The European: Worum geht es bei Ihrem Projekt?
Lucey: Wir, die Solar Sisters, sind ein soziales Unternehmen und arbeiten an der grünen Energierevolution. Dabei setzen wir auf Frauen als Unternehmer. Hierfür liefern wir Solaranlagen, Solarladegeräte und andere Geräte zur sauberen Energieerzeugung ins ländliche Afrika. Unser Netzwerk besteht, wie gesagt, ausschließlich aus Frauen, die für uns arbeiten und unsere Produkte in ihrem Dorf verkaufen. Dank der Einnahmen profitieren sie direkt und wir bauen unser Netzwerk aus Unternehmerinnen aus.
The European: Ihr Konzept erinnert an das des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus. Auch er setzt auf den Geschäftssinn und die Verlässlichkeit der Frauen. Ist es nur Zufall, dass sie beide ursprünglich aus dem Bankensektor stammen?
Lucey: Das stimmt, auch ich habe früher für eine Bank gearbeitet. Für unsere Kooperation mit Frauen gibt es eine Menge Gründe. Mit den Augen einer Bänkerin gesehen, hat der Energiemarkt die Form einer Pyramide, an deren breitem Fundament die privaten Haushalte stehen, die allein in Afrika jährlich eine Billion US-Dollar für Energie ausgeben. Hinter diesem Geld stecken vor allem Frauen – sie verwalten das Einkommen der Familie und geben es täglich für kleine Mengen Kerosin aus. Hier setzen wir an, diesen täglichen Erwerb möchten wir unterbrechen. Die Frauen sollen sich für Solar statt für Kerosin entscheiden.
Entscheidend ist, dass diese am Markt orientierte Revolution ganz unten beginnt. Deshalb haben wir uns für Frauen als Zielgruppe entschieden. Sie setzen die neue Technik im Haushalt ein, also können sie die Produkte auch vermarkten. Sie sind außerdem sozial vernetzt und wissen, in welchen Haushalten die Solarlampen gebraucht werden. Und deren Vorteile sind groß: Sie sind sauberer, sicherer, die Kinder verbrennen sich nicht mehr und müssen auch nicht den Qualm einatmen.
„Wir leben alle unter derselben Sonne“
The European: Mit Blick auf die finanzielle Situation ostafrikanischer Familien stellt sich die Frage, wie eine solche Investition, so sinnvoll sie sein mag, möglich ist.
Lucey: Die Menschen sparen doch Geld! Jedes Jahr geben sie mehrere Hundert US-Dollar für Kerosin aus, einen Anschluss an das normale Stromnetz haben die meisten Dörfer ja nicht. Durch eine einfache Solarlampe für 20 US-Dollar können sie dieses Geld einsparen. Sie können es investieren, etwa in Bildung, Ernährung oder eine bessere medizinische Versorgung.
The European: Sie sagen, Sonnenlicht sei eine demokratische Energiequelle. Betrachtet man den Prozess der Emanzipation, den Frauen ihren Familien damit ermöglichen, erfährt diese Aussage eine interessante Bedeutung.
Lucey: Demokratisch bedeutet in erster Linie, dass die Energie für alle Menschen frei verfügbar ist. Wir leben alle unter derselben Sonne. Der Zugang zu ihr ist frei, er muss nicht erst gefördert, kontrolliert oder vertrieben werden. Es spielt auch fast keine Rolle, wo auf der Welt ein Mensch lebt. Deshalb ist das Sonnenlicht demokratisch.
The European: Das Verhältnis der Menschen zu Geld unterscheidet sich in afrikanischen Kulturen oft von unserem europäischen Verständnis. Wer nicht weiß, was ihn am nächsten Tag erwartet, gibt Geld aus und spart es nicht. Wie etabliert man in einem solchen Umfeld den Gedanken, auf eine Solarlampe zu sparen?
Lucey: Das stimmt. In weiten Teilen Afrikas unterscheidet sich das Verhältnis der Menschen zum Geld von unserer Auffassung. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass der Nutzen durch den Einsatz von Solarlampen so unmittelbar einleuchtend ist, dass hierfür auch gespart wird. Bedenken Sie: Diese Lampen halten bis zu zehn Jahre! Interessanterweise sind es besonders die armen Menschen, am Fuß der Einkommenspyramide, die das besonders gut verstehen.
Hinzu kommt, dass diese Menschen kein regelmäßiges Gehalt beziehen – etwa in Form eines Lohnschecks. Oft bekommen sie einmal 100 US-Dollar und dann wochenlang nichts. Sobald dieses Geld da ist, kann eine strategische Investition bereits mittelfristig Geld sparen. Auch hier zahlt sich aus, dass unsere Unternehmerinnen ihr soziales Umfeld genau kennen. Sie wissen genau, wer gerade Kaffee geerntet hat und deshalb über Geld verfügt. Gezielt suchen sie diese Leute auf und verkaufen ihnen die Solarlampe, auf die sie vielleicht schon Wochen oder Monate gewartet haben.
„Die Klimaerwärmung wird jene Menschen am härtesten treffen, die es sich am wenigsten leisten können“
The European: Ihr Projekt befähigt die kleinen Leute, etwa länger zu lesen oder die Kinder, länger für die Schule zu lernen. Sie scheinen etwas zu schaffen, was der klassischen Entwicklungshilfe nicht immer gelingen mag: Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen.
Lucey: Es ist in der Tat eine Graswurzelbewegung. Wir geben den Menschen die Möglichkeit zu wählen. Wir ermöglichen ihnen, sich selber für eine sichere, saubere und umweltfreundlichere Welt einzutreten. Die Menschen müssen nicht mehr darauf warten, dass die Regierung oder eine NGO kommt und ihre Probleme für sie löst – sie können ihre Probleme nun auch aus eigener Kraft anpacken. Und ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch das Verlangen hat, seine Probleme selber lösen zu können und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir geben diesen Menschen ein Stück Selbstbestimmung.
The European: Derzeit tagt der Weltklimagipfel im südafrikanischen Durban. Subsahara-Afrika wird von der Klimaerwärmung besonders stark betroffen sein. Es drohen Dürren, die besonders die ärmsten Länder vor große Probleme stellen. Welche Anstrengungen wünschen Sie sich von den Gipfel-Teilnehmern?
Lucey: Wir müssen aufhören zu reden und handeln. Die Klimaerwärmung wird jene Menschen am härtesten treffen, die es sich am wenigsten leisten können. Das sind die Menschen in Subsahara-Afrika im Allgemeinen und die Frauen und Kinder im Speziellen. Sie haben kaum Hab und Gut, sind auf die lokale Landwirtschaft angewiesen, haben keinen Zugang zu Ressourcen und können auch nicht umziehen. Es wird höchste Zeit, zu handeln und sicherzustellen, dass Regierungen, Unternehmen und jedes Individuum gemeinsam gegen den Klimawandel vorgehen.
The European: Haben die Menschen, mit denen Sie arbeiten, eine Vorstellung von dem, was da auf sie zukommt?
Lucey: Auf jeden Fall. Sie verwenden andere Begriffe, aber die Folgen der Umweltzerstörung und Klimaerhitzung erleben sie täglich. Die Bauern merken, dass sich die Saison-Zeiten verschieben, dass sie kürzer werden und es nur noch eine statt zwei Regenperioden gibt. Sie sehen all das direkt vor ihrer Haustür, viel stärker, als wir das in unseren klimatisierten Büros tun. Was für uns eine Theorie bevorstehender Ereignisse ist, ist für diese Menschen, die Bauern in Afrika, bereits Gegenwart.












