Die Einstiegsdroge Cannabis ist ein Mythos. Rainer Schmidt

Vorteil XX

Frauen können nur gewinnen, Männer nur verlieren. Finden zumindest die Autorinnen eines neuen Buches zur Gleichberechtigung.

Ein Buch, das „Tussikratie“ heißt, möchte man eigentlich nicht mögen. Zu laut, zu reißerisch der Titel. Und dann auch noch der Untertitel „Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können“. Da klingeln bei mir als Feministin sämtliche Alarmglocken – kennt man solche Aussagen doch zur Genüge aus den Reihen der Maskulisten oder Anti-Feministen (und –feministinnen).

Auch die beiden Autorinnen Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling versäumen es nicht, sich im Vorwort darüber zu beschweren, dass Meinungsverschiedenheiten in Deutschland ja unerwünscht seien. Diese Kritik („Meinungsmonopol!“) ist momentan sehr angesagt und wird u.a. von Menschen wie Thilo Sarrazin oder Akif Pirinçci bedient. Bäuerlein und Knüpling mit diesen in einen Topf zu werfen, wäre allerdings vorschnell und ungerecht, denn – welch positive Überraschung – entgegen seinem schrillen Titel ist „Tussikratie“ ein lesenswertes Buch, das an vielen Stellen zum Nachdenken anregt.

Geschlechterverhältnisse als Nullsummenspiel

Um erst mal den Begriff zu klären: Unter Tussikratie verstehen die beiden Autorinnen den „latenten Druck, mit dem zurzeit über Geschlecht nachgedacht wird; der verhohlene Zwang, der kontrolliert, wer sich wie zu diesem Thema äußert“. Tussi, das kommt von „Thusnelda“, Ehefrau des Cheruskerfürsten Arminius. Die errang im Jahre neun vor Christus einen wichtigen Sieg für die Germanen – und zwar, indem sie einen der Römer (sprich: einen Besatzer), mit dem sie ein Techtelmechtel hatte, mit den Waffen einer Frau in eine Falle lockte. Und dann zusah, wie eine Bärin ihn zerfleischte. Die moderne Tussi, das ist also eine Frau (selbsternannte Feministin, logisch), die ihre Reize bzw. weiblichen Eigenschaften als Waffen einsetzt und den Männern zurückzahlt, was die ihr – nein, den Frauen – angetan haben.

Die Tussi, kann man sagen, beansprucht für sich die Deutungshoheit über sogenannte Frauenthemen. Wer nicht denkt wie sie, hat verloren. Wer die gleichen Ziele hat wie sie, diese aber auf anderem Weg erreichen möchte, auch. Die Tussi tarnt ihren Anspruch auf das feministische Meinungsmonopol als Frauensolidarität – ist doch blöd, wenn wir Frauen schon untereinander Meinungsverschiedenheiten haben, wo es doch einen klar identifizierbaren Feind gibt: den Mann an sich. Geschlechterverhältnisse sind für die Tussi ein Nullsummenspiel, bei dem die Eine nur gewinnen kann, wenn der Andere verliert.

Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling kritisieren, dass viele Themen automatisch als Geschlechterthemen diskutiert werden, obwohl es sich vielleicht um ein generelles gesellschaftliches Problem handelt. Im Buch schaffen sie es nicht wirklich, diesen Punkt deutlich zu machen. Die Diskussion über „typisch“ männliches und weibliches Verhalten zeigen sie z.B. ebenso anhand von Geschlechterlinien auf wie die über Karriere oder Porno. Im Prinzip macht das aber gar nichts, weil dabei so viele interessante Punkte aufgegriffen werden. Darunter immer wieder: Wie sieht es eigentlich bei den Männern aus?

