Internationale Adoption ist ein Produkt des Zweiten Weltkriegs. Tara Zahra

„Wir sollten die Banker umarmen“

Joris Luyendijk hat mit vielen Bankern gesprochen. In seinem neuen Buch offenbart er deren Geheimnisse – und verrät, warum er nicht an bessere Menschen, sondern an bessere Regeln glaubt.

The European: Herr Luyendijk, finden Sie den Ruf von Bankern gerechtfertigt?
Luyendijk: Sie meinen: Verdienen sie es, gehasst zu werden?

The European: Nicht unbedingt gehasst, aber doch, verpönt zu sein.
Luyendijk: Ich denke, dass die Banken es verdienen. Sie sind monströse Organisationen. Banker selbst sind uns wahrscheinlich ähnlicher, als wir zugeben wollen.

The European: Der Unterschied zwischen Bankern und Banken ist, dass wir über die Menschen in den Gebäuden wenig wissen.
Luyendijk: Weil sie nicht mit uns reden dürfen! Es gibt einen Schweigekodex, der es ihnen untersagt, über die Bank zu sprechen. Als ich mit meinen Nachforschungen begann, dachte ich, es gäbe sicher mindestens zehn Bücher voller Interviews mit Bankern. Es gibt schließlich 250.000 Menschen in der Londoner City – sowie 250.000 Ehemalige. Aber null Berichte.

The European: Wie funktioniert dieser Kodex?
Luyendijk: An ihrem ersten Arbeitstag setzt sich ein Vorgesetzter zu ihnen und sagt: „Alles was du über diese Bank öffentlich äußerst, wird gegen die Bank verwendet. Wenn wir dich dabei erwischen, wie du mit einem Journalisten sprichst, ist das dein Todesurteil: Wir werden dich nicht nur feuern, wir werden dir unsere Anwälte auf den Hals hetzen und hinter deinen Namen ein großes, schwarzes Kreuz vermerken, sodass du nie wieder einen Job im Finanzwesen findest.“ Die Leute, die ich interviewte, waren wirklich verängstigt.

„Banker haben sich Waffen zugelegt“

The European: Wie haben Sie sie dazu gebracht, mit Ihnen zu reden?
Luyendijk: Ich habe einen Aufruf im „Guardian“ veröffentlicht. Darin schrieb ich, dass von unseren vier Millionen – mittlerweile sieben Millionen – täglichen Besuchern doch wohl einige im Bankwesen arbeiten müssten; dass ich zwar wüsste, dass sie eigentlich nicht mit mir sprechen dürften, ich ihnen aber hundertprozentige Anonymität garantiere. Ich wollte ein offenes Gespräch. Meine Kollegen belächelten die Aktion, sie konnten sich nicht vorstellen, dass sich wirklich jemand melden würde: Wer würde schon seinen Job riskieren, um für einen Holländer aus dem Nähkästchen zu plaudern, der für eine bankenfeindliche Zeitung schreibt? Und selbst wenn: Was würde da für einen rausspringen, da es doch anonym ist?

The European: Und?
Luyendijk: Tja, offensichtlich gab es Hunderte, die sich selbst nicht als eiskalte, kalkulierende Menschen sahen, die alles nur nach einem Vorteil bemessen. Die Menschen, die mich kontaktierten, sahen sich als Bürger. Sie hatten das Gefühl, sich erklären zu müssen: Manchen ging es darum, klarzustellen, dass es eine Minderheit der Banker war, die den Börsencrash verursachte, dass sie zu den 99 Prozent gehörten, die nichts damit zu tun hätten. Andere wollten zeigen, dass alles noch viel schlimmer sei, als der gemeine Bürger ahnte.

The European: Ihr Buch „Unter Bankern – Eine Spezies wird besichtigt“ räumt mit vielen Vorurteilen und Missverständnissen auf. Was hat Sie persönlich am meisten überrascht?
Luyendijk: Wie gefährlich Banken sind. Es gab Banker, die zeitweise zu Hause anriefen und sagten: „Pack die Koffer der Kinder und füll die Vorratskammer auf.“ Ich habe ein Buch gelesen, das behauptet, manche Banker hätten sich Waffen zugelegt. Sie dachten, dass die öffentliche Sicherheit zusammenbrechen würde.

