Wir müssen aufhören, über die Menschen zu sprechen, als wären sie die Krone der Schöpfung. Günter Grass

Lassen Sie mich durch, ich bin Experte

Das Web 2.0 sollte zur Demokratisierung von Informationen führen. Doch statt Eigenverantwortung erleben wir eine Rückkehr zu den Experten. Die Gelegenheit blieb ungenutzt.

Hinterher ist man immer schlauer, lautet eine ewige Binsenweisheit. Nicht ganz zu Unrecht, wenn man einen Blick auf das Jahr 2003 wirft, als im amerikanischen Magazin InfoWorld erstmals der Begriff Web 2.0 fiel. Nicht nur sollte der Begriff zum ultimativen Schlagwort der folgenden Jahre werden, das Konzept sollte unseren Umgang mit Informationen auch radikal umkrempeln: Weg vom blinden Medienkonsum der Fernsehgeneration, hin zur basisdemokratischen Teilhabe. Ein Blick auf den aktuellen Stand der Dinge zeigt, dass diese Chance nur am Rande genutzt wurde.

Social Media wird populär – und langweilig

Dass sich der damalige Optimismus mittlerweile ein wenig zerstreut, liegt zum Teil an einem Problem, welches auf den schönen Namen Social Müdia hört: Abnutzungserscheinungen bei den Nutzern von sozialen Netzwerken. So stellte das Meinungsforschungsinstitut Gartner fest, dass ausgerechnet die Pioniere der sozialen Netzwerke – eine gut ausgebildete Generation von Mittzwanzigern – sich wieder von diesen abwendet. Der Grund dafür ist neben einer wachsenden Besorgnis über die eigene Privatsphäre auch eine verstärkt um sich greifende Langeweile:

Die Ergebnisse zeigen Ermüdungserscheinungen bei Pionieren von sozialen Netzwerken. Die Tatsache, dass 31% der jungen, mobilen und markenbewussten Nutzer angaben, ihre Netzwerke würden sie langweilen, ist eine Situation, (…) die besonders von Betreiber der Netzwerke detaillierte Beobachtung verlangt.

Es ist jedoch nicht nur für die Betreiber von Netzwerken problematisch, wenn nun ausgerechnet jene Nutzer gähnen, die für deren Popularität verantwortlich waren. Denn trotz steigender Nutzerzahlen von Facebook und Co. nimmt die Banalität im Netz zu.

Vor lauter Bäumen kein Wald zu sehen

Während der Nahe Osten soziale Netzwerke zur Organisation von Protesten verwendet, verkommen sie im Westen zum banalen Geplänkel. Wirklich wichtige Informationen gehen mittlerweile im digitalen Grundrauschen unter – nicht nur, weil Nachrichten über den arabischen Frühling weniger geklickt werden als ein lustiges Video. Ausgerechnet die große Menge an Nutzern verhindert dabei eine Verbreitung von wirklich guten Inhalten.

Es überrascht nicht, wenn der Netzökonom schreibt, das Internet werde besonders unter jungen Leuten als wichtigste Nachrichtenquelle angesehen. Doch dabei liegt das Augenmerk wieder verstärkt auf traditionellen Nachrichtenportalen sowie kuratierten Listen. Allen Unkenrufen der frühen 2000er zum Trotz sind die Experten also wieder da und helfen bei der Orientierung.

Dass eine Utopie dem Test der Realität nicht standhält ist nichts Neues – und doch mischt sich ein wenig Wehmütigkeit zu dieser Tatsache: Denn jedes große Nachrichtenportal hat neben einer ordnenden auch eine filternde Funktion, bei der viele Themen einfach wenig prominent oder gar nicht abgehandelt werden. Das erklärt auch, warum auf großen Nachrichtenportale sich die Berichterstattung oft nur in der Tonart, aber selten in der Thematik unterscheiden. Sicherlich, Experten haben ob ihres Amtes die Zeit, sich professionell mit gewissen Themen auseinander zu setzten. Dass dies der großen Masse von Internetznutzern nur am Rande gelingt, ist schade – aber man muss ja noch Träume haben.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Sören – 13.10.2011 - 22:51

    Hallo,

    das Internet hat durchaus zu einer Art Demokratisierung von Informationen geführt…Oder viel mehr zu einer Inflation von Wissen! Zu Wissen, wie die politische Landschaft Simbabwes gestaltet ist, ist weniger wert als vor 10 Jahren – zwei Klicks und fünf Minuten genügen und ich habe einen groben Überblick. Insofern ist es auch nicht überraschend, dass Experten immernoch (und auf keinen Fall “wieder”) gefragt sind: Detailwissen wird wertvoller!
    Dass das Internet nicht zu einer vollständigen Demokratisierung von Informationen führt, ist zudem aufgrund des digitalen Grabens alles andere als überraschend. Alte und arme Leute haben keine Gelegenheit, zu partizipieren und werden ins Abseits gedrängt bzw. bekommen keine Gelegenheit, sich Medienkompetenz anzueignen und weiterführendes Wissen ohne Experten zu finden. Eine wahre “Demokratisierung” wäre durchaus möglich, ist sogar erforderlich, doch liegt es nicht nur in der Hand der Nutzer_innen diese herzustellen, sondern ebenso in denen der Politik.

  • Theeuropean-placeholder
    gsohn – 14.10.2011 - 14:07

    Das mag bei sozialen Netzwerken so sein. Aber ich würde die Effekte des Internets generell nicht unterschätzen die in Richtung Kollaboration gehen bis hin zur Dezentralisierung der Energieversorgung. Web 2.0 ist eben mehr als Social Media. Siehe mein heutiges Elaborat: http://www.service-insiders.de/artikel-maschinen-und-anlagenbau/show/1003/Wie-Netzwerke-Politik-Wirtschaft-und-Energie-dezentralisieren

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