Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Einheit im Großen, Wettbewerb im Kleinen

Das deutsche Bildungssystem ist nicht mehr auf dem Stand der Zeit. Statt Reformen einzuleiten, verliert sich die deutsche Bildungspolitik im Klein-Klein des Föderalismus.

Globalisierung, Digitalisierung und Alterung der Gesellschaft – Deutschland befindet sich inmitten epochaler Veränderungen. Die Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand hierzulande für die Zukunft gesichert werden können, treibt Gesellschaft und Politiker gleichermaßen um. Dabei herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass der Erfolg des Modells Deutschland entscheidend mit dem Erfolg unseres Bildungssystems zusammenhängt.

Doch statt fundamentale Reformen einzuleiten, verliert sich die deutsche Bildungspolitik im Klein-Klein des Föderalismus. Dabei sind sich die meisten Experten einig, dass dringender Veränderungsbedarf besteht, will Deutschland auch in Zukunft zu einem der besten Bildungsstandorte der Welt gehören. Statt auf der Stelle zu treten, sollten wir uns deshalb endlich daran machen, die folgenden fünf Punkte umzusetzen, um unser Bildungssystem zukunftsfit und chancengerecht zu gestalten:

1. Bildungsbiografien beginnen vor der Einschulung

Beim Ausbau von Kindertagesstätten und Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist Deutschland auf einem guten Weg. Unzählige zusätzliche Plätze sind in den vergangenen Jahren entstanden. Schlechter ist es vielerorts um die Betreuungsqualität bestellt. Durch den Ausbau im Eiltempo hinkt die pädagogische und didaktische Qualifikation vieler, vor allem älterer, Erzieherinnen und Erzieher weit hinter dem Stand der Forschung hinterher.

Ein Großteil des Fundaments späterer Bildungserfolge wird aber bereits im Vorschulalter gelegt. Deswegen muss die Zuständigkeit für die Kinderbetreuung überall von den Sozial- auf die Bildungsministerien übergehen, damit Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungen enger miteinander vernetzt werden können. Die derzeit allerorts für höhere Löhne streikenden Erzieherinnen brauchen außerdem echte Aufstiegschancen, damit sich ihr Einkommen verbessern kann. Der Erzieherberuf muss mitnichten voll akademisiert werden. Aber für die Leitungspersonen in Betreuungseinrichtungen muss das Angebot an Hochschulbildung ausgeweitet werden.

2. Schulwettbewerb schafft Qualität

Die Grundidee des Bildungsföderalismus ist goldrichtig. In einem Wettbewerb der Systeme stehen unterschiedliche Ideen miteinander in Konkurrenz. Aber Hand aufs Herz: Wie viele Eltern haben tatsächlich die Möglichkeit, ihren Wohn- und Arbeitsort nach der Bildungspolitik auszusuchen, die momentan in der einen oder anderen Landeshauptstadt betrieben wird?

Deshalb sollten nicht ganze Länder, sondern einzelne Schulen miteinander im Wettbewerb stehen. Nur dann kann sich beispielsweise die eine Schule auf eine musisch-künstlerische Ausbildung fixieren, während in der Nachbarschule vor allem die Naturwissenschaften in den Vordergrund gestellt werden. Neben der Profilbildung kümmern sich die Schulen selbst um Organisation, Budget und Personal. Schüler und Eltern können eigenständig entscheiden, welches Schulmodell sie am meisten überzeugt. Das wäre Wettbewerb, der zu einem Mehr an Qualität führt.

3. Bildungsrahmen auf Bundesebene

Je mehr Wettbewerb auf der Ebene einzelner Schulen herrscht, umso stärker kann das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich bestehen. Um trotzdem gute Ergebnisse und deren Vergleichbarkeit zu sichern, müssen auf Bundesebene verbindliche Bildungsstandards festgelegt werden, an denen sich die Schulen orientieren können. Dies kann im Rahmen eines Staatsvertrags zwischen den Bundesländern geschehen oder aber durch ein Bundesgesetz mit Öffnungsmöglichkeiten für regionale Besonderheiten.

Dafür müsste die Verfassung geändert werden. Manche befürchten, mit einer solchen Kompetenzverlagerung setze man die Eigenständigkeit der Länder aufs Spiel, weil ihnen dann außer bei Rundfunk und Polizei kaum noch etwas zur eigenen Regelung verbleiben würde. Die Lösung: Man gibt den Ländern zusätzliche Kompetenzen in einem anderen Bereich. So könnten sie beispielsweise über die Höhe eines Teils der Einkommensteuer selbst entscheiden und so mehr Gestaltungsspielraum in der Struktur- und Wirtschaftspolitik bekommen.

4. Mehr Geld ins System

Angesichts der Schuldenbremsen in den Landesverfassungen und der teuren Aufgabe der Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen fühlen sich viele Bundesländer mit der Finanzierung des Schulsystems überfordert. Doch gerade jetzt bedarf es massiver Investitionen in die digitale Ausstattung von Bildungseinrichtungen. Deswegen muss neben einem Bildungsrahmen auf Bundesebene auch über eine gemeinsame Anstrengung zur Finanzierung gesprochen werden.

Entweder die Länder verpflichten sich in einem Staatsvertrag zu bestimmten Ausgaben für Bildung und werden dazu vom Bund bezuschusst, oder das Kooperationsverbot wird aus dem Grundgesetz gestrichen. Es legt seit der Föderalismusreform fest, dass der Bund sich nicht mit finanziellen Mitteln an der Bezahlung des Schulsystems beteiligen darf. Das passt nicht mehr in die Zeit. Denn eine neue Anstrengung in der Bildungspolitik macht auch ein finanzielles Engagement aller staatlichen Ebenen notwendig.

5. Schluss mit der sterilen Schule

Allerorts wünschen sich Schüler mehr Praxisrelevanz im Unterricht. Doch viele Lehrerinnen und Lehrer haben noch immer große Hemmungen, Außenstehende – etwa potenzielle Arbeitgeber – in die Schulen einzuladen und in ihren Unterricht einzubinden. Dabei wäre das für alle ein großer Gewinn. Die Schüler könnten von den Praktikern unmittelbar lernen und frühzeitig erste Kontakte knüpfen. Die Lehrer würden ab und an mit neuen Aspekten aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Gesellschaft konfrontiert.

Unternehmen sowie Organisationen, die oft händeringend nach Nachwuchs suchen, könnten persönlich für sich werben. Ob eine Vorstellung von Ausbildungsberufen, ehrenamtlichen Initiativen oder auch eine verstärkte Einbindung politischer Akteure – Schule darf nicht aus falsch verstandener Vorsicht zur sterilen Veranstaltung verkommen. Denn das langweilt Schüler wie Lehrer gleichermaßen und baut unnötige Hürden auf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Katja Kipping, Christina Rauch, Johanna Wanka.

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