Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Max Planck

„Immer rein da mit Hurra“

Er gehört zu den „Rechten“ in der SPD und hat seit 21 Jahren einen Lebensgefährten. Johannes Kahrs sagt gerne direkt, was er denkt, und mag laue Politiker nicht – Andrea Nahles hat öfter seinen Rücktritt gefordert. Julia Korbik und Sebastian Pfeffer sprechen mit dem Enfant terrible.

The European: Herr Kahrs, was bedeutet Haltung für Sie?
Kahrs: Ich glaube, das ist eine Grundlinie, die man hat oder nicht. Sie muss unabhängig von irgendwelcher Tagespolitik sein und sich in dem wiederfinden, was man tut. Nicht in jeder einzelnen Handlung, aber insgesamt.

The European: Sodass man im Rückblick erkennt, wo jemand langgehen wollte?
Kahrs: Der direkte Weg funktioniert manchmal nicht und man macht den einen oder anderen Schlenker, aber man muss ein erkennbares Ziel haben.

The European: Was ist Ihr Ziel?
Kahrs: Ich bin historisch begründet in die SPD gekommen, meine Großeltern waren in der SPD, meine Eltern auch …

The European: … Sie haben angeblich mit drei Jahren die ersten Flugblätter verteilt.
Kahrs: Und bin dann wegen Helmut Schmidt in die Partei eingetreten. An dem Tag, als der Wechsel von Schmidt zu Kohl erfolgte. Ich war immer der Meinung, dass die SPD dafür steht, eine Gesellschaft zusammenzuführen und nicht zu spalten.

The European: Sie sagen, Sie seien ein „sozialdemokratischer Realo“ und betonen häufig Ihren Pragmatismus. Praktisch könnte das eine elaborierte Beschreibung von Opportunismus sein.
Kahrs: Das zeigt sich am Ergebnis. Der Opportunist geht immer den einfachen Weg. Wenn man Haltung hat, muss man auch mal etwas durchstehen und verlieren können. Aber ohne Kompromisse geht gar nichts.

The European: Reden wir über Kompromisse. Sie sind Sprecher der Lesben und Schwulen in der SPD-Bundestagsfraktion. Wo bleibt die Gleichstellung?
Kahrs: Seit 1998 prügele ich mich dazu mit der CDU und Frau Merkel. Wir wollen die komplette Gleichstellung der Ehe. Die kriegen Sie aber nicht mit der CDU. Jetzt könnte ich in der Ecke sitzen und heulen oder es wie bei der Salami machen: Immer eine Scheibe mehr abschneiden.

The European: Wo ziehen Sie Ihre roten Linien?
Kahrs: Es gibt Kröten, an denen man sich verschluckt, und welche, die man schlucken kann. Beispiel Pkw-Maut: Die halte ich für falsch, sie wird nicht funktionieren. Das Betreuungsgeld halte ich in der Sache auch für falsch. Und ich bin in einer ­Regierung, in der die Bundeskanzlerin erklärt, dass sie nicht für die Gleichstellung von Lesben und Schwulen ist. Da wird mir immer leicht übel, und es ist ganz hart an der roten Linie.

The European: Aber Teil eines Kompromisses.
Kahrs: Alles entscheiden, wie es einem gefällt, das kann man nur, wenn man alleine ist. Mein Freund hält es seit 21 Jahren mit mir aus – gefühlt seit 42. Da macht man natürlich Kompromisse.

„SPD bräuchte mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke“

The European: Ein rotes Tuch ist für viele Deutsche der Mann, dessen Bild dort an Ihrer Wand hängt: Gerhard Schröder.
Kahrs: Die Heldenwand!

The European: Viele Sozialdemokraten denken, Schröder habe der SPD schwer geschadet. Das sehen Sie anders, oder?
Kahrs: Genau.

The European: Und ecken damit an.
Kahrs: Dafür sind wir eine Volkspartei. Alles, was Schröder gemacht hat, wurde von Partei und Fraktion beschlossen. Ich kann deshalb verstehen, wenn einige Leute sagen: „Das ist nicht meins.“ Aber die Partei als Ganzes kann das nicht.

The European: War Gerhard Schröder ein Mann mit Haltung?
Kahrs: Er war ein großartiger Bundeskanzler. Der Wahlkampf 2005 war der beste, den ich je erlebt habe. Furios! Schröder ist bei 21 Prozent gestartet und hat am Ende 33 geholt. Der hatte Haltung und die Leute haben das honoriert. Und an alle, die über die Agenda gemeckert haben: Wie viel haben wir bei den Wahlen danach gekriegt? 23 und 26 Prozent.

