Die Konservativen sind die Pausenzeichen der Geschichte. Norman Mailer

„'Generation Porno' ist nur ein Marketingbegriff“

In Deutschlands erstem und einzigem Archiv für Jugendkulturen sammelt Klaus Farin seit mehr als zehn Jahren alles, was den vermeintlich pöbelnden, vernetzten und pornografischen Nachwuchs der Republik beschreibt. Es wird klar, dass grobe Schlagworte die deutsche Jugend kaum erfassen können. Das Interview führten Franziska Prinz und Anna Nosthoff.

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The European: Herr Farin, Sie sind Leiter des Archivs der Jugendkulturen. Aus welcher Intention heraus haben Sie das Archiv gegründet? Was genau verbirgt sich dahinter?
Farin: Schon als Journalist hatte ich mich auf Jugendkulturen spezialisiert und schnell gemerkt, dass die Medien häufig sehr klischeehaft, undifferenziert und meist nur negativ über Jugendkulturen berichten. Zudem gab es nur wenige Möglichkeiten, zu recherchieren und sich zu informieren. Und weil die Jugendkultur in Deutschland so schlecht erforscht ist, kam mir schließlich die Idee, selbst einen Verein zu gründen und eigenständig das Archiv der Jugendkulturen zu starten. Mein Ziel ist es, differenzierte Informationen über Jugendkulturen zu sammeln, zu analysieren, aufzubereiten und der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung zu stellen.

The European: Sehen Sie sich dementsprechend als Vermittlungsinstanz zwischen Gesellschaft und Jugendkulturen?
Farin: Ich glaube, Übersetzer trifft es ganz gut. Wir versuchen das, was es an Jugendforschung gibt – die ja in der Regel nicht wirklich „lesbar“ ist und die nur wenige Insider kennen –, zu übersetzen und zu vermitteln. Häufig sind es Berufsgruppen wie Lehrer und Sozialarbeiter, aber auch Eltern und die Polizei, die hiervon profitieren können. In letzter Konsequenz geht es dabei natürlich immer um Toleranz, die man den Jugendlichen und ihren Befindlichkeiten entgegenbringen sollte.

The European: Haben Sie denn eine eigene, ganz persönliche Definition von Jugendkultur?
Farin: Wie alle sozial- und geisteswissenschaftlichen Begriffe ist das zunächst ein sehr schwammiges Terrain. Allein die Bezeichnung “Jugend“ ist schon unklar. Jugend ist heute alles zwischen 13 und 30. Und auch Kultur lässt sich nur recht allgemein umreißen: Letztlich bezeichnet sie all das, was vom Menschen geschaffen wurde und nicht biologisch ist. Für uns sind Jugendkulturen also Szenen oder Gemeinschaften informeller Art, in denen sich Gleichgesinnte treffen. Ihre Identifikation mit der Gruppe drücken die Jugendlichen auch meistens dadurch aus, dass sie den gleichen Stil pflegen und ähnliche Kleidung tragen.

“‘Generation Internet’ oder ‘Generation Porno’: Das sind alles nur Marketingbegriffe”

The European: Es gibt heute viel mehr Jugend- und Subkulturen als früher. Was für eine Rolle spielt da der Faktor Globalisierung?
Farin: Jugendkulturen waren eigentlich seit jeher globalisiert. Schon vor 30 Jahren sind die ersten Skins und Punks nach England gefahren, weil dort ja ihre Jugendkultur herkommt. Szeneleute haben immer schon mehr Freunde im Rest der Welt gehabt als in der eigenen Schulklasse. Solche Szenen sind eigentlich immer weltweite Jugendkulturen und immer hybride Gewächse, die nicht nur in einem Land, sondern durch das Zusammenspiel vieler Länder entstehen. Insofern haben Jugendkulturen die Globalisierung schon im positiven Sinn vorweggenommen. Die Neuen Medien haben diesen Effekt natürlich nochmals verstärkt. Allein durch das WWW und dessen soziale Netzwerke hat jeder Heranwachsende den direkten Anschluss an die große Szene.

