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„Ich habe Sympathien für den Menschen Joseph Ratzinger“

Vergebene Chancen zeichnen das Pontifikat Benedikts XVI. aus. Kirchenkritiker Hans Küng erklärt, weshalb die Kirche eine neue Reformpolitik braucht, die auch Laientheologen ordiniert. Das Petrusamt wird nicht fallen, der päpstliche Absolutismus hingegen schon.

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The European: Sie haben in einem offenen Brief die Bischöfe aufgefordert, dem Papst die Treue aufzukündigen und sich regional auf Lösungen, zum Beispiel der Zölibatsproblematik zu verständigen. Warum?
Küng: Es ist falsch zu sagen, dass ich die Bischöfe aufgefordert habe, dem Papst die Treue zu kündigen. Im Gegenteil, sie sollen dem Papst die Treue halten, aber sie sollen gleichzeitig Kritik offen aussprechen. Das war meine erste Bitte an die Bischöfe. Die zweite Bitte war: Sie müssen Reformen in der Kirche durchsetzen. Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und Gott und dem Evangelium mehr als dem Papst.

The European: Im Moment entsteht der Eindruck, die katholische Kirche hätte mit Benedikt XVI. den schlimmsten Papst seit Jahrhunderten. Wer die Kirchengeschichte kennt, kann dem kaum zustimmen.
Küng: Ja, das wäre völliger Unsinn. Es gab Päpste, vor allem im 10. Jahrhundert und in der Renaissance, die man als unmoralisch, ja verbrecherisch bezeichnen muss. Papst Benedikt mit diesen auch nur ansatzweise zu vergleichen ist völlig unstatthaft. Das schließt aber nicht aus, dass man aus Papst Benedikts bisherigem Pontifikat eine kritische Bilanz ziehen muss.

Der Papst hat viele Chancen vertan

The European: Wie sehen Sie sein bisheriges Pontifikat?
Küng: Er hat in den fünf Jahren nicht nur sehr viele Pannen verursacht, sondern er hat auch viele Chancen vertan. Vor allem die Annäherung an die evangelischen Kirchen. Benedikt hat zudem eine nachhaltige Verständigung mit den Juden verpasst. Er hat den Dialog mit den Muslimen erschwert und die Versöhnung mit den kolonialisierten Urvölkern Lateinamerikas. Vertan ist die Chance, den afrikanischen Völkern in ihrem Kampf gegen Aids und Überbevölkerung zu helfen. Und: Vertan ist auch die Chance, den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils endlich auch im Vatikan zum Kompass des Handelns zu machen und Reformen in der Kirche voranzutreiben.

The European: Der Missbrauchsskandal erschüttert die gesamte Kirche. Wie schlimm ist es um das Papsttum bestellt?
Küng: Sicher ist, dass die ganzen Ereignisse das Papsttum in einem sehr kritischen Zustand zeigen. Aber ich glaube nicht, dass das Papsttum daran zu Fall kommen wird. Spezifizierter möchte ich sagen: Ich glaube nicht, dass der Petrusdienst zu Fall kommt. Wir brauchen nach wie vor ein Petrusamt, das der Einheit der Christen dient. Aber wir brauchen nicht ein römisches Papsttum, wie es sich seit dem 11. Jahrhundert herausgebildet hat. Was jetzt zu Fall kommen wird, ist der päpstliche Absolutismus, die Zweiteilung der Christen in Kleriker und Laien und das damit verbundene Zölibatsgesetz. Diese drei Charakteristika haben wir erst seit der mittelalterlichen Gregorianischen Reform im 11. Jahrhundert in der Kirche. Dieses mittelalterliche Paradigma ist jetzt in der Krise und wird meines Erachtens nicht bestehen bleiben.

The European: Ist der Klerus verdorben wie etwa zur Zeit Luthers?
Küng: Es wäre eine schlimme Generalisierung, jetzt den gesamten Klerus und die katholische Kirche überhaupt zu verdächtigen. Es gibt zahllose Seelsorger, die von ihren Gemeinden bestätigt bekommen, dass sie untadelig sind und dass sie sich voll einsetzen für ihre Gemeinden. Ich hoffe, dass diese Art von Seelsorgern nicht weiter ausstirbt. Die Kirche würde neue Kraft erhalten, wenn sie Laientheologen, seien sie weiblich oder männlich, ordinieren würde.

The European: Sie sind dem Papst ja kurz nach seiner Wahl begegnet. Das Treffen hatte den Charakter einer Aussöhnung. Mögen Sie den Menschen Joseph Ratzinger und sind nur mit seiner Theologie auf Kriegsfuß?
Küng: Ich habe Sympathien für den Menschen Joseph Ratzinger. Wir sind sehr verschieden, aber das hat mich damals nicht daran gehindert, ihn, als ich noch ein junger Dekan war, auf die Liste für den zu besetzenden Parallellehrstuhl für Dogmatik an der Universität Tübingen zu setzen. Seitdem hat er allerdings seine Theologie auf immer reaktionärere Bahnen gelenkt. Dass wir in vielen Positionen der Kirchenreform entgegengesetzter Ansicht sind, wussten wir schon, bevor ich ihn in Castel Gandolfo vier Stunden lang sprechen durfte. Das Treffen fand in freundschaftlicher Atmosphäre statt. Der Papst und ich waren uns immerhin einig über das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft, über die Notwendigkeit des Dialogs der Religionen und über die Notwendigkeit eines Weltethos. Aber leider haben sich meine Hoffnungen auf einen Reformkurs nicht erfüllt, stattdessen ist ein Restaurationskurs gesteuert worden.

Man muss zwei Dimensionen verbinden

The European: Duzen Sie sich von früher her noch?
Küng: Wir haben uns nie geduzt. Das war damals an der Universität nicht üblich. Man konnte auch sehr nett zueinander sein, ohne sich zu duzen.

The European: Ihr Projekt Weltethos lebt davon, Menschen auf gemeinsame Werte zu verpflichten. So ein absoluter Wahrheitsanspruch wie der des Christentums hat da keinen Platz mehr, oder?
Küng: Man kann den christlichen Glauben für sich als absolut richtigen Weg ansehen, man kann ihn aber nicht gleichzeitig den Juden und den Muslimen und anderen Religionen oder Säkularisten vorschreiben. Man muss zwei Dimensionen verbinden: Innerlich für sich selbst voll und ganz überzeugt sein, dass für einen echten Christen Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, wie es im Johannesevangelium steht. Gleichzeitig ist aber zu akzeptieren, dass für den Juden die Thora der Weg, die Wahrheit und das Leben ist und es der Koran für den Muslim ist. Insofern verbindet sich beim Projekt Weltethos sehr wohl die innere Unbedingtheit mit der großen Toleranz den anderen Religionen gegenüber.

The European: Sie sind einmal Priester gewesen. Was für eine Kirche war das, der Sie dienen wollten und wie hat die Kirche Sie enttäuscht?
Küng: Es ist immer wieder erstaunlich, dass sogar so gut Informierte wie Sie, lieber Herr Görlach, meinen, ich sei Priester gewesen. Ich bin nach wie vor Priester mit allen Vollmachten, die die Weihe mir verleiht. Und ich habe meiner Kirche ständig gedient. Allerdings habe ich auch meine Kritik an der Institution als einen Dienst an der Kirche angesehen. Insofern bin ich ein kritischer Christ und Katholik.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Klaus Wowereit: „Die Katholiken müssen mit antiquierten Werten aufräumen“

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