The European: Die „FAZ“ hat über Sie mal geschrieben, Sie ­würden in Ihrer Partei gehasst, gefürchtet, diffamiert, geschätzt und geliebt.
Kahrs: Radio Hamburg sagt: „Der Mix macht’s“.

The European: Sie ecken gerne auch mal bei den eigenen Leuten an. Kürzlich haben Sie Ihren Parteikollegen Ralf Stegner „unverantwortlich“ und „populistisch“ genannt, weil er ein Verbot von Waffenlieferungen an Israel gefordert hat.
Kahrs: Es war immer klar, dass die SPD zu Israel steht. Und es gehört eben auch dazu, dass man Waffen liefert, wenn sie gebraucht werden. Israel ist die einzige Demokratie, die es dort unten gibt. Auch ich habe große Probleme mit der aktuellen Regierung. Auch ich bin für eine Zwei-Staaten-Lösung. Nur, wenn Israel von den vielen Kriegen, die es meistens nicht angefangen hat, nur einen verloren hätte, gäbe es das Land heute nicht mehr.

The European: Den AfD-Chef Bernd Lucke haben Sie kürzlich als „Vollpfosten“ bezeichnet.
Kahrs: Ich glaube, dass man einfach klar sagen muss, wenn Leute mit Ängsten vor Menschen Politik machen und das mit professoralem Getue ummanteln. Wenn dort ein Vokabular benutzt wird wie das der „Altparteien“, dann weiß ich, wer das noch so gesagt hat. So jemandem muss man ganz klar sagen, was man von ihm hält. So, dass es jeder versteht – und ich auch meinen Spaß dabei habe. (lacht)

The European: Eine innige „Freundschaft“ verbindet Sie auch mit Andrea Nahles. Die findet es immer besonders wenig toll, wenn Sie Kante zeigen.
Kahrs: Helmut Schmidt hat mal gesagt, die SPD sei wie eine Möwe. Sie hat zwei Flügel, die beide flattern müssen, damit sie fliegen kann. Andrea repräsentiert einen Flügel unserer Partei. Das ist richtig und gut so. Und ich bin eben in einer Truppe, die einen anderen Teil repräsentiert. Vielleicht haben wir momentan zu viele Seeheimer und bräuchten mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke, die auf das rot-rote und rot-grüne Publikum eine gewisse Anziehungskraft haben.

The European: Interessanterweise sprechen sich auch die Seeheimer für eine Annäherung an die Linkspartei aus. Ist das ein Zugeständnis an den linken Flügel der SPD oder geht es um Machtoptionen?
Kahrs: Das Grundlegende ist, dass es einen Teil der Linken gibt, mit dem man gut arbeiten kann. Die kommen meistens aus dem Osten und haben Lebenserfahrung. Die wissen, wie Politik geht, und sind sehr pragmatisch. Mit denen zu regieren, damit habe ich gar kein Problem.

The European: Aber?
Wenn ich mir den ein oder anderen Vertreter der Linken aus dem Westen anschaue, möchte ich ehrlich gesagt die 150 Jahre SPD-Geschichte auf der richtigen Seite nicht von solchen Leuten abhängig machen.

„Die AfD steht auf dem Boden des Grundgesetzes“

The European: Gibt es Situationen in Ihrer Karriere, in denen Sie sich von sich selbst mehr Haltung gewünscht hätten?
Kahrs: Man macht immer Kompromisse, von denen man nachher denkt: „Hätte vielleicht nicht unbedingt sein müssen.“ Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht, aber glaube, dass am Ende etwas Vernünftiges dabei rumgekommen ist, und deshalb bin ich mit mir im Reinen. Ich habe mal für mich entschieden, dass ich nur in den Bundestag gehe, wenn ich direkt gewählt werde. Weil ich dann nicht abhängig von einer Landesliste bin und die Wähler sich entscheiden können, ob sie mich trotz meiner Ecken und Kanten wollen. Solange das so ist, ist es gut so.

The European: Macht es einen Unterschied, ein homosexueller Mann in der Politik zu sein?
Kahrs: Man ist, auch wenn man mir das nicht immer zutraut, etwas sensibler, wenn es darum geht, wie Gesellschaft miteinander um-geht. Wenn da so eine Schwuppe irgendwo sitzt, dann kriegt die durchaus mit, wie im Raum die Strömungen laufen.

The European: Was meinen Sie?
Kahrs: Wenn ich zum Beispiel Schulklassen da habe, dann fragen die mich, ob ich verheiratet bin und ob ich Kinder habe. Ich sage: „Ich hab einen Freund.“ Dann ist es erstmals still, es kichern ein paar Mädchen und stellen danach die weiteren Fragen. Es wird sich kein Junge mehr melden. In der Fraktion ist es entspannt. Schwierig ist, immer wieder zu erklären, warum wir die Gleichstellung zwar wollen, aber nicht umsetzen.

