Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. Ödön von Horváth

Nie mehr Langeweile

Seit fünf Jahren gibt es nun die Smartphones – und in dem kurzen Zeitraum haben wir das Warten verlernt.

Passend zum Ende August hat es in Berlin zu regnen angefangen. Die Hauptstadt liegt unter einem gleichmäßig grauen Himmel, dicke Tropfen fallen und beim Einstieg in die S-Bahn blicke ich in erstaunlich ausdruckslose Gesichter. Uns steht eine kurze Fahrt bevor, und um sich die Zeit zu vertreiben, greifen die Zugestiegenen reflexhaft nach ihren Smartphones. Vorbei sind die Tage, an denen sich morgens die Kaffee- und die Bierfraktion von gegenüberliegenden Plätzen aus anstarrten. Heute herrscht geradezu demokratische Gleichheit: mit dem Getränk der Wahl in der einen Hand, starren alle Pendler auf das Smartphone in der anderen.

Die Bahn bremst langsam ab und wir erreichen den Alexanderplatz; am frühen Morgen herrscht dort Geschäftigkeit wie im Bienenstock. Die Telefone wandern in die Taschen der Regenjacken und es kommt Bewegung in die Pendlermassen. In unserem Waggon bleibt außer mir nur einer sitzen, sein Haarschopf schaut hinter einer gedruckten Ausgabe des „Berliner Kuriers“ hervor und weder die morgendliche Hektik noch die Regenwolken scheinen ihn besonders zu beeindrucken.

Einer deutschen Institution geht es an den Kragen

In den Nachrichten geht es dieser Tage viel um den Patentstreit zwischen Apple und Samsung, doch so sehr ich mich auch anstrenge, kann ich diesem Hin und Her wenig Spannendes abgewinnen. Vor einem Jahr schrieb ich: „Hier verklagt jeder jeden, und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.“ Daran hat sich bislang in der Tat nichts geändert – lediglich die Zahl der Smartphonebesitzer ist angestiegen.

Drum tut es auch wenig zur Sache, welcher Konzern von wem geklaut hat, denn in der morgendlichen Realität einer Berliner S-Bahn gleichen sich die Geräte enorm. Erfolg haben sie auch nicht aufgrund von kryptischen Features oder besonders schön abgerundeten Ecken. Sie befriedigen dafür ein Bedürfnis, das wir vor ihnen offenbar nicht kannten: der Wunsch nach ständiger Verbundenheit, gekoppelt mit andauerndem Unterhaltungspotenzial.

Selbst im leeren Wartezimmer beim Zahnarzt muss man sich nicht mehr alleine fühlen, schließlich sind die „Freunde“ nur ein kurzes Wischen auf dem Bildschirm entfernt. Denkt man den Gedanken zu Ende, geht es zwangsläufig sogar einer echten deutschen Institution an den Kragen: Das Wartezimmer trägt seinen Namen mittlerweile zu Unrecht, denn es ist zum Aufenthaltszimmer mutiert. Heut wird nicht mehr gewartet, sondern gelesen und gearbeitet. Die Möglichkeiten sind endlos: soziale Netzwerke, Dauerberieselung durch den Liveticker bei „Spiegel Online“, Instagram-Eindrücke aus anderen Winkeln der Erde. Wirkte die Zeitung noch seltsam statisch, ist Wartezeit heute eine Periode, wenn andere übernehmen. Dank dem Smartphone ist man irgendwie auch selbst dabei.

Ich verlasse die Bahn und sehe die Menschen plötzlich an jeder Ecke mit Telefon in der Hand: an der Supermarktkasse, an der Straßenbahnhaltestelle. Im Café wird das Smartphone gezückt, sobald die Begleitung auf Toilette verschwindet. Grotesk wird es dann, wenn zwei Menschen sich auf die Art und Weise gegenseitig zum Smartphone-Gebrauch anstiften: Er beantwortet eine SMS, sie holt ihr Telefon hervor und surft, er nimmt das zum Anlass für einen schnellen Besuch bei Facebook. Man beobachtet Pärchen, die minutenlang nebeneinander sitzen, in ihre Telefone und ganz eigenen Welten vertieft.

Ich glaube an Langeweile

Nie mehr warten, nie mehr Langeweile. Der Gedanke ist unglaublich effizient und passt hervorragend in unsere Zeit. Doch als ich mittags die Redaktion zum Essen verlasse, genieße ich die Abwechslung. Der Gang durch die Stadt, den Blick beim Warten aufs Essen ein wenig schweifen lassen … selbst noch so passives Teilnehmen an der Umgebung ist nach einem halben Tag hinterm Bildschirm erfrischend. Beim Italiener erblicke ich einen einsamen Geschäftsmann, der sich Lasagne in den Mund schiebt und gleichzeitig auf seinem iPhone tippt.

Fünf Jahre ist es her, dass das iPhone auf den Markt kam – und ich bin mir nicht sicher, ob Steve Jobs dieser Anblick wohl gefallen hätte. Ausgerechnet von ihm stammt nämlich die folgende Gegenthese: „Ich glaube an die Langeweile. Durch Langeweile wird man neugierig – und aus Neugierde entsteht letztlich alles.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Berlin, Innovation, Patentrecht

Kolumne

Medium_459f0ac2c1
von Clemens Lukitsch
01.07.2014

Debatte

Ein Neues Betriebssystem für das Konzept Stadt

Medium_522025dd1f

Format C:ty

Wir müssen keine neue Stadt bauen, die bestehenden Städte brauchen bloß ein neues Betriebssystem. weiterlesen

Medium_e3cb433343
von Carlo Ratti
03.01.2014

Kolumne

Medium_8b51830bda
von Stefan Andersen
11.04.2013
meistgelesen / meistkommentiert