The European: Weil das Finanzsystem kollabiert?
Luyendijk: Ja. Das würde bedeuten, dass der internationale Zahlungsverkehr einbricht. Und der stützt die Belieferung von Supermärkten, Apotheken, Tankstellen – von allem. Stellen Sie sich vor: Hunderte Millionen Europäer stellen gleichzeitig fest, dass sie nicht mehr an ihr Geld rankommen. Dass sie kein Essen kaufen können. Manche Insider – inklusive Herman Van Rompuy – meinten, dass wir diesem Szenario um Haaresbreite entkommen sind. Deshalb mussten die Banken gerettet werden. Das ist auch der Grund, warum wir zwar über Jahre kein Geld für den Ausbau von Solaranlagen finden, aber innerhalb weniger Tage Milliarden auftreiben können, um eine Bank zu retten.

„Zu komplex für eine kontrollierte Sprengung“

The European: Was hat Sie an den Bankern überrascht?
Luyendijk: Ich wusste nicht, dass Menschen in der City innerhalb von fünf Minuten gefeuert werden können. Eine Bank ist wie ein Atomreaktor: Wenn er explodiert, reicht die Zerstörung meilenweit. Die Leute, die da arbeiten, haben aber einen Horizont, der nur fünf Minuten entspricht.

The European: Und trotzdem: Alles blieb relativ ruhig während des Zusammenbruchs 2008.
Luyendijk: Ein Grund dafür war die IT: Wir hatten zwar einen Bankensturm, aber es passierte im Internet. Es gab also keine Bilder von langen Schlagen an Bankschaltern – außer in England, als Northern Rock kollabierte. Wir sind aber visuelle Kreaturen: Wir müssen die Bedrohung sehen, gewissermaßen den Tiger vor den Augen haben. Der andere Grund war die Zurückhaltung der Politiker, die wahren Ausmaße der Krise zu erklären – denn das hätte eine Panik beschworen, vor der sie sich fürchteten.

The European: Aber das Herunterspielen unserer Ängste verhinderte auch echten Wandel.
Luyendijk: Richtig. Es gibt keinen politischen Rückhalt für die Regulierung des Finanzsektors. Sehen Sie: 1953 erlebten die Niederlande eine Flut, die Tausenden Menschen das Leben kostete. Danach gab es immensen politischen Rückhalt, etwas gegen Hochwasser zu unternehmen, in Form eines größenwahnsinnigen Projektes namens Delta-Plan. Und jetzt sind wir sicher, sofern der Meeresspiegel nicht weiter steigt. Doch ohne diese grausame Katastrophe, die Tausende tötete, wären wir noch immer nicht sicher. Das ist das Problem mit dem Finanzsektor: Wir dürfen diese Flut gar nicht erst zulassen, weil die Katastrophe so allumfassend wäre, dass sie unsere demokratisches System mit wegschwemmt. So wie im Deutschland der 30er-Jahre.

The European: 2008 war also nicht genug?
Luyendijk: Nein. Um komplexe Systeme zu ändern, bedarf es dieser Momente, in denen glasklar wird, dass ein Wandel notwendig ist. Aber dieses System ist so komplex geworden, dass wir nicht mal mehr eine kontrollierte Sprengung in Betracht ziehen können.

„Von Klienten entfremdet“

The European: Im Titel Ihres Buches bezeichnen Sie Banker als eine „Spezies“. Sie warnen aber davor, Banken als ein monolithisches Ganzes zu betrachten. Sollte das dann nicht auch für die Menschen gelten, die dort arbeiten?
Luyendijk: Gerade in der City gibt es spezielle Bedingungen, die eine gewisse Kohäsion und Kohärenz erzeugen. Obwohl alle in sehr unterschiedlichen Bereichen tätig sind, obwohl diese Bereiche externen Kontrollen unterworfen sind – in Büros und Hinterzimmern – leben alle in einer Welt bestehend aus null Jobsicherheit, einer Kultur verrückt hoher Arbeitszeiten, die mit noch höheren Gehältern kompensiert werden. Vom Rest der Gesellschaft werden sie als Ausgestoßene behandelt, obwohl sie vielleicht gar nichts mit der Krise zu tun hatten. Diese strukturellen Elemente formen ihre Identität, die den Ausdruck „Spezies“ gestatten – obwohl ein Großteil des Buches versucht, mit der Idee aufzuräumen, wir hätten es hier mit einem Raumschiff voller Aliens zu tun, das über uns gekommen wäre.

