Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen. John Steinbeck

Angriffslustig wie eh und je

Deutschlands bekannteste Feministin wird heute 70. Ein Gratulationsbrief an Alice Schwarzer.

Liebe Alice Schwarzer,

heute werden Sie 70 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch! Das, was Sie in Ihrem Leben erreicht, erkämpft und geleistet haben, dafür bräuchten andere zehn Leben. Und von Ermüdungserscheinungen keine Spur: „Ich fühle mich wie 40“, erzählten Sie in einem großen Interview dem „Freitag“ und wer Sie so in Talkshows erlebt, wer sieht, mit welcher Ausdauer sie publizieren, publizieren, publizieren, der hat daran keinen Zweifel. „Klar, das Alter ist ja eine Tatsache, aber eben auch eine relative Kategorie. Für sich selbst bleibt man die, die man immer war, reicher an Erfahrung, aber innerlich das junge Mädchen oder die Dreißigjährige. Es ist der Blick von außen, der einem das Alter zuweist.“

Kulturschock in Deutschland

Es ist eine schöne Verbeugung des „Freitag“, dass dieser mit Ihnen über das Alter und somit auch über Simone de Beauvoir spricht. Simone de Beauvoir, Mentorin und Freundin. Sie trafen die Autorin des „Anderen Geschlechts“ das erste Mal im Paris der 1970er-Jahre. De Beauvoir war damals schon eine alte Frau, Sie hingegen jung und in der französischen Frauenbewegung, dem „Mouvement pour la Libération des Femmes“ aktiv. 1963 waren Sie aus Deutschland nach Paris gekommen – ohne besondere Französischkenntnisse, ohne eine genaue Vorstellung davon, was Sie dort machen wollten. Es lief dann trotzdem ganz gut: freie Korrespondentin für TV, Radio und Presse sowie ein liebenswürdiger Franzose, Bruno, mit dem Sie fast zehn Jahre zusammenlebten. Keine Spur von „Schwanz-ab-Schwarzer“, die Männer angeblich hasst und generell Frauen liebt. Dass Sie tatsächlich eine Frau lieben, das haben Sie lange verschwiegen. Erst in Ihrer 2011 erschienenen Autobiografie haben Sie darüber geschrieben – lakonisch, fast in einem Nebensatz die Feststellung: Ja, ich lebe mit einer Frau zusammen, na und? Für viele kam dieses „Geständnis“ zu spät, hatten Sie doch stets Homosexuelle dazu ermuntert, sich öffentlich zu outen.

Aber zurück nach Paris: Irgendwann hatten Sie auf das Leben in Frankreich keine Lust mehr. Die Beziehung zu Bruno zerbrach, auch wenn Sie eng mit ihm verbunden blieben. Bruno, das schreiben Sie in Ihrer Autobiografie, sei ein sehr moderner Mann gewesen. Streit um den Abwasch, Ablehnung des feministischen Engagements? Keine Streitthemen zwischen Ihnen beiden. In einer der lustigsten Episoden in Ihrem Buch erzählen Sie, welch ein Kulturschock die Rückkehr nach Deutschland war. Statt mit dem aufgeklärten Bruno lebten Sie nun mit Ihrer neuen Freundin zusammen – und mussten erleben, dass diese von „dem bisschen Haushalt“ gar nichts hielt und nicht daran dachte, die Haushaltspflichten gerecht zu verteilen. Der zweite Kulturschock traf Sie, als Sie in der deutschen Frauenbewegung aktiv werden wollten. Statt des fröhlichen „bordels“, des organisierten Chaos, das Sie aus Frankreich kannten, regierten in Deutschland starre Strukturen und unsinnige Regeln. Zu langsam, zu passiv für Sie. Die Aktion „Wir haben abgetrieben!“, die 1971 im „Stern“ erschien, hatten Sie bereits erfolgreich nach Deutschland importiert. Na ja, mehr oder weniger erfolgreich. Ein großes Medienecho war garantiert, der Artikel 218 wurde geändert – aber auch heute noch ist Abtreibung generell illegal, wenn die betreffende Frau sich nicht an genau definierte Regeln hält. Sie haben das Thema mit auf die Agenda gesetzt, ein Häkchen für „erledigt“ kann aber noch nicht dahinter gesetzt werden.

Bock auf Spaltung

1975 erschien das Buch, mit dem Sie Furore machten: „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Sie wandten sich gegen „Zwangsheterosexualität“ und die Orgasmus-Obsession. Sex kann man auf vielfältige Art und Weise haben, so die Botschaft. Allerdings, der Eindruck, den das Buch erweckte, war leider auch folgender: Männer wollen immer penetrieren, Frauen sind in vielen Fällen frigide, weil sie von Sex andere Dinge erwarten als ihre männlichen Partner. Heute muten die Berichte der von Ihnen damals interviewten Frauen teils modern, teils sehr altmodisch an. Modern, weil viele der Berichte zeigen, was Frauen (und Männer) sich zu Herzen nehmen sollten: Nur wer redet, dem kann geholfen werden. Wer als Frau dem Partner nicht sagt, dass er während des Sex Schmerzen hat oder sich unwohl fühlt, der leidet still weiter. Altmodisch, weil die Sicht auf den Mann so altmodisch ist. Die interviewten Frauen lebten oft in für sie ungesunden Beziehungen, mit einem dominanten Partner und einem unbefriedigenden Sexualleben. Das ist schlimm, trifft aber eben nicht auf alle Frauen zu. In „Der kleine Unterschied“ ist die Frau ganz klar Opfer, der Mann Täter. An dieser Dichotomie stören sich viele der heutigen Feministinnen und Feministen, denn Sie haben das Gefühl: Ohne Männer ist eine Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter kaum zu erreichen.

