An einigen Stellen sind die Löhne inzwischen sittenwidrig. Franz Müntefering

„Wir sind in einem permanenten Beta-Zustand“

NEOS haben ein kleines Wunder vollbracht: eine neue liberale Partei gegründet und Erfolg gehabt. Mit Josef Lentsch spricht Sebastian Pfeffer über atmende Strukturen, Liberalismus und die Fehler von FDP und Piraten.

The European: Herr Lentsch, was bedeutet Liberalismus für NEOS?
Lentsch: Unser Weltbild ist von einem geerdeten Liberalismus geprägt: Einerseits die Möglichkeit für das Individuum, sein eigenes Leben zu bestimmen, andererseits betrachten wir gemeinsame Entscheidungen als sehr wichtig. Für uns ist klar, dass es immer einen Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft geben muss. Politik ist der Raum für gemeinsame Entscheidungen: Wir kommen in Freiheit zusammen und vereinbaren, wie wir miteinander leben wollen.

The European: Der Erfolg von NEOS bei den Nationalrats- und Europawahlen wurde auch deswegen so aufmerksam verfolgt, weil der Liberalismus sich allgemein eher in der Krise befindet. Warum hat es bei Ihnen geklappt?
Lentsch: Eine liberale Partei kann im 21. Jahrhundert nur noch über Partizipation und Inklusion funktionieren, mit flachen Hierarchien und Schleifenprozessen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen in alle Prozesse und Entscheidungen auf allen Ebenen einbezogen werden. Wir tragen das nicht nur vor uns her, sondern leben es.

The European: Wirklich?
Lentsch: Es ist leichter gesagt und schwerer getan. Aber im Gegensatz zu uns agieren viele andere Parteien noch in einem Modus des 19. oder 20. Jahrhunderts. Denken Sie nur an die Ochsentour, dieses langjährige, funktionärsgetriebene Karrieremodell. Die so entstandenen Parteiapparate sind schwer und behäbig geworden. Das passt nicht mehr in die Zeit. Wir sind heute mit einer Bevölkerung konfrontiert, die viel gebildeter ist als früher. Da ist der alte Paternalismus des „Wir entscheiden für euch“ einfach unangebracht.

The European: Kann Liberalismus nicht auch bevormundend sein?
Lentsch: Ja, wenn er in einer Art Elitismus verharrt und dazu tendiert, jedem sein „Recht auf Dummheit“ gewähren zu wollen, was genau genommen auch paternalistisch ist.

The European: Die Partizipation, die Sie als Erfolgsrezept ansprechen, erscheint auch recht elitär. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist in der Lage oder bereit, solch ein hohes Maß an politischer Beteiligung auszuüben.
Lentsch: Das wird man sehen. Wir wachsen und ein Ende ist bisher nicht absehbar. Natürlich gibt es Menschen, die sich nicht für Politik interessieren. Aber zwischen dem derzeitigen Ausmaß an Partizipation und der Gefahr der Überforderung gibt es sicher noch Spielraum.

„Politik macht Freude, wenn sie einen Unterschied macht“

The European: Die Freiheit hat ein grundlegendes Problem. Sie kann nur negativ definiert werden als Abwesenheit von Zwang. Im argumentativen Wettstreit verliert sie deshalb leicht gegen positive Begriffe wie Gerechtigkeit. Gepaart mit einem eher elitären Erscheinungsbild ist das fatal – bestes Beispiel dafür ist die deutsche FDP. Wie geht NEOS damit um?
Lentsch: Wir versuchen, in Spannungsbögen zu leben. Natürlich ist Eigenverantwortung für uns als liberale Bewegung einer unserer Kernwerte. Wir legen aber genauso Wert auf Generationengerechtigkeit. Das steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zur Freiheit, wir glauben aber, dass es einen Ausgleich braucht. In Österreich ist die Freiheit untergewichtet, aber es ist dennoch wichtig, sie in einen Kontext zu stellen. Es gibt eben nicht nur Individuen, sondern diese müssen auch zusammenkommen, um eine Gemeinsamkeit herzustellen.

