Wer die Linke wählt, kann gleich CDU wählen. Heiko Maas

„Techno ist mir völlig wurscht“

Mit Kraftwerk hat Karl Bartos die Musikwelt revolutioniert und die elektronische Musik maßgeblich geprägt. Stolz ist er darauf aber nicht. Mit Max Tholl sprach er über musikalischen Inzest, die Banalität von Techno, und die gute Nachricht der schlechten Nachricht.

The European: Herr Bartos, sowohl Cover als auch Klang Ihres aktuellen Albums „Off the Record“ erinnern sehr stark an Kraftwerk. Was hat Sie dazu bewegt, zur eigenen Vergangenheit zurückzukehren?
Bartos: Ein Bekannter, der Inhaber eines Plattenlabels ist, fragte mich, ob ich nicht noch Demo-Tapes von früher hätte. Auf mehrfaches Nachhaken, habe ich schließlich angefangen in meinen alten Sachen zu kramen und sie in den Computer zu transferieren. Die verschiedenen Daten und Jahreszahlen waren fast wie ein musikalischer Kalender. Die Daten sind ja gewissermaßen Bausteine meiner Klangbiographie. So kam es zum Album.

The European: War Ihnen bewusst, dass man das Album an den früheren Kraftwerk-Platten messen würde?
Bartos: (zögert kurz und zitiert aus „Die Fledermaus“) „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Manch einer wird es sicherlich mit den alten Kraftwerk-Platten in Verbindung bringen; da kann ich aber nichts dafür. Mein Leben ist halt begrenzt und ich bin dem biologischen Prozess des Alterns unterworfen und versuche das zu tun, was ich für richtig halte. Als ich in den 1970er-Jahren die Original-Tapes aufnahm, hatte ich ja keine Ahnung, dass das Leben endlich ist.

The European: Sie besaßen noch eine gewisse Naivität?
Bartos: Man macht in diesen prägenden Jahren vieles zum allerersten Mal. Heute läuft das alles viel routinierter bei mir ab. Ich kann die Musik und ihre Abstraktion heute besser analysieren. Damals hatte ich kein Gefühl dafür.

The European: Schwer vorstellbar, Kraftwerk gelten immerhin als eine der wichtigsten deutschen Bands und Vorreiter der elektronischen Musik.
Bartos: Das ist mir alles nicht bewusst.

The European: Sie sind sehr bescheiden.
Bartos: Ich empfehle an Woody Allen zu denken. Der wird ja auch für sein Lebenswerk bewundert, sagt aber: „It doesn’t help me with my life.“ Man kommt nicht weit, wenn man sich ständig auf die Schulter klopft. Kraftwerk hatten vielleicht zufälligerweise so eine historische Bedeutung, weil wir zur richtigen Zeit die richtige Musik gemacht haben. Dafür kann ich mich aber nicht selber heiligsprechen. Es hat keine große Bedeutung für mich und ich versuche es nicht allzu ernst zu nehmen.

The European: Geht das denn überhaupt?
Bartos: Natürlich. Man darf ja nicht vergessen, dass es viele Leute gibt, denen Kraftwerk gar nicht gefällt. Ich mach mir da aber nichts draus. Ich glaube auch nicht an positive Albumrezensionen.

The European: Warum nicht?
Bartos: Dann müsste ich ja auch an die schlechten glauben! (lacht) Man liest natürlich lieber die guten als die schlechten. Aber man liest sie. Alle. Jeder der das Gegenteil behauptet lügt. Die Frage ist allerdings, wie weit man den Kritikern glaubt und sich von ihnen beeinflussen lässt. Ob jemand Künstler ist, hängt ja maßgeblich davon ab, wie treu er sich trotz negativer Kritik bleibt und wie viel er aus dem Misserfolg lernen kann. Man lernt nicht vom Erfolg – nur vom Misserfolg. Das ist die gute Nachricht in der schlechten.

“Man kann die anderen nicht einfach kopieren”

The European: Was hat Sie in Ihrer Jugend dazu bewegt Musik zu machen?
Bartos: Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Bedeutung Musik für die Jugend der 1960er Jahre hatte. Es gab einen kulturellen Wandel und die Gesellschaft hat sich in vielerlei Hinsicht verändert und die Musik war das Medium dafür.

