Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

„Die Generation Y ist überhaupt nicht faul“

Der Jugend von heute wird gerne vorgeworfen, nicht zu wissen, was sie will. Kerstin Bund verteidigt im Gespräch mit Hannah Knuth ihre Generation und verrät, welche Vorbehalte sie verstehen kann.

The European: Frau Bund, Ihre Generation wird von Arbeitgebern und Medien gerne als Weichei-Generation beschrieben: unentschlossen, zögernd, faul.
Bund: Das ist ein Missverständnis: Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Werte wie Fleiß und Leistungsbereitschaft sind bei den Jugendlichen laut der neuesten Shell Jugendstudie so stark ausgeprägt wie selten zuvor. Allerdings ist diese Generation nur bedingt leistungsbereit: Sie ist bereit, sich total ins Zeug zu legen, möchte aber wissen, wofür.

The European: Wie entsteht dann dieser Eindruck?
Bund: Das liegt daran, dass viele Manager ganz andere Karrieremuster kennengelernt haben. Sie haben selbst vor allem die klassische Kaminkarriere durchlebt, bei der man unten anfängt und sich Stufe für Stufe nach oben arbeitet. Heute werden viel eher Treppen- und Mosaikkarrieren eingeschlagen.

The European: Was meint das?
Bund: Bei der Treppenkarriere steigt man für eine bestimmte Zeit aus, etwa für die Elternzeit oder ein Aufbaustudium. Bei der Mosaikkarriere wird zwischendurch der Arbeitgeber oder sogar die Branche gewechselt.

The European: Es stimmt also in gewisser Weise, dass der Generation der letzte Biss fehlt.
Bund: Für viele junge Leute ist es nicht mehr das höchste Ziel, eine Führungsposition zu haben. Es gibt immer mehr Menschen, die sich eines Tages nicht nur noch mit Personalfragen und Urlaubsanträgen beschäftigen wollen. Vor allem für die Manager der Baby-Boomer-Generation kann das so wirken, als wollten die jungen Leute gar nicht mehr richtig arbeiten.

The European: Wenn nun kaum noch jemand Führungskarrieren anstrebt – wer führt denn dann, wenn es so weit ist?
Bund: Wenn Unternehmen weiterhin so organisiert sind wie im Moment, laufen wir Gefahr, dass es irgendwann zu Führungslosigkeit kommt. Führung kann aber auch anders organisiert werden. Zum Beispiel durch Doppelspitzen. Diese Art von „Job Sharing“ macht aus der Führungsposition Teilzeitarbeit.

The European: Die Institution „Chef“ wird aber auch die Generation Y immer brauchen.
Bund: Nicht unbedingt. Es gibt die Möglichkeit, je nach Projekt eine Führungsperson zu suchen. Dadurch delegiert man mehr Verantwortung an die Einzelnen. Solche Konstellationen kommen der Generation Y viel mehr entgegen: gemeinschaftliches Führen, Arbeiten im Team und flache Hierarchien.

„Selbstbestimmt und selbstbewusst“

The European: Sind das die neuen Merkmale der Generation?
Bund: Ihr Statussymbol ist die Selbstbestimmung. Sie will selbst entscheiden, wann, wie und wo sie arbeitet.

The European: Für alle funktioniert das nicht.
Bund: In erster Linie gilt das für wissensbasierte und kreative Berufe – die Bäckereiverkäuferin etwa kann das nicht einfordern. Sie muss ihre Brötchen in einer vorgegebenen Zeit an einem vorgegebenen Ort verkaufen. Worauf aber die gesamte Generation Wert legt, ist Feedback. Das bedeutet nicht, dass die jungen Leute immer nur gelobt werden wollen. Doch sie wollen individuell geführt werden, viele von ihnen erwarten, dass der Arbeitgeber stark auf ihre jeweilige Lebensphase eingeht. Die eine geht in Elternzeit, der andere kümmert sich um die kranke Mutter. Gerade für junge Mütter und Väter ist das eine wichtige Bedingung. In Umfragen geben viele an, dass ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sogar wichtiger ist als ein hohes Gehalt.