The European: Beim Mindestlohn haben Sie es ja auch hinbekommen.
Kahrs: Da war die CDU beweglich, bei der Gleichstellung null. Es war einfach nicht machbar. Und je stärker die AfD wird, desto geringer ist das Interesse der CDU, bei gesellschaftspolitischen Themen noch etwas zu machen, was dazu führen könnte, dass konservative Wähler abwandern.

The European: Was halten Sie von der AfD?
Kahrs: Sie steht auf dem Boden des Grundgesetzes. Man muss sie nicht mögen, ich mag sie nicht, aber sie ist akzeptabel und sie ist für viele rechts der CDU wählbar. Und die CDU hat nichts, was sie diesen Wählern anbieten kann.

The European: Man liest, Sie hätten noch nie Alkohol getrunken oder geraucht, haben keinen Fernseher und keinen Führerschein. Ist das alles noch richtig?
Kahrs: Meine Oma sagt immer, solche Leute würden mit 50 vom Auto überfahren. (lacht)

The European: Also ja.
Kahrs: Meine Oma hat auch gesagt, „die Summe aller Laster ist gleich“, und schaute mich fragend an. Ich hab mich mit Politik rausgeredet.

The European: Sie sind kein Asket?
Kahrs: Man wird mich wohl als vieles beschreiben können, aber wohl kaum als asketisch. Dann hätte ich meine Figur viel besser im Griff (lacht). Aber wegen mir kann jeder gern trinken und rauchen. Wir Seeheimer haben sogar einen Aschenbecher mit dem Konterfei von Helmut Schmidt rausgebracht.

„Es gibt zu wenige Charakterköpfe“

The European: Damit sind wir wieder beim Thema Haltung.
Kahrs: Der Staat muss aufpassen, wie weit man in die privaten Entscheidungen von Menschen hineinregiert, ja.

The European: Sie wären also kein Fan des Veggie-Days?
Kahrs: Jeder, der anfängt, mir vorzuschreiben, wann ich was zu essen habe, kriegt richtig einen auf die Löffel. Die Grünen sind da aber mehr Opfer als Täter gewesen. Die „Bild“-Zeitung hat in irgendeiner obskuren Ecke von deren Wahlprogramm etwas gefunden, was dort schon lange stand, und es hochgezogen. Der eigentliche Fehler der Grünen war, dass sie sich dazu nicht sofort richtig positioniert haben. Dass Frau Künast so stur dagegengehalten hat, hat das Thema erst richtig zum Thema gemacht.

The European: Man könnte auch sagen, Renate Künast hat ­Haltung gezeigt.
Kahrs: Manche Dinge sind dumm und manche sind Haltung. Manchmal entscheidet die Geschichte, was es war. Aber wenn Sie daran glaubt, dann muss sie das vertreten.

The European: Peter Tauber hat gesagt, die Grüne Claudia Roth sei eine Frau mit Haltung.
Kahrs: Ist sie. Claudi ist ’ne Marke. Muss man einfach sagen. Bei der neuen Führung der Grünen weiß man dagegen nicht so richtig, wofür die alle stehen.

The European: Haben Sie ein Vorbild, was Haltung angeht? Wir haben da so einen Verdacht.
Kahrs: Suchen Sie sich einen aus (zeigt auf die Bilder von Schmidt und Schröder an der Wand).

The European: Gibt es noch jemanden aus einem anderen politischen Lager?
Kahrs: Ole von Beust zum Beispiel. Er ist im jiddischen Sinne immer Mensch geblieben. Man muss nicht jede seiner Entscheidungen toll finden, aber er ist so eine Art Typ, wie man ihn in der Politik braucht. Oder Peter Altmaier: Wie der auf seine Art Politik macht und ein Charakterkopf ist. Ich finde, davon gibt es viel zu wenige.

The European: Es bräuchte mehr Typen in der Politik?
Kahrs: Na ja. Jeder möchte sie haben, aber sobald sie dann da sind, wird’s schwierig.

The European: Beim Wähler?
Kahrs: Im ganzen Drumherum. Der Wähler mag noch am ehesten Marken-Menschen.

The European: Sie mögen Marken-Menschen wohl mehr.
Kahrs: Was ich nicht mag, sind Leute in der Politik, bei denen ich das Gefühl habe, sie füllen nur einen Posten aus. Die einfach da sind und nichts wollen. Wie hat Müntefering mal gesagt? „Hingehen, wo es brodelt, riecht und stinkt.“ Das macht Spaß. Da findet Politik statt. Da kann man sich auch mal herzlich kappeln. Immer rein da mit Hurra.

The European: Keine halben Sachen?
Kahrs: Herbert Wehner würde sagen: „lau gebadet.“ Das geht nicht.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

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