The European: Die Musik als Sprachrohr der Gesellschaft?
Bartos: Genau. Der amerikanische Blues-Gitarrist Chuck Berry hat erstmals geäußert, was die Jugend fühlte. Jemand wie Frank Sinatra war ja eher Interpret als Künstler. Die Beatles haben das gleiche in Europa getan: Der Jugend eine Stimme gegeben. Die Beatles haben aber etwas noch viel Wichtigeres getan: Sie haben die Musik und die Bildende Kunst unter einen Hut gebracht. Sie haben Musik-Kunst gemacht und das hat Kraftwerk gereizt.

The European: Trotzdem haben Kraftwerk sich klar von dem Musikstil der Beatles distanziert.
Bartos: Wir haben den Musikstil der Beatles nachgespielt, so wie die Beatles die Musik von Chuck Berry nachgespielt haben. Doch wir wollten unserer Musik unseren Stempel aufdrücken. Das ist ja schließlich der Grundgedanke der Kunst: Man kann nicht einfach die anderen kopieren, sondern muss selbst etwas erschaffen. Zudem war die Musik der Beatles ja keine deutsche Musik. Sie reflektierte nicht die Sichtweise eines Jungen aus Nordrhein-Westfalen.

The European: Tut die Musik von Kraftwerk das?
Bartos: Auf jeden Fall ein Stück weit. Kraftwerk reihten sich in die deutsche Musiktradition ein und versuchten, diese musikalisch zu analysieren. Es gab vor dem Zweiten Weltkrieg ja ein enormes Pensum an Kunst und Kultur hierzulande. Dann kamen die Nazis und haben das alles mit Füßen getreten. Die deutsche Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich ja sehr oft mit dieser grässlichen Zeit und dem Unheil, das wir über die Welt gebracht haben. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern.

The European: Warum nicht?
Bartos: Aus vielerlei Gründen. Aber ganz klar, weil es filmisch dokumentiert wurde. Das wird immer lebendig und in Erinnerung bleiben.

“Musik gehorcht nicht dem Diktat der Zeit”

The European: Kraftwerk, im Gegensatz zu vielen anderen Bands der 1960er-Jahre, scheuten nicht davor zurück, die deutsche Vergangenheit zu thematisieren. Es ging Ihnen damals darum, die Brücke zwischen den 1930er- und den 1960er-Jahren zu schlagen und so die kulturelle Lücke der Nazizeit zu füllen.
Bartos: Die 1920er- und 1930er-Jahre waren kulturell ein goldenes Zeitalter für Deutschland und das darf nicht in Vergessenheit geraten. Der Gedanke von Kraftwerk war es, in den Rückspiegel zu schauen, um in die Zukunft zu sehen.

The European: Das müssen Sie erklären.
Bartos: Die Musik die vielleicht in 20 Jahren spannend sein wird, wurde bereits vor 100 Jahren komponiert. Ein Stück wie „Le Sacre du Printemps“ das vor exakt 100 Jahren geschrieben wurde, wird auch noch in 100 Jahren modern sein. Wir nehmen Musik anders wahr als Mode. Musik gehorcht nicht dem Diktat der Zeit. Sie ist zeitlos.

The European: Was auch negative Folgen haben kann. Simon Reynolds kritisiert in seinem Buch „Retromania“ dass sich die heutige Musik so beharrlich an die Vergangenheit klammert – gerade weil der Sound der 1960er oder 1980er-Jahre auch heute noch Leute anspricht.
Bartos: Die Zeit der innovativen Popmusik – wie man sie seit den 1960er Jahren versteht – scheint vorbei zu sein, da gebe ich Ihnen Recht. Da wiederholt man sich ständig; hängt in der Warteschleife. Das liegt teilweise am Geld. Die Kreativität folgt dem Geld und das liegt heute anderswo.

The European: Und zwar?
Bartos: In der Filmbranche, zum Beispiel. Gerade die Vermischung von Film und Musik wird wieder intensiver. Nehmen Sie Quentin Tarantino oder die Cohen Brothers: Die benutzen oft alte Lieder um im Film etwas zum Ausdruck zu bringen, aber gleichzeitig ist die Botschaft im Film enthalten. Die Symbiose zwischen Musik und Film ist heute vielleicht stärker denn je.

