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Auf der Jagd nach den Taliban

Wenn US-Soldaten in Afghanistan Taliban begegnen, wirken diese zunächst wie unwirkliche Figuren in einem Computerspiel. Oft zeigt sich erst, wenn die Jagd zu Ende ist, dass ein Teenager blutig am Boden liegt – und seine Waffe nicht geladen war. Ein Kriegsreporter hat die Soldaten begleitet und dabei Erstaunliches auf dem Handy eines vermeintlichen Taliban gefunden.

Afghanistan, Paktia-Provinz, im Herbst 2007

Irgendwo sind die Gespenster aufgetaucht. Die Jagd beginnt von vorn. Sie dauert lang, aber im Funk höre ich diesmal, wie sich das Netz zuzieht. Wir rasen querfeldein, geleitet von den Bildern einer Drohne, die über uns schwebt und die flüchtenden Taliban filmt. Auf einem Schwarz-Weiß-Monitor in unserem Humvee-Geländewagen sehe ich die leuchtenden Umrisse der drei Männer, wie sie Haken schlagen und Deckung suchen. Sie haben die Gestalt von Menschen; Köpfe, Arme, Beine kann ich erkennen. Aber das Videobild macht sie zu lebensfernen, unwirklichen Figuren in einem Computerspiel. Sie fliehen, wir jagen. Wenn ich heute darüber nachdenke, habe ich mir in diesem Moment wahrscheinlich gewünscht, dass wir sie erwischen.

Durch das Panzerglasfenster des Humvees sehe ich, wie die Staubwolken der Wagen immer weiter aufeinander zuwirbeln. Es ist wie ein Sturm aus Stahl, Motorlärm und Gewalt, der auf diese drei Männer von allen Seiten zurast. Noch einmal kurz scheinen sie alle zu entwischen, sie verschwinden vom Monitor, dann höre ich wieder Schüsse. Wenig später knistert es in meinem Funkkopfhörer: “KIA! Enemy KIA!” “Feind” und das Kürzel für “killed in action”, im Gefecht getötet. Und dann: “One KIA, two on the run.” Einer der drei Männer ist tot, die anderen beiden konnten entkommen.

Wenig später stehen wir auf einem Acker, der von grüner Böschung eingerahmt ist. An einigen Stellen, dort wo die Humvees durchgebrochen sind, sind die Sträucher niedergewalzt. Auf der grauen Erde liegt bizarr verrenkt ein toter Junge – 18, vielleicht 20 Jahre alt. Ein Stück des Unterleibs fehlt, wo die Kugeln vom Kaliber .50 ihn getroffen haben. Neben ihm liegt seine Kalaschnikow. Die Kleidung ist ärmlich. Ich kann mich nicht abwenden, ich starre auf sein blutiges Hemd und seine Haare, die der Wind bewegt. Ein junger Mann, der tot im Staub liegt, ist immer ein beschissener Anblick, egal wofür er gekämpft, an welchen Irrsinn er geglaubt hat.

“Wir haben es immer wieder mit diesen Bubis zu tun”

Oberstleutnant Woods steht plötzlich neben mir. Mit seinem Stiefel tritt er gegen die Kalaschnikow. “Er ist mit dem Ding in der Hand aus dem Busch vor unseren Humvee gesprungen”, sagt Woods. “Das Gewehr war nicht mal durchgeladen. Es ist wirklich eine Schande. Wir haben es immer wieder mit diesen Bubis zu tun, die völlig untrainiert aus den Koranschulen in Pakistan zurückkommen und sich mit uns anlegen. Manchmal erwischen sie einen von uns, aber eigentlich haben sie keine Chance. Wir töten sie und dann kommen die nächsten. Irgendwann muss dieser Irrsinn mal aufhören. Ich muss morgen den Leuten im Dorf erklären, warum wir ihre Söhne abknallen. Ich hasse es.”

Der Tote hat ein Handy, ein Nokia, bei sich. Früher erkannte man die Bösen in Afghanistan an ihren Satellitentelefonen. Inzwischen haben selbst die entlegensten Dörfer Mobilfunkempfang. Fast jeder hat so ein Telefon. Die Menschen in Afghanistan können wieder leichter kommunizieren, die Guten wie die Bösen. Woods fragt mich, ob ich wisse, wo auf dem Handy Fotos und Filme abgespeichert sein könnten. “Klar”, sage ich.

Er drückt mir ein paar Gummihandschuhe und das Telefon in die Hand. Es ist verkrustet von Blut. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ein Herz dieses Blut eben noch durch einen lebenden, fliehenden, schnell atmenden Menschen gepumpt hat. Auf dem Handy finde ich Clips von explodierenden Humvees im Irak, von Bombenanschlägen auf US-Soldaten. Aber auch Filmchen, in denen nackte Frauen zu indischer Musik tanzen. Soviel zum Heiligen Krieg, denke ich.

Gesungene Koran-Sure als Klingelton

Eine Patrouille wird zusammengestellt. Sie soll losziehen und in den umliegenden Dörfern nach Verwandten des Toten suchen, damit er nach muslimischem Ritus innerhalb von 24 Stunden begraben werden kann. Wir hingegen fahren weiter, das Handy liegt in unserem Humvee zwischen Munition, Fertiggerichten und Energydrinks.

Und plötzlich ruft jemand an. Als Klingelton ist eine gesungene Koran-Sure eingestellt. Wir alle starren das Telefon an. Keiner will es anfassen und den Anruf wegdrücken. Es wird noch oft klingeln an diesem Abend und wir tun so, als hörten wir es nicht. Aber ich kann nicht aufhören zu denken, dass es vielleicht die Familie des getöteten Jungen ist, die da anruft. In dieser Nacht fühle ich mich elendig einsam in der gigantischen Verschwendung des Krieges.

“Hat jemand gehört, wie es Dewey so geht?”, fragt irgendwann einer der Soldaten in meinem Humvee. Und ein anderer antwortet: “Ganz okay. Er gewöhnt sich wohl langsam daran, dass er keine Beine mehr hat.”

Julian Reichelt: Kriegsreporter, 2009, Fackelträger Verlag, ISBN 978-3-7716-4396-6

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