The European: Woher nimmt die Generation Y die Macht, diese Forderungen zu stellen?
Bund: Sie hat einen Trumpf in der Hand, der früheren Generationen vorenthalten ist: der Trumpf der Demografie. Die Macht der Knappheit in einem Land, dem allmählich die Fachkräfte ausgehen. Dadurch verändert sich das Abhängigkeitsverhältnis. Früher hatte der Arbeitgeber die Qual der Wahl, heute muss er um Fachkräfte kämpfen. In einigen Branchen kann der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber heute schon auf Augenhöhe begegnen und im Vorstellungsgespräch individuelle Ansprüche stellen. Ingenieure, Computerspezialisten, Physiker oder Chemiker haben tatsächlich die Macht, zu sagen: „Wenn ihr mir nicht das Arbeitsumfeld bietet, das ich gerne hätte, bin ich weg.“

The European: Hat deswegen auch vor der Generation Y niemand solche Forderungen gestellt?
Bund: Ja, das Bedürfnis, anders zu arbeiten, gab es auch früher schon, aber ältere Arbeitnehmer haben sich häufig nicht getraut, ihre Wünsche so lautstark einzufordern, wie es diese Generation nun tut. Es gibt aber noch mehr Gründe, warum diese Generation so selbstbewusst auftritt.

The European: Welche?
Bund: Das hat damit zu tun, wie sie aufgewachsen ist: Als Kinder durften sie schon früh mitentscheiden, wohin die Familie in Urlaub fährt oder welches Auto gekauft wird. Sie haben gelernt, dass ihre Meinung Gewicht hat, das erwarten sie jetzt auch in den Unternehmen. Es liegt ebenso an ihrer Sozialisation im Internet. Die Generation ist mit der Gewohnheit aufgewachsen, zu jeder Zeit auf alle Informationen zuzugreifen, das überträgt sie auf ihre Arbeitsorganisation. Warum sollte man bei einem Anliegen dem obersten Chef nicht direkt eine E-Mail schreiben?

The European: Sind diese Bedürfnisse denn neu?
Bund: Das war die größte Überraschung während meiner Recherche. Ich dachte, die Generation Y will wirklich alles anders machen, das stimmt aber gar nicht: Auch die älteren Arbeitnehmer wünschen sich mehr Feedback, mehr Entwicklungsmöglichkeiten, mehr Abwechslung und flachere Hierarchien. Audi hat Facharbeiter von Jung bis Alt befragt: Es zeigten sich dieselben Bedürfnisse.

„Verwöhnt und konservativ“

The European: Wie muss die Wirtschaft beschaffen sein, um den Anforderungen gerecht zu werden?
Bund: Die Unternehmen müssen sich sehr stark verändern, um diesen Wandel zu unterstützen. Sie müssen flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten und sich für alternative Karrierewege öffnen. Es müssen Experten- und Projektlaufbahnen gefördert werden, damit auch diejenigen, die keine Führungsposition anstreben, sich weiterentwickeln können. Das nützt nicht nur den Arbeitnehmern. Studien zeigen, dass jemand, der autonom arbeitet und Verantwortung trägt, viel motivierter und engagierter ist. Er hat das Gefühl, er kann etwas beeinflussen und ist zugleich frei in seiner Arbeit.

The European: Auf welcher Stufe befinden sich die Unternehmen im Moment?
Bund: Am Anfang. Aber das ist sehr branchenabhängig: Es gibt schon fortschrittliche Unternehmen wie Microsoft und Bosch, die flexible Arbeitszeiten anbieten und verschiedene Karrierepfade fördern.

The European: Wie sieht das konkret aus?
Bund: Bosch machen gerade zum zweiten Mal den Versuch, Teilzeitmodelle für ihre Manager auszuprobieren. Nach dem ersten Mal hatten sich 80 Prozent der Führungskräfte für eine Fortsetzung des Teilzeitmodells entschieden. Wenn es gelingt, Führungskräften die Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf zu ermöglichen, werden diese Positionen auch attraktiver für Frauen. Die sind heute häufiger als Männer noch davon abgeschreckt, dass sie in Führungspositionen der Karriere alles unterordnen müssen.

The European: Ist die Grenzenlosigkeit, mit der die jungen Leute seit ihrer Kindheit aufgewachsen sind, auch ein Problem?
Bund: Sie ist eine Gefahr. Ich kann gewisse Vorbehalte gegenüber der Generation Y verstehen: Sie ist eine verwöhnte Generation. Trotzdem ist die Veränderung, die sie anstößt, eine Veränderung zum Guten.

