Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

„In den 90ern war der größte Skandal ein Blowjob“

Mit Kurt Cobain starb auch die Unschuld der 90er-Jahre. Im Interview mit Alexander Görlach zieht Jörg Rohleder Bilanz: ein Gespräch über Popkultur, Politisierung und den Sound des Erwachsenwerdens.

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The European: Welches Großereignis prägte die Jugend der 90er-Jahre?
Rohleder: Der Tod Kurt Cobains. Daran kann sich jeder, der damals zwischen 12 und 20 war, erinnern. Es war unsere Mondlandung, unser Hiroshima, unser Attentat auf JFK. Nur viel, viel schlimmer.

The European: Wieso gerade Kurt Cobain?
Rohleder: Weil er gestorben ist. Die selbst auferlegte schlechte Laune der Generation Grunge wich echter Trauer. Nach seinem Tod dachte ich: Jetzt gibt es keine Helden mehr – jetzt brauchen wir keine mehr.

The European: Was hat die Jugend der 90er ideologisch geprägt?
Rohleder: Wir waren eine Art “gap”-Jugend. Die Generationen davor haben die großen Kämpfe ausgefochten. Gegen Atomkraft, NATO-Doppelbeschluss, den Schah von Persien. Wir mussten nicht mehr kämpfen. Natürlich gab es den Irakkrieg, die Kriege auf dem Balkan, die Brandanschläge von Mölln und Rostock, dennoch empfand ich das Jahrzehnt, zumindest damals, als eher unpolitisch. Pop war die Währung, alles andere blendeten wir gekonnt aus. Und im Endeffekt war die Welt in den 90ern eine einmalig blockfreie: Der Kalte Krieg war vorüber, die Zwillingstürme noch nicht eingestürzt.

The European: Was kennzeichnete die Jugend?
Rohleder: Ich glaube, dass man erst rückwirkend begreift, welche Freiheit den 90er-Jahre-Kindern eigentlich geschenkt wurde. Ein Jahrzehnt zuvor musste man für individuelle Chancen, Modelle und Freiheiten noch richtig kämpfen. Wir mussten das nicht. Bei uns hat der Direktor in der Abiturrede gesagt: Ihr könnt Kanzler, Astronaut oder Nobelpreisträger werden. Die Welt stand uns offen. Alles schien möglich. Leider konnten wir mit all der Freiheit und all den Chancen nicht wirklich etwas anfangen. Es scheint, als seien alle Chancen genau eine Chance zu viel. Wir haben nicht einmal gelernt, Bewerbungen zu schreiben. Abiturienten von heute bekommen die Angst vor morgen, Jobunsicherheit etc. mit dem Zeugnis überreicht, wir bekamen einen historisch einmaligen Freibrief. Heute absolvieren Schüler freiwillige Praktika in den Schulferien – das gab es bei uns nicht. Wir hatten keine Zukunftsangst. In den 90ern dachte jeder, die Welt würde wirklich zu einem besseren Ort werden. Der Kalte Krieg war vorüber, alle ideologischen Fronten waren geklärt und Religion war Privatsache, was heute leider nicht mehr der Fall ist.

“Heute definiert sich die Jugend über Facebook und YouPorn”

The European: Die 90er waren stark von Jugendkultur geprägt. Bei mir auf der Schule gab es zwei Lager: die Indies und die Technos.
Rohleder: Und natürlich die Hip-Hoper. Die 90er-Jahre haben die letzten globalen Jugendkulturen analoger Form hervorgebracht. Seit den Nullerjahren wird Jugendkultur für immer eine digitale Komponente besitzen. Oder gleich darüber definiert: Generation Facebook, Generation YouTube, Generation YouPorn.

The European: Täusche ich mich oder war Popkultur in den 90ern wichtiger als heute?
Rohleder: Es scheint zumindest so. Einfach nur, weil man sich in den 90ern um nichts groß kümmern musste. Es war das Jahrzehnt, in dem alles Pop wurde. Wenn Politik nur alle vier Jahre ein Kreuz bedeutet, hat niemand ein schlechtes Gewissen, einer Demonstration Friede, Freude und Eierkuchen zu widmen. Warum auch nicht? Demonstrare bedeutet: Wir sind hier und wir sind viele. Fertig. Finde ich auch total okay. Wenn man sich Fotos von Ravern aus den Jahren 90 bis 97 anschaut, sehen die doch unfassbar unschuldig und glücklich aus. Und nicht so fertig wie viele der Berghain-Kids heute, die das Morgen und die damit verbundene Restrealität ausblenden und niedertanzen wollen. Vielleicht auch müssen.