The European: Sie haben einen anthropologischen Blick auf „die Spezies“. Sie schreiben über das spezifische Vokabular, das gefüllt ist mit Euphemismen, die den ganzen Handel so abstrakt machen. Was verrät uns diese Sprache über die Menschen, die sie benutzen?
Luyendijk: Die Euphemismen desensibilisieren dich von den Mengen an Arbeit. Den New Zealand Dollar einen „Kiwi“ zu nennen, erlaubt es zum Beispiel, eine halbe Million „Kiwis“ zu verlieren, ohne dass das allzu schlimm klingt. Es entfremdet dich außerdem von deinen Klienten: Üblicherweise bauten Banker Beziehungen zu ihren Klienten auf, gingen zusammen mit ihnen durch gute und schlechte Phasen der Wirtschaft. Das war Long-Term-Banking. Heute haben es wir mit Transaktionen-Banking zu tun und es heißt nicht länger: „Mein Wort ist mein Pfand“, sondern: „Schlagen wir zu, bevor es jemand anderes tut.“

The European: „Wir gegen die“?
Luyendijk: Der Running Gag, den ich immer wieder höre, dreht sich um einen deutschen Banker von der Landesbank oder der Sparkasse, der abgezogen wird. Der ist ein wiederkehrendes Motiv in Büchern wie „Liar’s Poker“, „Fiasco“ oder „City Boy“ und die komische Auflösung folgt, wenn der Protagonist einen Deutschen – meist heißt der Hermann – hereinlegt.

„Es geht nicht um Geld, sondern Status“

The European: Wir haben kürzlich mit Rainer Voss, dem Protagonisten des Films „Master of the Universe“ gesprochen. Er sagt, dass Banking vor allem schwache Persönlichkeiten anzieht. Haben Sie den gleichen Eindruck gewonnen?
Luyendijk: Es hängt sicher davon ab, wo genau man arbeitet. Aber welche Persönlichkeit würde seine oder ihre 20er in einem großen Glaskasten verbringen wollen, um für Nummern auf einem Bildschirm zu kämpfen? Stellen Sie sich das vor: Es ist 22 Uhr an einem Freitagabend, Sie sind auf dem Weg zu Tür, um sich mit Ihrer Freundin zu treffen, der Sie zuvor schon sagen mussten, dass Sie es nicht zum Abendessen schaffen. Und dann sagt Ihnen Ihr Chef, dass um 23 Uhr ein Meeting ist. Dann kommen Sie aus diesem Meeting und er möchte, dass Sie noch einen Pitch fertig machen – obwohl jeder weiß, dass der Klient diese Pitches nicht einmal liest. Abgabe ist übrigens um 8 Uhr morgens. Also rufen Sie Ihre Freundin an und sagen Ihr, dass Sie gar nicht nach Hause kommen. Und das passiert dreißig Mal.

The European: Das isoliert einen.
Luyendijk: Von all Ihren Freunden, von Ihrer Familie. Personen, die das auf sich nehmen, müssen wirklich wollen, was Banken zu bieten haben.

The European: Geld?
Luyendijk: Nein, nicht Geld. In dieser Phase verdient man zwar 60.000 Pfund im Jahr, aber effektiv arbeitet man auch, als hätte man zwei Jobs – mit dem Stundenlohn es Lehrers. Es ist also nicht Geld, sondern Status. Und das ist es, was Rainer Voss meint: Schwache Persönlichkeiten sind diejenigen, die keinen intrinsischen Wert in dem sehen, was sie tun. Sie brauchen externe Bestätigung. Banken sind sehr, sehr gut darin, diese zu bieten. Man ist ein Banker in einem teuren Anzug, mit einer teuren Uhr, mit der richtigen Business Card. All das verspricht einem, dass niemand einem je ein schlechtes Gefühl vermitteln wird.

