Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Umverteilung, Hurra!

Die Wirtschaft ist gierig? Von wegen! Solange fragwürdige Gratis-Geschäftsmodelle überleben können, lebt es sich als Verbraucher ganz prächtig. Zumindest für eine Weile.

Kennen Sie das Promo-Video von Spotify? Der Clip zeigt schöne, junge Menschen. Sie spielen Basketball oder Saxofon. Alle genießen Musik, währenddessen färbt das Sonnenlicht ihre Welt abwechselnd orange und lila. Das Filmchen transportiert die totale Unbeschwertheit. Und in schnörkellosen, weißen Buchstaben prangt der Schriftzug „Musik für jeden Moment“.

Gratis ist diese Musik obendrein. Also schalten wir ein und genießen sie durch unsere neuen Kopfhörer – kostenlos versandt und schon am folgenden Tag geliefert, zum typischen Amazon-Kampfpreis. Ja, der Sonnenuntergang mag nicht die Farbe aus dem Spotify-Video haben – aber es lebt sich ähnlich unbeschwert, wie dort dargestellt. Zu danken haben wir es einem seltsamen Trend im Netz: Obgleich Unternehmer seit Jahren über den fehlenden Zahlungswillen von Nutzern klagen, verteilen diverse Dienste unaufhörlich Geschenke.

Gratis ist nicht umsonst

Kürzlich feierte der populäre Fotodienst Flickr sein neues Design, indem er das bisherige Bezahlmodell über den Haufen warf. Unbegrenzter Speicherplatz kostete bislang 25 Dollar im Jahr, nun bekommen alle Nutzer einen Terabyte Datenvolumen für lau. Selbst ein Nutzer mit Tausenden von hochaufgelösten Fotos wird nicht an die Grenze dieses Volumens stoßen – den Geldbeutel freut’s.

Absurderweise dürfte es diese Geschäftsmodelle aber eigentlich gar nicht geben. Denn tatsächlich hängen Spotify und Co. am Tropf von Investoren, die auf künftige Werbeeinnahmen oder zahlende Kunden hoffen. So kann das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen werden – die Hoffnung ist, dass es sich irgendwann schon rentieren wird.

Und natürlich sind keine dieser Dienstleistungen tatsächlich umsonst. Musiklizenzen kosten Geld. Rechenzentren kosten Geld. Ein Server-Administrator, der Selbiges nachts um drei überwacht, erst recht. Es liegt also nur an der dezentralen Natur des Internets, dass derartige Dienstleistungen unsichtbar bleiben und somit der schöne Schein des kostenlosen Wirtschaftens aufrechterhalten wird. Klar, Zalando nimmt auch nach 100 Tagen zurückgeschickte Ware an – aber schreibt unter anderem auch deswegen seit Jahren rote Zahlen.

Weil es auch 2013 nichts gratis gibt, zahlt derweil jemand anderes die Rechnung. Sicherlich, viele Unternehmen – so wie Flickr – möchten ihre Dienste in Zukunft mit Werbeeinnahmen finanzieren. Doch wie das angesichts sinkender Erlöse bei klassischer Bannerwerbung klappen soll, ist fraglich. Also zahlt die Rechnung der Mutterkonzern, der Investor oder die Anteilsnehmer. In Anbetracht der großen Menge an Gratisdiensten scheint das Geld gar derart reibungslos von Investorentaschen in Unternehmerhand zu fließen, dass jede noch so verlustreiche Idee ausprobiert oder gleich aufgekauft wird.

1,2 Milliarden Dollar zahlte Microsoft für den halbgaren Facebook-Klon Yammer. 1,1 Milliarden ließ sich Yahoo die Bloggingplattform Tumblr kosten – welche ihren Erfolg größtenteils den dort emsig verlinkten Pornobildern verdankt. Die Erlösmodelle dieser Plattformen? Sind bestenfalls diffus – aber davor lässt sich in Anbetracht einer zukünftigen Gewinnerwartung anscheinend prima die Augen verschließen.

Welche Ausmaße dieser Enthusiasmus mittlerweile angenommen hat, demonstrierte diese Woche der weltgrößte Versandhändler: Amazon gab am Montag bekannt, an einem neuen Lieferdienst zu arbeiten, der bestellte Waren innerhalb von 30 Minuten per Drohne ausliefern soll. Und das ist nur das jüngste Beispiel einer Idee, die fernab von wirtschaftlichen Realitäten funktioniert. Amazon verkauft seine Kindle E-Reader und Tablets schon lange unter Wert – ein gigantisches Verlustgeschäft, dass sich laut Amazon-CEO Jeff Bezos langfristig über den Verkauf digitaler Medien lohnen soll. Bislang wartet man noch auf die Gewinne. Trotzdem steigt Amazons Börsenkurs seit Jahren.

Die fliegenden Zustellroboter wären eigentlich ein schönes Beispiel, dass neue Unternehmen die eingefahrenen Geschäftsmodelle etablierter Firmen einreißen können. Daher zog UPS auch schnell nach: Selbstverständlich habe man ähnliche Pläne, versicherte der braune Paketriese. Verständlicherweise ist das Management in Panik: Amazon kann einen neuen Geschäftsbereich erschließen, ohne damit Gewinn machen zu müssen. Was am Ende des Jahres in der Bilanz steht, ist erst einmal egal. Das ist eine furchteinflößende Realität für Mitbewerber, die Amazon irgendwie Paroli bieten wollen.

Große, vorweihnachtliche Spendenaktion

Also geht der Konkurrenzkampf immer weiter – mit noch mehr Gratisangeboten, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und so könnte man diesen ganzen Wahnsinn letztlich als eine vorweihnachtliche Spendenaktion von Millionären für gemeine Bürger begreifen: Eine große, freiwillige Umverteilung in Form von kostenlosen Internetdiensten.

Eigentlich wäre das eine gute Nachricht, würde das unausweichliche Ende nicht bereits am Horizont zu erkennen sein. Denn die Drohnen liefern nur so lange Pakete aus und die Musik ist nur so lange gratis, bis der Enthusiasmus wieder abklingt. Das haben Sie schon einmal gehört? Richtig, früher gab es vergleichbare Zustände unter dem schönen Titel New Economy. Die damaligen Unternehmen sahen einmal ähnlich sexy und lifestylelig aus wie die glücklichen jungen Menschen im Spotify-Video.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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