Nicht nur Sie feiern in diesem Jahr Geburtstag, liebe Alice Schwarzer: Die von Ihnen 1977 gegründete Zeitschrift „Emma“, deren Herausgeberin und Chefredakteurin Sie sind, ist 35 geworden. Die „Emma“ ist Ihr Baby, Ihre Herzensangelegenheit. Sie sind „Emma“, „Emma“ ist Alice Schwarzer. Als die Journalistin Lisa Ortgies 2008 Ihre Nachfolge übernehmen sollte, konnten Sie nicht loslassen. „Emma“ ist und bleibt vor allem politisch. Die jungen Feministinnen Chris Köver, Stefanie Lohaus und Sonja Eismann wollten mal was anderes ausprobieren und gründeten das „Missy Magazine“, popfeministisch, politisch, stylish. Für eine „Emma“-Ausgabe trafen Sie sich sogar mit zweien der „Missy“-Macherinnen, heraus kam der Titel „Kein Bock auf Spaltung“ (zwischen zwei verschiedenen Generationen von Feministinnen).

Manchmal hat man aber den Eindruck: Sie haben doch Bock auf Spaltung. Den Autorinnen des Buches „Wir Alphamädchen – Warum Feminismus das Leben schöner macht“ warfen Sie ziemlich spalterisch „Wellnessfeminismus“ vor. Sie fühlten sich angegriffen. Sie, die für den deutschen Feminismus so viel getan haben, musste sich von jungen Frauen sagen lassen, einige Ihrer Ansichten seien veraltet, würden ein feministisches Upgrade brauchen. Sie wollen nicht über Pornografie diskutieren, Sie wollen sie abschaffen. Sie wollen nicht über die Verschleierung muslimischer Frauen diskutieren, Sie wollen sie abschaffen. Ihr Alleingeltungsanspruch, er wird oft zum Problem und lässt wenig Platz für Nachfolgerinnen. Das gilt insbesondere dann, wenn Sie selbst als moralisch integere Vorreiterin des deutschen Feminismus auftreten und Ihren moralischen Grundsätzen dann nicht gerecht werden. Das führt dann dazu, dass Sie für die „Bild“ eine hochproblematische Gerichtsberichterstattung machen. Oder freimütig dafür werben, Angela Merkel zu wählen, weil diese nun mal eine Frau ist. Sie haben sich Ihren Platz als Ikone des deutschen Feminismus hart erarbeitet – das geht nicht, ohne auch mal unbequem zu sein, anzuecken, ja sogar gehasst zu werden. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass Sie zwischenzeitlich die meistgehasste Frau der Bundesrepublik waren. „Schwanz-ab-Schwarzer“ eben. Sie sind ständig in Angriffshaltung, Sie kennen es seit Jahrzehnten nicht anders.

Nicht abtreten, sondern ein bisschen Platz machen

Mit 70 sind Sie angriffslustig wie eh und je. Ob ein offener Brief an Familienministerin Kristina Schröder, die öffentliche Auseinandersetzung mit Charlotte Roche oder der Kampf gegen den politischen Islam. Sie kokettieren ein bisschen, wenn Sie im „Freitag“-Interview klagen: „Natürlich ist das [die Ikone der deutschen Frauenbewegung zu sein] eine Bürde, wie Sie fast täglich in der Zeitung lesen können. Ich bin eine der Pionierinnen der zweiten Frauenbewegung und habe eine Menge zum Aufbruch der Frauen beigetragen und tue das bis heute. Also sprechen mich jetzt vor allem junge Frauen an. Ich bin eine Ermutigung für sie. Was mich freut. Aber es engt mich manchmal auch ein, ich muss diese Vorbildfunktion mit bedenken. Das kann lästig sein.“ So ganz nimmt man Ihnen das nicht ab, dafür haben Sie viel zu viel Spaß daran, in der Öffentlichkeit zu stehen – und viel zu wenig Lust, Ihre Positionen zu korrigieren und anzupassen. Wenn es Ihnen passt, können Sie sehr opportunistisch sein.

Liebe Alice Schwarzer, Sie sind oft nervig, anstrengend und dickköpfig. Viele Ihrer Ansichten teile ich nicht und auch viele Ihrer Aktionen heiße ich nicht gut. Oft sind Sie aber auch humorvoll (Wer hätte ernsthaft erwartet, dass Sie „Shades of Grey“ mögen?), lustig und in Ihren Analysen messerscharf. Man muss nicht uneingeschränkt gut finden, was Sie tun, um Ihre Leistung für den deutschen Feminismus anzuerkennen. Wenn u.a. Julia Seeliger fordert, Sie sollten als „Feministin Nummer eins“ abtreten, ist das Blödsinn. Denn Leute wie Seeliger, die über Sie als „Feministin Nummer eins“ schreiben, machen Sie ja erst dazu. Liebe Alice Schwarzer, Sie sollen und dürfen nicht abtreten. Nur ein bisschen Platz machen. Es sind genug (junge) Frauen und Männer da, die mitmachen wollen in diesem herausfordernden Projekt, das sich „Gleichberechtigung“ nennt, die Ihnen einen Teil der Bürde abnehmen könnten. Lassen Sie sie – und genehmigen Sie sich zur Feier des Tages ein großes Stück Kuchen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Julia Korbik: Das A-Wort

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