Seit den Sechzigerjahren sind die Geburtenraten in großen Teilen Asiens bemerkenswert gesunken. In China ist die Geburtenzahl von sechs auf 1,5 Geburten pro Mutter drastisch gefallen. In einer Kultur, in der Söhne eine hohe soziale und wirtschaftliche Bedeutung haben, führte das Zusammenwirken von Kultur, Technik und dem neuen Druck, die Familiengröße durch die staatliche Ein-Kind-Strategie zu begrenzen, zu unvorhergesehenen, ungünstigen Konsequenzen. Mädchen, vor allem Zweit- und Drittgeborene, „verschwinden“ in der Gesamtbevölkerung – entweder weil sie die ersten Jahre wegen Kindesmordes oder indirekter Vernachlässigung nicht überleben, oder weil sie vor der Geburt entfernt werden, da der Ultraschall eine selektive Abtreibung ermöglicht. Während vorher die Vorliebe für Söhne die Eltern dazu veranlasste, das Kinderkriegen weiter zu verfolgen, bis sie mindestens einen Sohn hatten und somit die Gesamtfolgen für die Bevölkerung gedämpft wurden, verschärfte die Ein-Kind-Politik die Wirkung einer alten kulturellen Präferenz, die in einem zunehmend verzerrten Geschlechterverhältnis endete. Heutzutage zeigen die Zahlen der chinesischen Regierung, dass pro 100 Mädchen 118 Jungen geboren werden, 15 Prozent mehr als die zu erwartende natürliche Basis.
Soziale Instabilität durch Frauenmangel
Auch wenn die Bevölkerungspolitik in Indien die kleine Familie als Standard unterstützt, ohne strenge Geburtenbeschränkungen vorzugeben, gibt es eine ähnliche Geschichte aus dem Nordwesten von Indien. Studien zeigen, dass es oft die Städter und gebildeten Bürger sind, die die meisten Söhne haben, was auf den ausgedehnten Gebrauch der selektiven Abtreibung hinweist, die zwar illegal, aber weitverbreitet ist. Frühe Formen der Vernachlässigung in Form von ungleichem Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung, die den vorzeitigen Tod verursachen, überwiegen dennoch auf dem Land.
In letzter Zeit hat der Mangel an Frauen zu einem Engpass auf dem Heiratsmarkt geführt und aus Gegenden mit zunehmend verzerrten Geschlechterverhältnissen wurde von Fällen wie illegalem Handel, Entführung und Verkauf von Frauen berichtet. Sozialwissenschaftler warnen vor der erhöhten Gefahr von Gewaltverbrechen und sozialer Instabilität, die aus dem Vorhandensein einer großen und wachsenden Anzahl unverheirateter, junger sozioökonomisch gefährdeter Männer entsteht.
Maßnahmen gegen pränatale Geschlechtsbestimmung
Trotz der abweichenden Bevölkerungspolitiken hat der gemeinsame Schwerpunkt von Indien und China, die Reduzierung der Geburten als Entwicklungsziel, ohne die Ursachen für die Großfamilien zu bekämpfen, schwerwiegende Konsequenzen für Mädchen und Frauen. Söhne fungieren in der Abwesenheit von soliden, institutionalisierten Sozialwesen für die meisten Familien als Möglichkeit für soziale Mobilität und Altersvorsorge, insbesondere für die Armen. Außerdem vermindert die zunehmende Verstädterung alternative Netzwerke wie Großfamilien und Dörfer verstärken die Sohn-Eltern-Versorgungskultur.
Soziale Maßstäbe ändern sich langsam, aber die Politik kann die nötigen Anstupser bieten, die die zugrunde liegenden Konflikte entwirrt, die die Maßstäbe verschärfen. In beiden Ländern hat der demografische Mangel an Frauen das politische Interesse auf sich gezogen, aber der Schwerpunkt liegt auf Strafmaßnahmen, legale Mittel um die pränatale Geschlechtsbestimmung zu verbieten. Diese schmale Annäherung macht weder die Söhne entbehrlich noch wird die Position der Töchter gestärkt; stattdessen macht es die Abtreibung zwingender und beschränkt die Kontrolle der Frauen über ihre Schwangerschaft. Die Lösung ist keine aggressivere Politik sondern eine Politik, die anerkennt, dass die Geburtenrate in eine komplexe Rechnung aus Erwartungen und Unsicherheiten eingeschlossen ist. Der Notwendigkeit von Menschenrechten, die sich auf Bevölkerungspolitik konzentrieren und die Geschlechtergleichstellung in den Mittelpunkt stellen, ist höher denn je zuvor.






















Ein weiterer Grund für die Geschlechterschieflage ist die Mitgift, die Familien mit Töchtern stark belasten kann. Aber das scheint sich – einigen Medienberichten zufolge – zu ändern. Vermutlich muss in Gesellschaften, denen es an Frauen fehlt, bald ein Brautpreis bezahlt werden. Mindestens aber müsste dem weiblichen Teil der Bevölkerung höher Respekt gezollt werden. Mädchen und ihre Eltern in solchen Ländern haben gute Chancen, das zu ihren Gunsten verrutschte Geschlechterberhältnis zu nutzen und somit zu einem Wandel beizutragen.
Schlechte Sozialpolitik mag ein Grund für die Schieflage in solchen Gesellschaften sein – aber von überkommenen Traditionen muss sich eine Gesellschaft von selbst lösen, Politik allein richtet da wenig aus. Ich bezweifle jedenfalls, dass man Frauenfeindlichkeit durch die Einführung einer Rentenversicherung beseitigen kann. Durchaus aber könnten Töchter Mitverantwortung für die Versorgung der alternden Eltern übernehmen – wenn man ihnen denn Bildung, Berufsausübung und Emanzipation von der Familie des Bräutigams zugestehen würde. Hoffentlich ist der Frauenmangel eine lehrreiche Erfahrung.