Die globale Informationsgesellschaft ist eben auch die Basis des Verbrechens. Wolfgang Schäuble

„Steve Jobs entscheidet für Sie“

Jon „Maddog“ Hall ist lebenslanger und überzeugter Verfechter von freier Software. Mit Alexandra Schade und Lars Mensel sprach er über die Vorteile von offenen Systemen und die letzten Nutzer von Windows XP.

The European: Auf dem Papier ist freie Software flexibler, zugänglicher und transparenter als ihr kommerzielles Äquivalent. Warum sehen wir also nicht mehr davon in unserem Alltag?
Hall: Man sieht es nicht weil man nicht so richtig danach Ausschau hält. Aber, 98 Prozent der 500 weltweit schnellsten Computer laufen auf Linux; das gleiche Linux, das ich auf meinem Notebook und Desktop habe. Die restlichen zwei Prozent laufen auf Unix oder einem vergleichbaren System. Nur ein einziger dieser Rechner greift auf Microsoft Software zurück – und das auch nur, weil Microsoft dafür zahlt.

Die meisten E-Mails laufen über das „Send Mail“-Programm oder die „Post Fix“-Alternative, welche beide open source-Programme sind. Android, das auf einem Linux-Kernsystem basiert, erzielt sogar höhere Verkaufszahlen als iOS, obwohl iOS anfangs schneller lief und jeder Steve Jobs als wundervollen Innovator feierte. Android ist mittlerweile tatsächlich das meistgebrauchte Betriebssystem. Auf dem Desktop sieht man es hingegen selten – das liegt an Microsofts Marketingmacht.

„Menschen kaufen keine Software – sie kaufen Lösungen“

The European: Hat die Linux-Community den Kampf um den Desktop verloren?
Hall: Nein, wir sind nach wie vor dabei, Ubuntu weiterzuentwickeln, dabei handelt es sich hierbei um eine der größten und meistverbreiteten Linux-Versionen für den Desktop. Viele Leute warnen, dass es schwierig sei, in diesem Bereich erfolgreich zu sein. Aber sie haben etwas vergessen: Es gibt zwar 1,5 Milliarden Desktops auf der Welt, aber auch 7,3 Milliarden Menschen. Also haben sich 5,8 Milliarden Menschen noch für keinen Desktop entschieden. Außerdem sind das mehrheitlich Menschen, die keine der fünf großen westlichen Sprachen sprechen.

The European: Welchen Effekt werden sie haben?
Hall: Diese Leute haben oft sehr wenig Geld zur Verfügung und laden ihre Software deshalb illegal aus dem Netz. Das Problem der Raubkopien besteht jedoch darin, dass man sich beim Auftreten eines Fehlers nicht an den Hersteller wenden kann, um ihn nach Tipps und Tricks zur gestohlenen Software zu fragen. Raubkopien vermindern den Wert eines Programms genauso wie das Stehlen von Musik den Wert des Musikers vermindert. Wir argumentieren daher, dass die Entwicklung von freier Software ein kooperatives Unterfangen ist, bei dem Anwender zum Wert des Produktes beitragen können. Sobald es online ist, kann jeder darauf zurückgreifen, genau wie bei einer Software aus dem Fachhandel. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass man bei der Freeware die benötigten Änderungen, wie zum Beispiel Bedienungssprache oder Anpassungen an die Arbeitsweise, ganz einfach vornehmen kann. Man könnte einen Programmierer dafür bezahlen, das Programm anhand der eigenen Bedürfnisse anzupassen.

The European: Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Hall: Nehmen wir als Beispiel ein kleines Unternehmen aus Rio de Janeiro, das den Regenwald erforschen wollte und dafür zu ESRI ging, um eine geografische Informations-Software zu bekommen. Das Problem war, dass die Software nur auf Englisch verfügbar ist, die Mitarbeiter des Unternehmens aber Portugiesisch sprachen. Stellen Sie sich das einmal vor: Dieses Unternehmen war bereit, für 4,5 Millionen Dollar Software zu kaufen. Aber ESRI antwortete, dass eine Übersetzung des Programms nicht in ihrem Geschäftsinteresse wäre. Also kontaktierte das Unternehmen einen Entwickler, der aus Bauteilen verschiedener freier Software eine portugiesische Version erstellte und dafür 380.000 Dollar berechnete. Was ist der Wert dieser Software? Für das Unternehmen war sie unverzichtbar, da es ohne sie nicht hätte arbeiten können. Das ist der feine Unterschied zwischen den Kosten und dem Wert. Menschen kaufen keine Software – sie kaufen Lösungen.