The European: Was halten Sie dann von der Klassifizierung der Jugend als “Generation Internet”?
Farin: Wenn man eine gesamte Generation auf eine einzige Eigenschaft reduziert, beispielsweise zur “Generation Internet” oder “Generation Porno”, so sind dies alles nur Marketingbegriffe. Eigentlich gibt es so etwas nicht, denn die Realität ist wesentlich vielfältiger und komplexer. Natürlich ist das Internet ein ganz selbstverständliches Kommunikationsmittel von Jugendlichen. Aber trotzdem haben sie ja auch noch andere Leidenschaften. Die einen trinken gern Bier und spielen Fußball; die anderen verkleiden sich gerne und lieben es, Konzerte zu besuchen. Diese Aufzählung ließe sich mühelos weiterführen.

The European: Nun sind Jugendkulturen im Verlauf der letzten Jahrzehnte ja sehr heterogen geworden. Glauben Sie, dass es irgendwann wieder eine Tendenz zur Homogenität gibt?
Farin: Nein. Jugendkulturen sind da eben auch ein Trendsetter oder ein Seismograf für die gesellschaftliche Entwicklung. Und die geht spätestens seit den 90ern in Richtung Globalisierung. Oftmals entstehen neue Trends nach dem Crossover-Prinzip, also die Mischung verschiedener Szenen und Stile. Da gibt es Punk, da gibt’s Techno und dann kommt Prodigy – schon entsteht eine neue Subkultur. Der Mix ist zweifelsohne das Stilprinzip seit den 90er-Jahren und ich denke, dass Hip-Hop die letzte große und dominante Jugendkultur sein wird.

The European: Wie, glauben Sie, können Jugendliche sich heutzutage bemerkbar machen?
Farin: Es ist schwieriger, aber Jugendliche finden immer einen Weg. Es gibt bestimmte Tabus, die immer funktionieren. Da ist zum Beispiel das Spiel mit Nazisymbolen. Damit meine ich keine echten Rechtsextreme, sondern eben Leute, die wie die Punkszene damals damit spielen, um zu provozieren. Aber auch Themen wie Tod, Krankheit, Sex und Gewalt eignen sich immer noch, um Aufmerksamkeit zu erregen.

“Wenn wir alle wie Naomi Klein lesen und leben würden, so dürfte die Gesellschaft schnell zusammenbrechen”

The European: Würden Sie sich wünschen, dass es wieder mehr Protestbewegungen und Aufstände von Jugendlichen gibt?
Farin: Ende der 60er-Jahre waren es nur drei bis vier Prozent der Studierenden, die wirklich auf der Straße demonstriert haben. Heute redet jeder von den 68ern, aber wahrscheinlich gibt es heute mehr Beteiligung der Jugendlichen an Protesten als damals. Heute gehen etwa zehn Prozent der Jugendlichen mehr oder weniger regelmäßig demonstrieren. Das heißt, der Anteil an politisch tätigen Jugendlichen hat sich sogar mehr als verdoppelt. Es wird nur nicht mehr so wahrgenommen.

Wenn wir alle wie Naomi Klein lesen und leben würden, so dürfte die Gesellschaft schnell zusammenbrechen. Insofern ist es schon erstaunlich, wie viele Jugendliche sich überhaupt betätigen. Es ist auch mein Wunsch, dass sich mehr Jugendliche aktiv einbringen, denn ich wundere mich manchmal schon, wie friedlich junge Menschen sind. Wir haben heute die friedlichste Jugendgeneration seit dem Zweiten Weltkrieg. Vielleicht auch deswegen, weil die Jugend heute in einem sehr engen Korsett steckt, das wenig Freiraum erlaubt. Einfach mal nach dem Abi drei Jahre nichts außer Musik machen – das ging früher noch. Schon die 14-Jährigen müssen sich heute überlegen, welchen beruflichen Werdegang sie einschlagen wollen. Und dann erwarten viele noch rebellische Jugendliche. Unter diesen Bedingungen ist das fast zynisch.

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