The European: Da ist es schwer, auf die Leute einzuwirken.
Luyendijk: Wir müssen diese Banker umarmen! Wir müssen zu ihnen sagen: „Es tut mir leid, dass die Banken dich in ihren Bann gezogen haben. Aber es gibt Hilfe! Und viel Glück mit deiner Bonus-Sucht, mit deinem gestörten Arbeitsrhythmus und den Schlafstörungen. Es schmerzt mich, an deine Kinder zu denken, die zu dir sagen werden, dass sie nie gelernt haben, dich zu lieben, weil du nie da warst.“

The European: Wir reagieren die Leute auf Ihre Aussagen?
Luyendijk: Für manche ist es nur ein Job. Andere sagten zu mir, ich sei neidisch. Dass ich ihren Job wolle, weil sie so viel Geld verdienen. Es ist wirklich eine Art Kult: Der Gedanke ist, dass jeder gierig ist und sie sind einfach dort gelandet, wo dieser Gier mehr gefrönt wird als überall sonst.

The European: Aber geht es nur um Gier? Es scheint so, als ob Konkurrenz und der eiserne Wille, in einem harten Umfeld zu bestehen, ebenso Einfluss hätten?
Luyendijk: Viele Banker sind getrieben von Konkurrenz – sie wird zu einem Wert an und für sich. Steuern zu zahlen ist für diese Leute der Horror, weil das Geld so zu Menschen kommt, die sich weigern, zu konkurrieren. Das alles ist Ausdruck einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung: in Richtung Neoliberalismus, in Richtung unternehmerischem Selbst und der Idee, dass jedes Individuum ein öffentlich gelistetes Unternehmen zu sein hat, das immer nach dem besten Deal Ausschau hält. All das führt zu dem Glauben an ein ausbalanciertes, effizientes System, das faire Resultate produziert.

„Strukturell perverse Anreize“

The European: Sie haben erwähnt, dass Komplexität uns dazu verleitet, nach vereinfachenden Antworten zu suchen. Sind die harte Arbeit und die Investition der eigenen Jugend, nur um zu Bestehen, ein vereinfachender Weg, um einen Sinn im Leben zu finden?
Luyendijk: Ich wünschte nur, wir könnten die nachhaltige Wirtschaft in einen Ort verwandeln, an dem die Leute so motiviert sind wie in der Stadt. Wir rufen zwar nach finanzieller Unterstützung für Projekte wie die Energiewende, aber die Leute arbeiten trotzdem woanders.

The European: Sie malen ein sehr schwarzes Bild dieser Industrie. Ist ein Wandel möglich?
Luyendijk: Bis in die späten 70er-Jahre war vieles besser – als Banking noch langweilig war und jeder für IBM arbeiten wollte. Damals wurden die riskanten Teile des Bankings noch mit Partnern zusammen gemacht und diese Partnerschaften machte Spitzenleute persönlich haftbar. Es gab Bonus und Malus. Es gab keine Anreize, Projekte über sich hinaus wachsen zu lassen oder Unternehmungen aufzunehmen, die man nicht versteht – denn wenn es schiefging, war man geliefert. Diese Idee, dass wir schon immer Banken hatten, die „too big to fail“ waren, ist eine neue Erfindung, die wir zugelassen haben. Wir hatten einmal ein wesentlich besseres System zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den 70ern – und wir können es wieder haben.

The European: Wie?
Luyendijk: Ich denke, wir müssen das System repolitisieren.

The European: Die Menschen selbst machen nichts falsch?
Luyendijk: Die Banker müssen sich nicht besser benehmen, wir brauchen bessere Gesetze, die Menschen entlohnen, wenn sie das Richtige tun. Momentan gibt es überall diese strukturell perversen Anreize. Man kann einen noch so sozialverträglichen Kurs verfolgen, diese Anreize sind stets stärker. Struktur siegt über Kultur.

The European: Das klingt fast zu hart, um es anzupacken.
Luyendijk: Der Wohlfahrtsstaat wurde auch nicht an einem Tag errichtet. Es brauchte Jahrzehnte harter Arbeit und selbst jetzt stimmt nicht alles. Finanzregulierung ist vergleichbar mit dem Wohlfahrtsstaat. Einem Papier der London School of Economics zufolge wurde während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die gesamte politische Energie in die Organisation von Arbeit gesteckt. In diesem Jahrhundert sollte die Organisation des Kapitals an der Reihe sein.

Übersetzung aus dem Englischen
„Unter Bankern – Eine Spezies wird besichtigt“. Tropen Verlag, 267 Seiten. € 19,95

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