The European: Was ist denn genau das Problem der Generation?
Bund: Sie wächst mit unzähligen Optionen auf. Es stehen so viele Türen offen, dass man nicht weiß, durch welche man hindurchgehen soll – es könnte ja gerade die falsche sein. Das führt dazu, dass die Generation zögert, zaudert und unentschlossen ist. Sie beruft sich sehr stark auf Sicherheit. Die Generation ist total konservativ, wenn es um Familie und Freunde geht – also um einen festen Anker.

The European: Woraus resultiert diese traditionelle Einstellung?
Bund: Aus einer Welt, die immer unsicherer wird. Die Generation Y ist in der Wahrnehmung mit ständigen Krisen groß geworden. Seit dem 11. September kennt man nichts als Krise: Afghanistankrise, Irakkrise, Bildungskrise, Klimakrise, Eurokrise, Schuldenkrise. Alles ist im Umbruch – und womöglich konzentriert man sich deshalb wieder auf traditionelle Werte.

„Pragmatisch und ideologiefrei“

The European: Blickt man auf vergangene Generationsideale zurück, so waren diese immer verbunden mit Protesten, mit Bewegungen, mit Lautstärke. Wie erklären Sie sich, dass die Generation Y so lautlos ist?
Bund: Sie ist eine sehr pragmatische und ideologiefreie Generation. Sie ist zwar durchaus politisch, nur drückt sich politisches Engagement heute ganz anders aus. Alles, was nach bürokratischen Strukturen – wie Verbänden und Parteien – riecht, ist für die jungen Leute abschreckend. Wenn man politisches Engagement nach Parteibuch, Trillerpfeife und dem Verteilen von Luftballons auf Wochenmärkten gleichsetzt, dann ist diese Generation tatsächlich unpolitisch. Blickt man aber in die sozialen Medien, sieht man, was für politische Akzente sie setzen kann. Der Arabische Frühling, die Gezi-Proteste, die Occupy-Bewegung: Das alles sind Bewegungen, die von jungen Leuten über soziale Medien organisiert wurden.

The European: Allerdings verschwinden viele der Proteste auch genauso schnell wieder von der Oberfläche.
Bund: Das stimmt. Die jungen Leute engagieren sich lokal und projektbezogen. Man setzt sich nicht mehr über 20 bis 30 Jahre für eine Sache ein. Wenn es ein akutes Problem oder einen Missstand gibt, dann wird auf die Sache aufmerksam gemacht. Danach zieht man weiter.

The European: Es fehlt vielleicht die Ausdauer.
Bund: Das kann man so auslegen, es passt aber auch in eine beschleunigte Welt, in der alles ständig im Wandel ist und nichts von Dauer zu sein scheint.

The European: Auch beim neuen Rentenbeschluss gab es keinen Aufschrei.
Bund: Darüber habe ich mich persönlich total aufgeregt. Es gab überhaupt keine Proteste gegen die Rentenpläne, die ja eine totale Belastung für die jüngere Generation darstellen! Das liegt wahrscheinlich daran, dass die 20- bis 30-Jährigen denken, sie hätten von der Rente eh nichts mehr zu erwarten. Das ist der falsche Weg – irgendwo muss man schließlich anfangen.

The European: Womit sollte man beginnen?
Bund: Mehr junge Leute sollten in den Bundestag kommen, der Generation fehlt die Lobby. Die Jungen sollten sich nicht nur für ihre persönlichen Interessen im Job engagieren, sondern auch für gesellschaftliche Ziele. Der Unterschied ist, dass diese Generation nicht kollektiv organisiert ist, wie es die 68er waren. Es sagt niemand mehr: „Wir müssen zusammen auf die Straße gehen.“ So ist niemand aufgewachsen, so ist unsere Welt heute nicht mehr. Es gibt keine krassen Gegensätze mehr, über die man sich identifiziert. Heute gibt es so viele Subkulturen, dass ein einziger identitätsstiftender Erfahrungshintergrund nicht mehr existiert.

Kerstin Bund
Glück schlägt Geld – Generation Y: Was wir wirklich wollen

Murmann Verlag
ISBN: 978-3-86774-339-6
Preis: €19,99
Cover Kerstin Bund Glück schlägt Geld

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