicht falsch, dies zu benutzen, aber man muss verstehen, dass es nicht unbedingt die Art von Macht ist, die dauerhafte positive Veränderungen für Frauen mit sich bringt – sei es für ihr persönliches Leben oder im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen Rolle.

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