Frauen: von Natur aus besser

Weder leugnen die Autorinnen, dass es Frauenbenachteiligung gibt, noch, dass es diese nicht geben sollte. Aber sie sind genervt von der Haltung vieler sich als Feministinnen verstehender Frauen (den Tussis), die glauben, ihr Frausein mache sie automatisch zu etwas Besserem. Nehmen wir die Diskussion über Quoten: Natürlich ist es wünschenswert, dass mehr Führungspositionen an Frauen gehen – einfach deshalb, weil Frauen die Hälfte der Bevölkerung bilden und es eine Frage der Gerechtigkeit ist. Das Argument, welches die Tussis für eine Frauenquote vorbringen, ist aber ein anderes. Nämlich, dass Frauen eben mehr Einfühlungsvermögen besitzen, besser mit Menschen interagieren können. Frauen sind von Natur aus besser (bei was auch immer). Während das Gros der feministisch bewegten Menschen also dafür kämpft, dass Geschlechtsunterschiede keine Rolle spielen sollten (bei was auch immer), zieht die Tussi ganz lässig den Frau-Joker. Dagegen haben Männer wirklich keine Chance.

Nun geht es Bäuerlein und Knüpling absolut nicht darum, Männer die Hände zu tätscheln und ihnen liebevoll über den Kopf zu streicheln. Denn natürlich besitzen Männer immer noch eimerweise Privilegien. Trotzdem: Die jungen Männer von heute sind nicht die jungen Männer von anno 1950. Die meisten von ihnen wollen nicht mehr den Alleinverdiener-Macker geben, während Frauchen zu Hause den Braten zubereitet und die lieben Kleinen betreut. Lebensentwürfe haben sich radikal geändert, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. „Männlichkeit wird abgewertet“, schreiben die Autorinnen und wieder befürchtet man einen kurzen Moment, eine Litanei à la „Das entehrte Geschlecht“, „Männerdämmerung“. So leicht machen Bäuerlein und Knüpling es sich glücklicherweise nicht. Es interessiert sie wirklich, was Männer zur Gleichberechtigung denken und wie sie damit umgehen: „Es ist schon auffällig, dass die wenigsten Männer auf die Frage reagieren können, was sie sich für sich selbst – als Person, als Mann – vom Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse wünschen würden. Und ob nicht auch sie sich manchmal eingeschränkt fühlen.“

Unnötige Gräben

Das Thema Mannsein wird leider fast ausschließlich von Männerrechtlern besetzt und diskutiert, gemäßigte Stimmensolche, für die Gleichberechtigung kein Nullsummenspiel ist – finden kaum Gehör. Zwischen absolutem Patriarchat und absoluter Unterdrückung der Männer scheint es nicht viel zu geben. Das Problem ist doch Folgendes: Männer haben in den vergangenen Jahrzehnten einige ihrer Privilegien verloren und das in nahezu rasantem Tempo. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als Frauen in Deutschland nicht einmal das Wahlrecht hatten, bis heute, wo Deutschland von einer Frau regiert wird, war es nur ein knappes Jahrhundert. Davor hatten jahrtausendelang Männer das Sagen in der Gesellschaft. In ganz schön kurzer Zeit ist in Sachen Frauenrechte ganz schön viel passiert – Gott sei Dank! Klar, dass es da noch gewisse Anpassungsschwierigkeiten gibt.

Über die wird aber kaum geredet. Schade, finden die Autorinnen und ich schließe mich an.

In vielen Punkten allerdings bin ich mit Bäuerlein und Knüpling nicht einer Meinung. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass sich der bestehende Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen einfach so wegdiskutieren lässt, wie das im Buch versucht wird. Warum Friederike Knüpling ein ganzes Kapitel ihren Erfahrungen als Boxerin widmet, bleibt mir schleierhaft. Und ein bisschen weniger „Männer sind toll!“ hätte es auch getan. Männerrechtlern und Anti-Feministinnen dürfte das Buch gut gefallen, das ist eine Gefahr. Dennoch.

Im Prinzip geht es in „Tussikratie“ ebenso viel um Männer wie um Frauen. Und darum, wie beide sich über unnötige Gräben hinweg anschreien – Gräben, an deren Zuschüttung viel zu viele Menschen (Männer wie Frauen) gar kein Interesse haben. So bleibt Gleichberechtigung tatsächlich ein Nullsummenspiel.

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