Als der Himmel im März 2010 ungetrübt blieb, konnte ich vom Dach meines Hauses statt Wolken und Flugzeugen lediglich tiefes Blau sehen. Grund war die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, die sich über den ganzen nordeuropäischen Luftraum gelegt hatte. Es war eine bizarre Situation: Fluggesellschaften verloren pro Tag Millionen von Euro, Reisende strandeten tagelang auf Flughäfen und über allem strahlte jener blaue Himmel, in dem kein Wölkchen Asche auszumachen war.
Die Schuldenkrise zog sich wie ein roter Faden durch 2011 und wies dabei erstaunliche Parallelen mit diesen Tagen des Vorjahres auf: Wieder ging es um enorme Mengen Geld und erneut herrschte in Europa Heulen und Zähneklappern vor einer Bedrohung, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen war. Gegen die Märkte scheint selbst heute noch kein Kraut gewachsen, gleichgültig, welche Maßnahmen die Regierungen zu ergreifen versuchen.
Psychologische Zwickmühle
Das Bezeichnende an der Schuldenkrise sind allerdings nicht die komplexen finanziellen Werkzeuge, derer Regierungen, Analysten und Investoren sich bedienen – charakteristisch ist vielmehr das Misstrauen der Märkte und der psychologische Druck, den dieses verursacht. Dass bei Geld die Freundschaft aufhört, ist eine Binsenweisheit, die auch in der Krise gilt. Doch die Irrationalität einer Angst vorm Staatsbankrott, der erst durch diese Angst immer akuter wird, mag so gar nicht unserem Bild vom abgeklärten Banker oder cleveren Investor entsprechen. Ganz im Gegenteil: Die Krise hat man kommen sehen und Staaten waren bereits jahrelang tief verschuldet. Bis jedoch die Staatsschulden einen kritischen Prozentsatz des BIPs erreichten, an dem Zinsen nicht mehr zu bewältigen waren, verschlossen Banker und Investoren vor der Gefahr ebenso die Augen wie die Regierungen.
Europa wusste mit dieser psychologischen Zwickmühle kaum umzugehen: So wurden kontroverse Entscheidungen auf nächtlichen Gipfeltreffen oder unter Heranziehung fragwürdiger Tricks vorgenommen, Regierungen scheiterten und ungewählte Technokraten wurden zu Hoffnungsträgern. Solange über allem aber das Damoklesschwert der nervösen Märkte schwebte, gab es vor der Krise kein Entrinnen.
Die Märkte sind ein Unwort, weil sie die psychologische Komponente der Krise und damit die Menschen in ihr völlig vernachlässigen. Zu kritisieren gibt es auch auf staatlicher Seite genug, doch statt den privaten Sektor in seinem wahren Licht zu zeigen, verklärt der Begriff die individuellen Entscheidungen der Finanziers mit dem Bild eines abstrakten Marktfaktors. Der Begriff ist ungreifbar und gesichtslos – vor allem aber räumt er den Menschen, die er symbolisiert, eine Rolle fernab von ihrem eigentlichen Platz in der Schuldenspirale ein. Vergessen wird dabei leicht, dass die Krise auch Resultat eines Finanzsystems ohne Maßstäbe und Vernunft ist, in dem Investoren so lange wegschauten und blind Geld verdienten, bis sich dessen Absurdität nicht länger leugnen ließ.
Märkte sind keine Naturgewalt
2010 galt der Ausbruch des isländischen Vulkans als höhere Gewalt. Regierungen und Medien machen es sich nun zu einfach, wenn sie von den Märkten wie von so einer plötzlichen, unbeugsamen Naturgewalt sprechen. Nicht zuletzt vernachlässigen sie damit all jene Menschen, die von diesem System am meisten profitiert haben und deren Entscheidungen 2012 über die Zukunft des Euro mitentscheiden werden.





















