Früher retteten die Grünen Frösche, heute eben den Kanzler. Harald Schmidt

Meins ist Deins, Deins ist Meins

Noch sträuben sich die Menschen gegen das Teilen. Doch der nächste große Schritt steht kurz bevor.

Vor knapp vier Jahren war es ein Nischentrend, das eigene Haus an Fremde zu vermieten. Und kaum einer der abenteuerlustigen und technikbegeisterten Nutzer von damals ließ sich träumen, dass die Plattform AirBnB im Jahr 2014 Millionen von Wohnungen vermieten würde – von Privateigentümern an Reisende aller Altersgruppen und aus 192 Ländern. Wir erleben das Zeitalter des wechselnden Besitzes, in dem Autos und Fahrräder geteilt werden, ja in dem Mietplattformen für alle erdenklichen Güter wie Pilze aus dem Boden schießen. Ein anderer Begriff dafür ist „kollaborativer Konsum“ – und dieser revolutioniert unsere Wirtschaft.

Das geschieht vor allem dank raffinierter Technik, die eigentlich uralte Marktmechanismen wie Mieten, Tauschen oder Gegengeschäfte neu erfindet. Kollaborativer Konsum bedeutet, alle erdenklichen Gegenstände auf neue Art und Weise miteinander zu teilen oder zu tauschen.

Für die Neuentdeckung dieser Idee gibt es viele Gründe: Auf der ganzen Welt haben die Menschen in Folge der Finanzkrise hinterfragt, wie viel Geld sie ausgeben – und vor allem wofür. Sie machen sich Sorgen über die Umwelt und fürchten die Rohstoffknappheit. Wir wollen unser Einkommen steigern, gleichzeitig mehr sparen und unseren Abfall verringern. Logisch also, dass wir unseren Besitz auch effizienter zu nutzen versuchen. Moderne Technik macht das möglich: Smartphone-Apps sind mobil, sozial und kennen unseren Standort. Sie zeigen, welche Gegenstände in unserer Umgebung zur Verfügung stehen. So eliminieren sie traditionelle Hindernisse, die dem Teilen bislang im Weg standen, sie verbinden uns mit anderen Menschen. Es entsteht eine neue, mobile und angenehme Art des Wirtschaftens.

Die neue Nachhaltigkeit

Über die letzten fünf Jahre entstanden in nahezu jedem Sektor neue Firmen mit Ideen für kollaborativen Konsum: Wir können Onlinekurse belegen, Mikrokredite beantragen und Mitfahrgelegenheiten buchen, das Auto des Nachbarn ebenso ausleihen wie einen Bohrer oder eine Leiter. Sogar Hunde können neuerdings gemietet werden!

Aber reichen diese Möglichkeiten aus, um unser Konsumverhalten komplett umzukrempeln? Wird der kollaborative Konsum in der Allgemeinheit Fuß fassen? Oder haben wir schon die Grenze dessen erreicht, was wir zu teilen bereit sind? Gemeinsam mit meinen Kollegen vom Collaborative Lab bin ich dieser Frage nachgegangen. Wir glauben, dass sich dies schon bald entscheiden wird – sofern zwei große Fische von dem Konzept überzeugt werden können: Regierungen und Großkonzerne.

Denn je professioneller dieser neue Markt wird, desto mehr verliert die Gesetzgebung den Anschluss an Start-ups. Das zeigt sich anhand von immer neuen Regeln und Lobbyismus. In New York City versuchen Unterkunftsdienste, die Regeln für Vermietungen zu verändern. In Kalifornien fordern Mitfahrgelegenheiten eine klare staatliche Regelung und Anerkennung ihrer Aktivitäten. Für Regierungen bedeutet das einen Balanceakt: Selbstverständlich wollen sie einen Nährboden für die neuen Dienste schaffen, aber die etablierten Firmen eben auch schützen – denn schließlich sollen alle Bürger von einem größeren Angebot profitieren.

Manche Regierungen haben das bereits erkannt: Die Verwaltung der südkoreanischen Hauptstadt Seoul bezeichnet die Stadt bereits als „Sharing City“. Und auch in den USA haben 15 Bürgermeister großer Städte im Jahr 2013 vereinbart, die Share Economy zu unterstützen. Es sind Schritte in die richtige Richtung – aber damit sich kollaborativer Konsum durchsetzen kann, müssen Regierungen ihn auf eine Art annehmen, wie sie es etwa mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit getan haben.

Den Sprung ins kalte Wasser wagen

Nicht nur Regierungen kämpfen mit dieser neuen Wirtschaftsrealität. Auch Großkonzerne spüren den heißen Atem der Start-ups in ihrem Nacken. Die neue Generation von Kunden stellt das althergebrachte Konzept des Besitzes auf den Prüfstand – und damit ehemals sichere Geschäftsmodelle. Der kollaborative Konsum stellt aber auch eine neue Chance für Großkonzerne dar: Um relevant zu bleiben, müssen sie seine Prinzipien nur in ihre eigenen Produkte und Dienstleistungen übernehmen.

Autohersteller sind am unmittelbarsten bedroht – können aber auch am meisten daran verdienen. Viele Autofirmen experimentieren deswegen bereits mit Carsharing als neue Einnahmequelle. Kollaborativer Konsum bietet ein riesiges Potenzial – und ich bin mir sicher, dass in den kommenden Jahren unzählige weitere Großkonzerne den Sprung ins kalte Wasser wagen und eigene Projekte im Bereich des kollaborativen Konsums an den Start bringen werden.
Für uns alle bietet diese Entwicklung die Möglichkeit, Dinge, die wir benötigen, auf andere Art und Weise zu bekommen. Wenn Regierungen und große Firmen es unterstützen, wird Teilen schon bald allgegenwärtig sein. Kollaborativer Konsum ist nicht nur ein Trend, sondern ein notwendiger Schritt weg von den Jahrzehnten des Hyper-Konsums und hin zu einer effizienteren, nachhaltigeren und gemeinschaftlichen Art zu leben. Und wir werden diesen Wandel in allen Bereichen unserer Gesellschaft sehen.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrich Stephan, Rainer Zitelmann, Jens Weidmann.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

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