The European: Haben sich die drei Strömungen, von denen wir eben sprachen, Indie, Techno, Hip-Hop, ideologisch unterschieden?
Rohelder: Das glaube ich nicht. Wir wollten einfach Teil einer Jugendbewegung sein.

The European: Der erste Golfkrieg hat damals in uns Schülern ja schon etwas ausgelöst. Es gab viele Demos. So unpolitisch waren wir gar nicht.
Rohleder: Auch die Brandanschläge auf die Asylantenheime in Lichtenhagen und Rostock haben politisiert. Das hat uns natürlich total geschockt. Trotzdem war es etwas anderes als der NATO-Doppelbeschluss oder das SDI-Programm von Reagan, als der amerikanische Präsident als Darth Vader auf dem Titelbild des Spiegels dargestellt wurde und die Zeile “Waffen für den Krieg der Sterne” lautete. In den 90ern war der große Skandal in Washington ein Blowjob.

“Wir sind keine unpolitische Generation”

The European: Ernten wir heute die Früchte – es heißt ja, wir seien die unpolitischste Generation seit Langem?
Rohleder: Ich musste über Günter Grass’ Kommentar schmunzeln, als er sagte, die jungen Schriftsteller von heute seien so unpolitisch wie die der Weimarer Republik. Ach ja? Bert Brecht, Tucholsky, Erich Maria Remarque? Total unpolitisch. Oder einfach nur die verzerrte Wahrnehmung eines alten Mannes. Ich glaube nicht, dass wir eine unpolitische Generation sind.

The European: Sind wir eher eine pragmatische Generation, die nur auf das schaut, was möglich ist, und keine Vision entwickelt?
Rohleder: Ob wir pragmatischer als andere Generationen sind, weiß ich nicht genau. Vielleicht sind wir manchmal zu bequem, vielleicht fehlen die Ausschläge nach oben und unten, die Extreme. Wie bei einer MP3.

The European: Wie bitte?
Rohleder: MP3 ist ja ein Kompressionsverfahren, bei dem in den Höhen und Tiefen etwas weggeschnitten wird, die Ausschläge eben. Vielleicht fehlen die bei uns ein wenig, weil wir die großen Fragen nicht mehr für uns klären mussten.

The European: Fehlt uns deshalb nicht auch das Instrumentarium, um gesellschaftliche Konflikte zuzuspitzen und auch auszutragen?
Rohleder: Es kann sein, dass uns die Kampfmittel fehlen und vielleicht auch die Art der Dialektik, die dafür notwendig wäre. Aber zurück zu deiner Frage von eben: Unserer Generation vorzuwerfen, wir scheuten Visionen, ist lächerlich. Sergey Brin und Larry Page sind Söhne der 90er, Lady Gaga ist Tochter der 90er.

“15 Megabytes of Fame”

The European: Wie schätzt du die Jugend der heute 16-Jährigen ein?
Rohleder: Ich finde es unfassbar spannend, zu beobachten, wie Digitalität die Jugend verändert. Wer heute 16 Jahre alt ist, weiß gar nicht, wie es war, analog zu leben. Bits und Bytes sind das neue Lego, ein Internetzugang quasi Geburtsrecht, Handys mit Flatrate selbstverständlich. Aber man darf sich nichts vormachen: Diese Generation und die darauf folgenden werden uns ganz schön vor sich hertreiben. Weil wir zu jung sind, um uns in die analoge Frührente zu retten – und den digitalen Anschluss nicht verpassen dürfen. Die Art und Weise, wie man denkt, wie man sein Leben verwaltet, wie man kommuniziert, wie man Freundschaften pflegt, wie Wissen verwaltet wird und wie man mit Erinnerungen umgeht, wird revolutioniert. Aus “15 Minutes Of Fame” sind “15 Megabytes of Fame” geworden.

The European: Du hast gesagt, es wird alles infrage gestellt. Ist deswegen auch der Blick auf unsere Jugend, den du in "Lokalhelden“ beschreibst, vielleicht schon verklärt?
Rohleder: Die Lebensgeschwindigkeit hat sich verändert, sicherlich. Aber: “Lokalhelden” ist ein Roman, keine Autobiografie. Ehrlich gesagt habe ich mich nach dem Schreiben des Buchs manchmal gefragt, ob der Ton stellenweise nicht zu kalt ist. Wenn ich vorgehabt hätte, unsere Jugend zu verklären, hätte ich sie überhöht und uns größer, schlauer, schöner und cooler gemacht, als wir waren.