The European: Wie wollen Sie das schaffen?
Lentsch: Mit den richtigen Formaten und Prozessen kann man die Menschen erreichen. Wenn sie am Ende sehen, dass das, was sie z.B. in einer unserer 130 Themengruppen hervorgebracht haben, Programm der Partei wird und wirklich etwas bewirkt, macht das Freude. Politik macht Freude, wenn sie einen Unterschied macht. Das versuchen wir zu leben.

The European: Man stößt in Reden und Interviews von NEOS immer wieder auf das Wort Lebensfreude. Die FDP hat das in Deutschland auch mal versucht und wurde zur Spaßpartei.
Lentsch: Wir verstehen darunter etwas anderes. Wir machen zum Beispiel Neos@home-Abende: Jemand lädt zu sich nach Hause ein, es gibt zu essen und trinken und ein Neo-Politiker diskutiert mit den Gästen über Politik. Das ist Lebensfreude: Man setzt sich zusammen, man diskutiert, man hat Spaß dabei. Die Themen können ernst sein, aber der Rahmen ist locker.

The European: Setzt sich diese Lockerheit in der Entscheidungsfindung der Partei fort?
Lentsch: Wir sind in einem permanenten Beta-Zustand. Es gibt für uns keine Denkverbote. Alles ist diskutierbar, auch mehrfach.

The European: Wie organisiert man das?
Lentsch: Im 21. Jahrhundert braucht es Strukturen, die in verschiedenen Aggregatzuständen existieren können. Unsere Strukturen sind einerseits Netzwerke, die offen sind, können sich andererseits aber auch so organisieren, dass sie in der Lage sind, Dinge zielorientiert auszuarbeiten. Die Zeit der starren Strukturen, in denen alles durchprozessiert wurde, ist vorbei. Strukturen müssen ein- und ausatmen können. Das versuchen wir zu schaffen – auch wenn es schwieriger wird, je mehr wir wachsen.

„Ihre Strukturiertheit lähmt andere Parteien“

The European: Die Piraten haben das auch versucht, am Anfang war die Beteiligung enorm, aber schon nach kurzer Zeit ist das Ganze in sich zusammengebrochen. Das Interesse ließ nach, der Organisationsaufwand war zu groß. Glauben Sie, dass der 50. Home-Abend noch Freude macht?
Lentsch: Sie unterschätzen, wie professionell NEOS ist. Das liegt einerseits daran, dass unter den 40 Gründerinnen viele Unternehmerinnen, Organisationsberater und politisch erfahrene Personen waren. Wir haben von Anfang an gewusst, was auf uns zukommt. Deshalb haben wir die Strukturen und Prozesse so aufgebaut, dass sie nachhaltig funktionieren können. Und wir schrauben jeden Tag weiter daran. Diese Professionalität unterscheidet uns von den Piraten – oder den Grünen, die in ihrer Anfangsphase auch oft amateurhaft waren. Wir verbinden Idealismus mit Professionalität.

The European: Die Nationalratswahl ist ein Jahr her und die Europawahlen liegen einige Monate zurück. Jetzt befinden Sie sich in den Niederungen des politischen Tagesgeschäfts. Wie fühlen Sie sich da?
Lentsch: Die beiden Wahlen direkt nach der Gründung waren sehr anstrengend für alle Beteiligten, weshalb es gut war, über den Sommer ein bisschen konsolidieren zu können. Ich glaube, wir sind in einer guten Position, aber es wäre unehrlich, zu behaupten, Parlamentsarbeit als kleinste Partei sei nicht hart. Wir bekommen schließlich von allen Seiten Gegenwind. Und das System hat viel Kraft.