The European: Aber trotzdem sind Film und Musik nach wie vor zwei unterschiedliche Medien.
Bartos: Nur auf den ersten Blick. Früher waren Popsongs akustische Filme. Frank Zappa schrieb auf seine Platten, dass diese als akustische Filme zu verstehen sind. „Macht die Augen zu und seht“ – das war das Konzept. Die Drogen waren natürlich nicht ganz unbeteiligt daran.

“Musik tröstet uns über unsere Sterblichkeit hinweg”

The European: Kommt es Ihnen nicht paradox vor, dass die Musik gerade heute, wo wir über Unmassen von neuer Musiktechnologie verfügen, kein neues Terrain mehr betritt?
Bartos: Sie versportlichen die Musik so wie die in den Castingshows das tun: Sie muss immer „besser“, immer erfolgreicher werden. Man misst Musik dann mit Wachstum. Aber Wachstum sagt nichts über die Qualität aus. Sie können unendlich viele neue Instrumente oder Technologien besitzen – der Musik wird das trotzdem nicht unbedingt zu Gute kommen.

The European: Mehr Möglichkeiten weiten…
Bartos: Nein, nein.

The European: Sie scheinen sehr puristisch zu sein, was die Musik angeht.
Bartos: Schauen Sie sich mal ein B.B. King Konzert an. Da sitzt dieser fast 90-jährige Mann mit seiner Gitarre „Lucille“ auf dem Hocker und sonst nichts. Mehr braucht es auch gar nicht. Musik und Technologie sind zweierlei. Das Wesen der Musik ist zu komplex, um sie auf den Fortschritt der Technologie runterbrechen zu lassen. Bei B.B. King versteht man, was die Musik für unsere menschliche Existenz bedeutet.

The European: Was bedeutet die Musik denn für uns?
Bartos: Sie tröstet uns über unsere Sterblichkeit hinweg.

The European: Das betrifft ja aber nur den Künstler der sein Werk als Erbe an die Menschheit hinterlässt und somit weiterlebt.
Bartos: Auch den Hörer. Musik ist eines der großen Geheimnisse der Welt und ihre Schönheit lenkt uns davon ab, und tröstet uns darüber hinweg, dass wir eines Tages sterben.

“Ich brauche keine Bassline von DJ-Schlag-mich-tot”

The European: Wie beurteilen Sie denn eigentlich Ihr eigenes „Erbe“, die Technomusik und die Clubkultur?
Bartos: Techno – oder wie auch immer man das nennt –, ist mir völlig wurscht.

The European: Aber Sie haben das Genre doch mitgeprägt …
Bartos: Ist mir auch wurscht. Was interessiert mich Techno wenn ich mich mit Stravinsky oder Marinetti beschäftigen kann? Pierre Schaeffer hat in den 1940er-Jahren Töne aus der Natur aufgenommen und daraus Kompositionen gemacht. Das ist doch Wahnsinn!

The European: Das Gleiche machen viele zeitgenössische Musiker auch …
Bartos: Die inspirieren sich aber von der Tür nebenan – das ist musikalischer Inzest. Man muss sich von den Kulturen der Welt befruchten lassen. Ich brauche doch keine Bassline von „DJ Schlag-mich-tot“. Die größte Errungenschaft der Technomusik ist, wenn mal jemand für 16 Takte die Bassdrum ausschaltet. Wenn sie dann wieder einsetzt, rastet jeder aus.

The European: Sie klingen nicht sehr stolz.
Bartos: Nö. Worauf denn auch?

The European: Die Prägekraft Ihrer Musik.
Bartos: Naja.

The European: Sie sind noch immer sehr bescheiden.
Bartos: Muss man sein – es gibt so viel gute Musik.

Karl Bartos live erleben:

25.1.2014 Köln, Live Music Hall
26.1.2014 Stuttgart, Wagenhallen
27.1.2014 Frankfurt, Mousonturm
28.1.2014 Halle/Saale, Steintorvariete
29.1.2014 Nürnberg, Festsaal K4
30.1.2014 Berlin, Postbahnhof
31.1.2014 Hamburg, Grünspan
01.02.2014 Kopenhagen (DK), Amager Bio (Konzertpremiere in Dänemark)

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Element of Crime: „Die Freaks sind immer da“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Musik, Musikindustrie, Elektronische-musik

Gespräch

Medium_8feef004c7

Gespräch

Medium_2edea35f5d

Gespräch

Medium_e5bd78adaf
meistgelesen / meistkommentiert