The European: Was definitiv im Buch nicht der Fall ist.
Rohleder: Nein, die Hauptfigur wichst zu Madonna, raucht vor dem Mathe-Abi Bong, jobbt bei McDonald’s und hat Angst vor dem Rattenrennen, das nach der Schule als die große Freiheit des rechten Lebens verkauft wird. Die “Lokalhelden” sind die letzte Hängergeneration Westdeutschlands. Sie haben Spaß und geben einen Dreck auf Schmuckwerk im Lebenslauf.

The European: Es gibt aber schon Überschneidungen zwischen der Hauptfigur und dir?
Rohleder: Man kann am besten über das schreiben, was man kennt. Und ja, natürlich bin ich in dieser Zeit in dieser Vorstadt von Stuttgart aufgewachsen und war auf einer Schule, die sehr ähnlich aussah wie die Schule, die ich im Buch beschreibe. Ich bin Skateboard gefahren wie die Hauptfigur, hatte denselben Spitznamen und habe ebenfalls Sahnepatronen inhaliert.

The European: Eine empfehlenswerte Erfahrung?
Rohleder: Das war recht amüsant und fühlt sich so an, als ob eine Horde Aliens einen für 30 Sekunden in den Hyperraum mitnimmt. Man sollte allerdings damit aufhören, bevor man keinen Nebensatz mehr schreiben oder denken kann.

The European: Die Vorstadt, die du beschreibst, wirkt wie eine Vorhölle, die man aber mochte, weil man keine Alternative kannte …
Rohleder: Und doch ahnte, dass vor den Toren Schwabylons eine interessantere Welt wartet.

The European: Dennoch schreibst du über eine eigentlich sorgenfreie Zeit.
Rohleder: Weil ich sie so erlebt habe. Ich hatte als Jugendlicher keine existenziellen Probleme. Ich litt nicht unter Weltschmerz, Pickeln oder dem Mangel an Freunden.

The European: Dein Buch ist ein klassischer Coming-of-Age-Roman, es geht darum, erwachsen zu werden. Würdest du sagen, dass du heute erwachsen bist?
Rohleder: Mal sehen, ob es damit irgendwann noch etwas wird.

The European: Du beschäftigst dich heute hauptberuflich mit Musik. Ich nenne einfach ein paar Stationen in deinem Leben und du sagst mir das Lied, das dir dazu einfällt. Erster Kuss?
Rohleder: Kuschelrock 4. “She’s Like the Wind” von Patrick Swayze. Fieses Lied. Wenn ich es heute höre, muss ich immer noch an das kleine, staubige Mädchenzimmer meiner ersten Kuss-Freundin denken. Die Plakate von “New Kids on the Block” und Jason Donovan an den Wänden, ihre Regenjacke der Greenbay Packers, die betonharte Föhnfrisurhaartolle, der obligatorische Indianerpulli von “Diesel”, der verdammte 38er Bus, der immer auf der falschen Straßenseite kam.

The European: Der erste Vollrausch?
Rohleder: Die Ärzte, “Nach uns die Sinnflut”.

The European: Während der ersten Autofahrt?
Rohleder: Luniz, “I Got 5 On It”.

The European: Nach der ersten Trennung?
Rohleder: Eine peinlich bemalte Kassette der Ramones, gehört auf meinem Quelle-Walkman wohlgemerkt.

The European: Der erste Urlaub ohne Eltern?
Rohleder: Githion, Griechenland, veranstaltet vom evangelischen Reisedienst. Das war echt hart. Das Hotel sah aus wie die Außenstelle von Stammheim und war 40 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt, es war die Hölle. Wir haben damals nur Chili Peppers’ “Blood Sugar Sex Magik” gehört. Der Urlaub hatte aber weder Blood, Sugar, Sex noch Magic.

The European: Beim Auszug von zu Hause?
Rohleder: “Bambule” von den Absoluten Beginnern und „Entroducing“ von DJ Shadow.

The European: Von heute aus gesehen: das Lied deiner Jugend?
Rohleder: Mit 12 “Sweet Child O’ Mine” (Guns’N’Roses), mit 14 “Smells Like Teen Spirit” (Nirvana), mit 16 “Deutschland muss sterben” (Slime), mit 17 “Big Poppa” (Notorious B.I.G), mit 18 “Mutterstadt” (Massive Töne).

Jörg Rohleders aktuelles Buch heißt Lokalhelden.

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