The European: Sie kritisieren „Software-Sklaverei“: unsere Abhängigkeit von geschlossenen und geschützten Systemen. Fast alle beliebten Gadgets laufen heute mit Software von wenigen großen Herstellern. Die Anwendungen dafür – wie die allgegenwärtigen Apps – sind mittlerweile stark kommodifiziert. Man bemerkt also kaum, dass man sich in einem geschlossenen System bewegt. Haben wir uns also selbst versklavt?
Hall: Die Mehrheit der Leute hat dies in der Tat lange Zeit nicht bemerkt. 1969 gab es nur sehr wenige Computer auf der Welt und die wenigsten benutzten Betriebssysteme. Man benutzte einfach nur ein Programm nach dem anderen. Die Software kam in Form eines Quelltextes, mit dem man dann am Rechner die Software zusammenstellen konnte. Ich kann mich noch an verschiedene Programme erinnern bei denen es ewig dauerte, bis man sie auf dem Rechner eingerichtet hatte.

Um 1977-1981 kamen dann aber CPM, der Apple II, der IBM PC mit MS DOS – Software gab es dann nicht mehr als Quelltext, sondern in binärer Form: das Microsoft-Modell. Der anfängliche Protest dagegen nahm rasch ab, als sich das neue Modell zur Norm entwickelte. Den meisten Leuten ist das heute nicht mehr bewusst. Sie kaufen einfach die Software, bezahlen dafür, und arbeiten damit, selbst wenn sie ihren Anforderungen nicht gerecht wird. Keine Software kommt mit der Garantie, dass das System jemals problemlos laufen wird. Wer sich eine Software-Lizenz anschaut, wird feststellen, wie nutzlos sie ist. Sehr wenige Leute denken darüber nach.

The European: Die meisten Leute kaufen einfach ein Gerät, das ihnen gefällt.
Hall: Stellen Sie sich vor, jemand käme auf dich zu und sagt: „Ich habe eine großartige Idee. Wenn ich die Software deines Handys anpassen könnte, würde es schweben!“ Es gibt Dutzende von Applikationen, die auf deinem Handy funktionieren würden, dies aber nicht tun, da man dazu das Betriebssystem umändern müsste. Die Anbieter erlauben es nicht. Wer sich noch ans Erscheinen des ersten iPhones erinnert, wird sich wohl auch noch an die vielen Einschränkungen erinnern, die Mr. Jobs diktierte.

„Steve Jobs wollte keine Pornografie auf seinen Geräten“

The European: Jobs wollte nur Web-Applikationen erlauben, alles sollte im Browser stattfinden.
Hall: Jobs wollte außerdem keine Pornografie auf seinen Geräten. Man mag Pornografie anstößig finden, aber Fakt ist, dass viele Leute Gefallen daran finden. Jobs aber entschied ganz alleine darüber, was auf dem vom Kunden erworbenen Telefon erlaubt sein würde.

The European: Ganz Berlin hängt voller gigantischer Werbeplakate von Apples neusten Produkten. Wie finden Sie es, dass das meiste Geld in dem Technikbereich mit geschlossenen Systemen verdient wird?
Hall: Was den Desktop angeht, hatte Apple nie mehr als sieben bis acht Prozent des Marktanteils. Apple hat seine Anstrengungen auf einen sehr profitablen Markt gerichtet, in dem Leute sehr viel Geld bezahlen. Natürlich stellt Apple sehr gute Produkte her, das kann man nicht leugnen. Es ist aber auch Fakt, dass jeder, der früher ein Apple-Produkt besaß, ausschließlich Apple-Software benutzen konnte. Microsoft hat das genaue Gegenteil getan: Sie haben ein Betriebssystem entwickelt, welches man auf fast jedem Gerät verwenden kann. Sie haben sich eine goldene Nase damit verdient, anderen Unternehmen zu helfen, ihr Produkt zu vermarkten und zu verkaufen. Ich denke, Microsoft hat mehr Millionäre hervorgebracht als jedes andere Unternehmen dieses Planeten. Beides machte die Aktionäre des Unternehmens natürlich sehr glücklich.

Die Nutzer sind aber nur bedingt zufrieden, denn Microsoft bringt alle paar Jahre eine neue Version ihres Systems auf den Markt und die älteren werden anschließend nicht länger unterstützt. Was aber sollen die Leute sagen, die sich die recht teuren Updates nicht leisten können? Diejenigen, die noch auf Windows 98 oder XP angewiesen sind? Sie bekommen keine Sicherheitsupdates für ihr Betriebssystem und früher oder später müssen sie machtlos zusehen, wie ihr Windows XP von Viren angegriffen wird. Auf diese Weise zwingen Hersteller uns zum Upgrade. Wäre Windows XP eine freie Software, so könnten sich die Nutzer zusammentun und selbst für neue Sicherheitsvorkehrungen sorgen – so lange, wie es nötig ist.

Übersetzung aus dem Englischen.

Dieses Interview entstand auf dem TEDx Berlin. Den TEDx-Talk von Jon Hall können Sie hier anschauen.

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