Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Zu neuen Ufern

Hochwasserschutz beginnt bei der Landschaftsplanung. Dass Flüsse über die Ufer treten, ist nicht zu verhindern. Darum sollten wir vor allem die vielerorts umfunktionierten Flussauen respektieren, denn sie sind natürliche Überschwemmungsgebiete.

Den Opfern der Flutkatastrophen in Mitteleuropa gebührt unser tatkräftiges Mitgefühl. Wer nicht direkt helfen kann, sollte mit Spendenbeiträgen den Wiederaufbau unterstützen. Aber wie sollte dieser aussehen? Und wie können wir uns in Zukunft vor Katastrophen dieses Ausmaßes besser schützen?

Die Deiche werden nie hoch genug sein. Es wird immer wieder den „perfect storm“ geben, bei dem auf wassergesättigte Böden noch eine Starkregenphase kommt, wie gerade geschehen. Unsere Gesellschaft ist für die einfache Tatsache blind geworden, dass wir in einer den Naturgesetzen unterworfenen, dynamischen Umwelt leben, die wir nie vollständig kontrollieren werden.

Die Bevölkerung wächst, der vorhandene Platz und die natürlichen Ressourcen aber nicht, dennoch bauen wir weiter wie bisher (bis wir an die Flussufer kommen). Wir müssen einsehen, dass wir uns nur vor der Flut schützen können, in dem wir ihre natürlichen Mechanismen für uns nutzen, anstatt sie zu bekämpfen.

Überschwemmungen sind natürliche Phänomene

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung besteht ein Fluss eben nicht nur aus seinem Niedrigwasserbett mit etwas Wasser darin, sondern er ist ein von Natur aus dynamisches System, in dem die Kraft des Wassers die Sedimente immer wieder umlagert und damit sein Überschwemmungsgebiet, die Aue, ständig verändert. Das jährliche Muster der Wasserführung, der Flutpuls, variiert von Jahr zu Jahr, und damit auch die überschwemmte Fläche.

Diese Dynamik macht Auegebiete einerseits fruchtbar, andererseits ist sie der Schlüssel für eine sehr hohe Biodiversität. Auch für den Nährstoff- und Kohlenstoffhaushalt sind Auen regelrechte „hot spots“.

Uns fehlen 80 Prozent Überschwemmungsgebiete

Traurige Bilanz: Über 80 Prozent der Auegebiete in Deutschland sind „Gewässerkorrektur“-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Die natürliche Dynamik wurde durch ein Korsett aus Kanälen und Stauwehren stillgelegt. Die Sedimente kommen nicht mehr stromabwärts und die Lachse nicht mehr hinauf.
Mit der Politik, das Wasser schnellstmöglich aus der Landschaft zu schaffen, haben wir nach den Hochwässern schon der nächsten Katastrophe den Weg bereitet, die ebenfalls durch den Klimawandel verschärft wird: dem Wassermangel bei längeren Trockenphasen.

Gleichzeitig mit der Biodiversität in den Flüssen verliert die Menschheit die globale Versorgungssicherheit mit Wasser, wie ein „Nature“-Artikel aus dem Jahr 2010 zeigt. Es geht also um unser eigenes Lebenserhaltungssystem. Was ist zu tun?

„Espace de liberté“ – Platz für die Flüsse

Es bedarf einer großen Anstrengung, vor allem aber der Überzeugung, das Einzugsgebiet des Flusses zur Grundlage der Landschaftsplanung zu machen. Historisch bildeten Flussläufe die Grenzen von Territorien, in Zukunft sollten sie genau in deren Mitte liegen, das würde die Planung stark vereinfachen.

„Espace de liberté“ – „Platz für die Flüsse“, fordern Wissenschaftler und versprechen die Bundesregierungen der letzten drei Jahrzehnte, geschehen ist allerdings relativ wenig.
Der Hochwasserschutz muss am ganzen Fluss ansetzen. Das bedeutet, von den Oberläufen ausgehend die Uferbereiche weitestgehend aus der Nutzung herausnehmen, und Auen wieder Platz für die natürlichen Wasserrückhaltung zu schaffen, um katastrophalen Hochwässern die Wucht zu nehmen.

Werte neu einschätzen

Auen reinigen das Wasser, liefern wertvolle Naturprodukte, und haben einen hohen Erholungswert. Hinzu kommt der Austausch mit dem Grundwasser, der unser Trinkwasser bereitet und vorhält. Auch sind sie perfekt dafür geeignet, für den Erhalt der Biodiversität Naturräume besser zu vernetzen, weil sie die Landschaft wie blau-grüne Adern durchziehen.

Die Aufgabe von kommerzieller Flächennutzung in der Aue wird also durch Ökosystemdienstleistungen kompensiert. Anstatt uns zu fragen: „Was kostet das?“ sollten wir uns eher fragen: „Was kostet es uns, wenn wir es nicht tun?“ (Die aktuellen Schäden werden gerade hochgerechnet). Eine natürliche Aue liefert uns den besten Schutz vor katastrophalen Hochwässern. Ihre Bäume bremsen Wasser und Schlamm, und sie reinigen und reparieren sich anschließend selbst.

Wenn der Nachbar zu Besuch kommt

Aber was machen wir im urbanen Bereich? – „Wer in der Nachbarschaft eines Flusses baut, sollte damit rechnen, dass ihn sein Nachbar regelmäßig besuchen kommt“, sagt ein altes Sprichwort. Dieses Risiko ist nicht versicherbar, daher sollten Überschwemmungsrisikogebiete – wenn überhaupt – dann nicht mehr konventionell bebaut werden. Das schreibt das Hochwasserschutzgesetz zwar vor, aber wie sieht die Realität aus?

Im ufernahen Bereich muss sich die Architektur der Natur anpassen, nicht umgekehrt. Schon vor über 4000 Jahren wussten die jungsteinzeitlichen Menschen am Bodensee, wie man auf Stelzen baut, und die Uferbewohner der großen Flüsse Südamerikas und Asiens leben noch heute mit dem Rhythmus von Überschwemmungs- und Trockenphasen. Sie haben sie noch, die Kultur der Flüsse. Wir brauchen sie wieder, mehr als je zuvor.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Magerl, Arnold Vaatz, Jürgen Stamm .

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