The European: NEOS kritisiert das „verkrustete“ System, in dem es sich die beiden großen Parteien bequem gemacht hätten. Es wäre aber zu einfach, den anderen ihren Idealismus abzusprechen. Wie wollen Sie verhindern, selbst Teil der Kruste zu werden?
Lentsch: Wichtig ist, dass wir eine Partei ohne Teilorganisationen sind. Wir haben keine Landesverbände oder Ähnliches. Die einzige Ausnahme bildet unsere Jugendorganisation. Wir versuchen zu vermeiden, in diese Strukturiertheit zu kommen, die andere lähmt. Wir wollen, dass das einzelne Mitglied auf alle Prozesse direkt zugreifen kann – das ist übrigens auch ein liberales Verständnis. Natürlich wird es eine Herausforderung sein, das zu erhalten und die genaue Form wird immer wieder zu diskutieren sein. Aber die Maßgabe ist, nicht Hunderte Organisationen aufzubauen, die dann vor allem ihre Einzelinteressen schützen. Wir glauben, dass das auf lange Sicht einen großen Unterschied machen wird.

The European: Verfolgen Sie die Entwicklung der FDP in Deutschland?
Lentsch: Natürlich ist es für uns spannend zu sehen, was dort geschieht. Die FDP hat dem Liberalen Forum, das 2014 mit NEOS fusionierte, über Jahre die Treue gehalten. Es gibt deshalb sowohl auf organisatorischer als auch auf persönlicher Ebene viele Sympathien. Es macht uns betroffen, wie es der FDP im Moment geht.

The European: Ist die FDP für Sie ein lehrreiches Beispiel? Die Partei hat sich in rasantem Tempo zerlegt, weil sie es irgendwann nicht mehr geschafft hat, eine positive liberale Erzählung zu liefern und ihre Wahrnehmung extrem ins Negative gekippt ist.
Lentsch: Es steht mir nicht zu, der FDP Ratschläge zu geben. Ich glaube, es ist wichtig, auch als liberale Partei ein breites Spektrum an Themen anzubieten. Das versucht Christian Lindner nun wieder aufzubauen, aber in dieser Situation ist das nicht einfach.

„Existenzen aufs Spiel gesetzt“

The European: Was sind die Pläne von NEOS für die nächste Zeit? Großen politischen Einfluss können sie als kleinste Oppositionspartei ja nicht ausüben.
Lentsch: Wir haben schon viel politischen Einfluss gewonnen. Beispiel Schulautonomie: Das war ein Thema, das wir eingebracht haben, jetzt sprechen plötzlich alle darüber. Oder Bürgerbeteiligung: Salzburg hat gerade zum ersten Mal einen großen Bürgerrat eingesetzt. Wir schieben Dinge an. Dass diese uns dann vielleicht nicht immer angerechnet werden, ist das Los der Opposition.

The European: Ist das nicht ernüchternd?
Lentsch: Nein. Unser Anspruch ist es ja, die Politik insgesamt zu verbessern.

The European: Worauf kommt es an, wenn man eine Partei neu aufbaut?
Lentsch: Eine Sache, die für die NEOS am Anfang ganz wichtig war, war die frugale Innovation, mit der wir die Komplexität und den Gütereinsatz reduziert haben. Weil wir zum Beispiel keine Mittel für Marketing hatten, haben wir auf Social Media gesetzt. Und weil wir Leute hatten, die wussten, worauf es dabei ankommt – dass zum Beispiel Kommunikation keine Einbahnstraße ist – sind wir in dem Bereich Marktführer geworden.

The European: Und etwas emotionaler?
Lentsch: Leidenschaftliche Entschlossenheit. Viele Gründerinnen haben ihre Existenz aufs Spiel gesetzt, um NEOS ins Leben zu rufen. Ich glaube, es fällt den Menschen leichter, solchen Leuten politisch zu folgen.

Das Gespräch entstand im Rahmen des Forums Alpbach.

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