Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Der tägliche Herrenwitz

Mit Macht kommt Verantwortung – die „Bild“-Zeitung nutzt ihren medialen Einfluss trotzdem viel zu oft für sexistische Berichterstattung.

„Busengrapschen“ ist in Deutschland kein Grund für eine Kündigung. Anfang Februar erklärte das Bundesarbeitsgericht die fristlose Kündigung eines Mannes, der einer Reinigungskraft an die Brust gefasst hatte, für unzulässig. Die dadurch vermittelte Botschaft ist fatal, denn: Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt! Selbst die „Bild“ äußerte sich auf Facebook kritisch: „Unglaubliches Urteil: Einmal Busengrapschen kein Grund für Kündigung!“

In der Tat gehören sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen in Deutschland zur traurigen Realität: Laut einer Studie der Bundesregierung werden knapp 60 Prozent aller Frauen in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Opfer sexueller Belästigung. Etwa 40 Prozent haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Sensationslust und Voyeurismus

Es wäre Aufgabe der Medien, über ebenjene Missstände und ihre Ursachen aufzuklären, mit dem Ziel, diese zu beseitigen. Die „Bild“ bedient durch ihre Artikel über sexuelle Gewalt jedoch lediglich die Sensationslust ihrer Leserschaft. Besonders deutlich wird dies an dem bereits angesprochenen Artikel. Hier prangte über dem Beitrag zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz ein Dekolleté-Foto. Rechts daneben – „Das könnte Sie auch interessieren“: Die Wahl zum „Bild-Girl“ des Jahres, „DSDS – Diese Hotpants machten die Jury-Herren froh“ und „Lilly Becker über ihr Liebesleben – ‚Im Bett trage ich nix‘“. In einem weiteren Artikel mit dem Titel „Anklage gegen Sonnenbank-Spanner“ wird neben dem mutmaßlichen Täter auch ein Foto der nackten Geschädigten veröffentlicht.

Die Beispiele zeigen: Einerseits berichtet die „Bild“ oft und in empörtem Ton über Fälle von sexueller Gewalt oder Belästigung. Andererseits ist auch diese Art der Berichterstattung fast immer sexistisch und voyeuristisch: Selbst wenn es um sexuelle Belästigung geht, greift „Bild“ bei der Bebilderung auf Brüste und nackte Frauen zurück – und offenbart so ihre Doppelstandards. Eine oberflächliche Empörung über die Existenz von Gewalt reicht nicht aus. Wir müssen uns auch mit den Ursachen der sogenannten „Rape Culture“ auseinandersetzen.

„Whoever controls the media, the images, controls the culture“, schreibt Allen Ginsberg. Wenn wir ihm Glauben schenken, sind die Medien ein wichtiger Teil des Problems: Sie erschaffen und reflektieren gleichzeitig unsere Normalität.

Männer sind erfolgreich, Frauen Lustobjekte

Mit circa 2,1 Millionen verkauften Exemplaren täglich sowie einer Reichweite von 11,31 Millionen Lesern und Leserinnen ist die „Bild“-Zeitung Deutschlands erfolgreichste Zeitung. Sie beeinflusst erheblich die Meinungsbildung in unserem Land. Ihre Berichte brachten sogar schon Minister und Bundespräsidenten zu Fall. Mit Macht ist jedoch auch Verantwortung verbunden. Dieser ist sich auch die Redaktion der „Bild“ bewusst. Im Sommer 2014 beispielsweise, als in Folge des Gaza-Krieges anti-jüdische Ressentiments hochkochten, startete „Bild“ eine Kampagne gegen Antisemitismus. Diese sehr lobenswerte Initiative zeigt, dass die Zeitung durchaus den Willen und die Fähigkeit hat, ihre mediale Macht für eine gute Sache einzusetzen.

In krassem Kontrast dazu steht die Diskriminierung von Frauen durch die „Bild“-Zeitung. Diese werden, wie oben exemplarisch aufgezeigt, regelmäßig sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe, zu Lustobjekten degradiert. Das berühmt-berüchtigte „Bild-Girl“ ist dabei nur das plakativste Beispiel. Vergleicht man die „Bild“-Darstellung von Frauen mit der von Männern, lässt sich leicht ein Muster erkennen: Die abgelichteten Frauen sind jung, attraktiv und tragen aufreizende Kleidung. Auch die Abbildungsbeschreibungen thematisieren fast ausschließlich Körper und Sexualität. In anderen Zusammenhängen tauchen Frauen in der „Bild“ kaum auf. Männer hingegen werden als erfolgreiche Sportler, Unternehmer und Entertainer dargestellt.

Dabei erweckte die „Bild“-Redaktion im Jahr 2012 den Anschein, als habe sie eingesehen, wie erniedrigend und respektlos ihre Berichterstattung ist. Anlässlich des Weltfrauentags 2012 verschwand das „Bild-Girl“ von der Titelseite, „so wie es [sich] viele Frauen – auch in den „Bild“-Leserbeiräten – immer gewünscht hatten“. Doch ganz verschwunden ist es nicht, sondern immer noch im Zeitungsinneren und auf Bild.de zu finden. Mit dem „ultimativen Macho-Tool“ kann man dort sogar eine ganze Bildergalerie von „Bild-Girls“ durchsuchen und sie nach Körbchengröße sortieren – Frauen sind eben Ware.

Zynische Haltung

Die „Bild“-Zeitung stellt sich gerne als „Stimme des Volkes“ dar. Ihre große Reichweite nutzt sie jedoch meistens, um zur Verbreitung des gesellschaftlichen Sexismus beizutragen. Welche Folgen hieraus erwachsen, zeigen zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Objektifizierung sowie Übersexualisierung von Frauen auf der einen Seite, und sexueller Belästigung und Gewalt auf der anderen belegen. Die Forscher Rudman und Mescher fanden heraus, dass Männer, die Frauen als Objekt betrachteten, eine größere Neigung zu Vergewaltigungen und sexueller Gewalt im Allgemeinen zeigen. Dies ist mit einer Gesellschaft, deren Selbstverständnis auf gegenseitiger Achtung basiert, nicht vereinbar. Auch Dr. Linda Papadopoulos, Autorin des Berichts des britischen Innenministeriums „Sexualisation of young people“, legt dar, wie die sexuelle Objektifizierung als eine von vielen Formen der Unterdrückung von Frauen zu weiteren Benachteiligungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt führt.

Deutschlands Medien, und allen voran „Bild“, müssen Frauen endlich für ihre Leistungen und Taten schätzen und respektieren, statt sie zum Lustobjekt zu degradieren. Keine Quote dieser Welt wird uns Gleichberechtigung bringen, solange Deutschlands einflussreichste Medien Frauen nicht ebenso respektvoll – das heißt als Menschen mit Ideen und Fähigkeiten – darstellen wie Männer. Sexismus muss als eine Form von Diskriminierung anerkannt und verurteilt werden. Es ist deshalb an der Zeit, dass die „Bild“-Zeitung Verantwortung übernimmt für die Rollen- und Vorbilder, die sie Kindern und Erwachsenen in Deutschland vermittelt.

Der Artikel wurde zusammen mit Sophia Becker und Maja Sojref verfasst, die sich wie Kristina Lunz für die Kampagne „StopBildSexism“ engagieren.

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